APUZ Dossier Bild

18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Familialismus und transnationale Lebensführung, Randständigkeit und Mehrfachzugehörigkeit, Rückzug und soziales Teilhabebedürfnis: Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung entziehen sich gängigen Klischeebildern.

Einleitung

In "Zurückkehren" erzählt Tahar Ben Jelloun über die Verwundbarkeit des Alterns in der Migration.[1] Mit der Pensionierung, nach 40 Jahren Fließbandarbeit bei Renault, gerät für Mohammed, den Romanhelden, das gesamte Leben aus den Fugen. Das Ausscheiden aus dem Produktionsprozess destabilisiert und löst Ängste aus: vor dem Verlust an Struktur, Sinn, Anerkennung und einem Zukunftshorizont voller Ungewissheit. Mohammed realisiert schmerzhaft die existenzielle Fragilität und Ausgesetztheit des migrantischen Daseins: Ein Leben bestimmt durch die Anforderungen und den Rhythmus der harten Fabrikarbeit; Kinder, die sich von Herkunft und Traditionen lossagen; ein kaum erschlossenes und zunehmend verwahrlosendes Lebens- und Wohnumfeld. Dann das Alter: nicht vorhergesehen, eine Art Leerstelle im Projekt der Migration. Mohammed kehrt überstürzt in sein Heimatdorf zurück, mit dem Plan, ein Haus zu bauen: Ein Haus des Glücks und Friedens, für die wieder vereinte Familie, in dem selbst die Narben verheilen können.

Migration und Exil, Entfremdung und Nostalgie, Leiden und Erlösung. Wie in vielen von Ben Jellouns Büchern behandelt auch "Zurückkehren" die Erfahrung einer doppelten Abwesenheit. Nach Abdelmalek Sayad, von dem dieser Begriff stammt,[2] lebt die erste Generation der Arbeitsmigranten nicht zwischen, sondern in zwei Welten, aber sie ist dort, wo sie anwesend ist, zugleich abwesend: Innerlich anwesend, aber körperlich abwesend im Herkunftsland, das verklärt wird, während es sich gleichzeitig wirtschaftlich und kulturell vom imaginierten Idealbild entfernt; körperlich anwesend, aber innerlich abwesend im Aufnahmeland, das fremd und unvertraut bleibt und sich doch, unmerklich, stetig in das Leben einschreibt. Die Leidenserfahrung der Migration erzeugt Depression, Erschöpfung, aber auch spezifische Formen der Bewältigung und eigensinniger Lebensführung: idealisierte Erinnerungen und Rückkehrträume, sozialräumliche und ethnische Inselbildung, Überhöhung von Traditionen und Familienleben.

In "Zurückkehren" mobilisiert Mohammed all seine Kraft und Ressourcen, um sein Projekt zu realisieren. Das Haus entsteht: überdimensioniert, großzügig, phantastisch, eine Art Trutzburg, am Rande des Dorfes gelegen und weithin sichtbar, das ebenso spektakulär wie die Architektur sein Ziel verfehlt. Das Projekt beruht auf Realitätsverweigerung, einem Akt des Widerstands, getrieben von Phantasiebildern, die ihn taub machen für die Argumente seiner Kinder, die ihn noch am Telefon wachzurütteln versuchen: Die Wirklichkeit lässt sich auf diese Weise nicht überschreiten, sozialer Wandel und Generationswechsel nicht aufhalten, die idealisierte Welt der einstigen Heimat und eigenen Jugend nicht wiederherstellen. Mohammed wartet umsonst. Die Kinder kommen nicht. Er zerbricht, flüchtet in den Tod.

Fußnoten

1.
Vgl. Tahar Ben Jelloun, Zurückkehren, Berlin 2010.
2.
Vgl. Abdelmalek Sayad, La double absence, Paris 1999.

Dossier

Grundlagendossier Migration

16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben 2010 allein in Deutschland. Was bedeutet das für die Integration? Wie sieht das Asyl- und Zuwanderungsrecht in Europa aus, und welche globalen Trends zeichnen sich ab?

Mehr lesen

Dossier

1961: Anwerbeabkommen mit der Türkei

Am 30. Oktober 1961 schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. Heute gehört deutsch-türkisches Zusammenleben zur Alltagsrealität in Deutschland - von Hamburg bis München, von Köln bis Berlin.

Mehr lesen