In einem Labor der Gewebebank des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Adipositaserkranungen (IFL) an der Universität Leipzig beobachtet Tierpflegerin Eva Böge eine adipöse Maus mit einem Gewicht von 52 Gramm (l) und eine normale Maus mit 20 Gramm, aufgenommen am 06.01.2012. Die Labormäuse gehören zu einem großen Forschungsprogramm der Wissenschaftler am IFL, die hier unter anderem auch auf der Suche nach der ultimativen Schlankheitspille ohne Nebenwirkungen sind. Helfen sollen dabei Untersuchungen des Fettgewebes von adipösen Patienten und bei Tieren. In einer bundesweiten Gewebebank, die gegenwärtig weiter ausgebaut wird, lagert bereits Material von rund 800 Patienten. Foto: Waltraud Grubitzsch dpa/lsn (zu dpa-Korr vom 08.01.2012)

14.2.2012 | Von:
Hilal Sezgin

Dürfen wir Tiere für unsere Zwecke nutzen? - Essay

Was "Speziezismus" bedeutet

In der Frühen Neuzeit und in der Zeit der Aufklärung wurde ein vorwiegend religiös bestimmtes Weltbild von einem naturwissenschaftlichen abgelöst und schuf neue Erklärungsmuster für eine scharfe Trennung zwischen Mensch und Tier. Die Naturwissenschaften machten rasante Fortschritte und setzten ein mechanistisches Weltbild durch, in dem Organismen zunehmend durch physikalische und chemische Prozesse erklärt wurden. Das Phänomen "Leben" wurde gleichsam entzaubert, und zwar so weit, dass man annahm, dass Tiere nichts weiter als hochkomplexe Maschinen seien. Man begeisterte sich für die Vivisektion, beobachtete die Funktion von Herz, Muskeln und Nerven am aufgeschnittenen lebenden Organismus. Laut René Descartes, der seine physiologische Sammlung seine "Bibliothek" nannte, funktioniert der tierische Körper mit all seinen Nervenimpulsen und Aktionen wie ein Uhrwerk oder ein anderer Automat. Das Erbe solcher Vorstellungen findet sich bis in die Verhaltensbiologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder, in der das Tier als von "blinden Instinkten gesteuert" galt.[5] Je nach Terminologie galt und gilt der Mensch im Unterschied dazu als mit einer Seele, mit Vernunft oder mit einem freien Willen ausgestattet. Der freie, willentliche Gebrauch der Vernunft wurde seit der Aufklärung zum bedeutendsten Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier. Die Moralphilosophie Immanuel Kants beispielsweise, die bis heute das kontinental-europäische Nachdenken über Moral prägt, leitet Moral allein aus der Vernunftbegabung des Menschen ab.

Dieselben Aufklärer, die damals die Idee einer Republik proklamierten, sahen allerdings erst viel später ein, dass Freiheit auch für die Sklaven aus und in den Kolonien zu gelten habe; auch Frauen waren von dem Postulat der Freiheit lange ausgeschlossen (angeblich besaßen sie weniger Vernunft). Und dass diese früheren Verfechter der Gleichheit und Gerechtigkeit Tiere erst recht außen vor ließen, kann man ihnen in gewisser Weise nicht vorwerfen: Sie waren damit beschäftigt, die monarchische Herrschaftsform durch die demokratische abzulösen, revolutionär genug!

Von heute aus gesehen muss man allerdings fragen, ob der kategorische Ausschluss von Tieren nicht ähnlich beschränkt ist wie seinerzeit der von Sklaven und Frauen. Genau das ist mit dem Begriff "Speziezismus" gemeint, mit dem Tierrechtler seit Mitte der 1970er die ungerechtfertigte Bevorzugung der menschlichen Spezies gegenüber anderen Tierarten bezeichnen; die Ausbeutung und Rechtlosigkeit von nicht-menschlichen Tieren ähnele in ihrer (Un-)Logik dem Rassismus und Sexismus. Den moralischen Kerngedanken, dass die Ähnlichkeit mit uns Menschen genau besehen keinen Grund liefert, ein Lebewesen besser oder schlechter zu behandeln als ein anderes, hat bereits Jeremy Bentham 1828 in einer berühmten Fußnote formuliert: "Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindendes Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht 'Können sie denken?' oder 'Können sie reden?', sondern 'Können sie leiden?'."[6]

Gewiss sind die allermeisten Tiere keine autonomen Personen wie gesunde erwachsene Menschen, die miteinander über Gott und die Welt diskutieren, sich zwischen Parteiprogrammen entscheiden und Autos steuern können; dies ist zwar ein Grund, Tieren kein Wahlrecht und keine Führerscheine zuzubilligen, nicht aber, ihnen gleich jede andere Form von Selbstbestimmung abzusprechen. Und gewiss trifft ein Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte mehr und flexiblere Entscheidungen als eine Ratte - aber wenn die Empfindungen beider so ähnlich sind, dass man die eine Spezies zum Wohle der Anderen qualvollen Versuchen unterzieht, muss man sie dann nicht auch moralisch annähernd gleich gewichten? Es ist widersinnig, bei Laborratten Gefühle wie Depressionen, Angst, Stress zu provozieren, um an ihnen entsprechende Psychopharmaka zu testen - im selben Atemzug aber zu behaupten, dass diese Angst, dieser Stress und diese Depressionen, kurz: das gesamte Innenleben der Ratte verglichen mit dem des Menschen nicht ins Gewicht falle.

Der medizinische Nutzen von Tierversuchen sei einmal dahingestellt;[7] jedenfalls behaupten die Befürworter von Tierversuchen nicht etwa, dass die Interessen von Tieren dabei überhaupt nicht in Betracht gezogen werden müssten. Nur gilt bisher: Wo immer das Interesse eines Menschen gegen das von egal wie vielen Tieren steht, die zudem egal welche entsetzlichen Qualen zu durchleiden haben, scheint bisher das des Menschen die anderen zu übertrumpfen. Doch warum? Wenn es nicht Gott war, der uns Menschen erlaubt hat, mit dem Tierreich anzustellen, was uns beliebt, wenn Tiere mehr sind als Maschinen, und wenn das Recht des höheren IQ moralisch genauso wenig überzeugend ist wie das Recht des Stärkeren - dann dürfen die Interessen des Menschen nicht immer Vorrang haben, nur weil sie eben menschlich sind.

Fußnoten

5.
Vgl. Jean-Claude Wolff, Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere, Erlangen 20052.
6.
Jeremy Bentham, An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, London 1823 (zuerst: 1789), S. 235.
7.
Vgl. Corina Gericke, Was Sie schon immer über Tierversuche wissen wollten. Ein Blick hinter die Kulissen, Göttingen 2011.

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