In einem Labor der Gewebebank des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Adipositaserkranungen (IFL) an der Universität Leipzig beobachtet Tierpflegerin Eva Böge eine adipöse Maus mit einem Gewicht von 52 Gramm (l) und eine normale Maus mit 20 Gramm, aufgenommen am 06.01.2012. Die Labormäuse gehören zu einem großen Forschungsprogramm der Wissenschaftler am IFL, die hier unter anderem auch auf der Suche nach der ultimativen Schlankheitspille ohne Nebenwirkungen sind. Helfen sollen dabei Untersuchungen des Fettgewebes von adipösen Patienten und bei Tieren. In einer bundesweiten Gewebebank, die gegenwärtig weiter ausgebaut wird, lagert bereits Material von rund 800 Patienten. Foto: Waltraud Grubitzsch dpa/lsn (zu dpa-Korr vom 08.01.2012)

14.2.2012 | Von:
Kathrin Voss

Kontrovers und sexy - Kampagnen der Tierrechtsorganisation PETA

Erfolg oder Misserfolg?

In den meisten westlichen Ländern gibt es inzwischen zahlreiche Gesetze, die den Tierschutz regeln, wie Vorschriften zur Tierhaltung in der Landwirtschaft oder zu Tierversuchen in der Forschung. Diese wären ohne die Tierschutz- und Tierrechtsbewegung sicherlich nicht zustande gekommen, denn diese hat maßgeblich dazu beigetragen, das von Menschen verursachte Leiden von Tieren in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Hinzu kommen zahlreiche Einzelerfolge. PETA konnte vor allem in den USA einige große Unternehmen zur Änderung ihrer Tierversuchspolitik bringen und Bekleidungsunternehmen dazu, auf Pelz zu verzichten. In der medizinischen und wissenschaftlichen Forschung ist PETA zu einem gefürchteten Gegner geworden. Auch Fastfoodketten haben ihre Einkaufs- und Angebotspolitik auf Druck von PETA verändert.[28] Aber nicht alle Kampagnen sind von Erfolg gekrönt. Seit 2001 versucht PETA Kentucky Fried Chicken wie zuvor andere Fastfoodketten dazu zu bringen, ihre Einkaufspolitik zu verändern, bisher nur mit kleineren Teilerfolgen.[29] Diese eher kooperativen Kampagnen brachten der Organisation zudem Kritik von anderen Tierrechtsorganisationen, die in der Schaffung besserer Lebensbedingungen für Nutztiere einen Verrat der eigentlichen Ziele der Tierrechtsbewegung sehen.[30]

Auch die wohl bekannteste Dauerkampagne von PETA gegen das Tragen von Pelzen ist keine hundertprozentige Erfolgsgeschichte. Zwar trugen die Kampagne und die spektakulären Aktionen maßgeblich dazu bei, das Tragen von Pelzen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre zu einem Tabu zu machen - allerdings nicht auf Dauer. In den vergangenen Jahren verwenden viele Designer wieder Pelz, und einige Models, die sich in den 1990er Jahren noch für die PETA-Kampagne auszogen, machen inzwischen wieder Werbung für Mode mit Tierfellen. Dies offenbart ein weiteres Problem der lifestyleorientieren Kampagnen, die auf Prominente als Vorbild setzen. Die Prominenten werden eingesetzt, weil sie öffentliche Aufmerksamkeit garantieren, aber diese ist eben auch gewiss, wenn sie entgegen ihrer ursprünglichen Werbeaussage handeln. Auch arbeitet PETA bei anderen Themen mit Prominenten zusammen, die ganz offensichtlich bestimmte Ziele der Organisation nicht unterstützen und beispielsweise offen Pelz tragen. Solche Vorfälle reduzieren nicht nur die Glaubwürdigkeit der Prominenten, sondern auch die von PETA. Für Kritiker ist das eine Bestätigung, dass es PETA nur um öffentliche Aufmerksamkeit geht.

Stellt sich die Frage, wie die schockierenden Bilder, aber auch die Lifestyle-Kampagnen ankommen. Verschiedene Studien, vor allem aus den USA, kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Studien über die Mitglieder von Tierrechtsorganisationen zeigen, dass Info-Material von Organisationen, vor allem auch solches mit schockierenden Bildern, nicht nur einen hohen Einfluss auf die Entscheidung hatte, sich in diesem Feld zu engagieren, sondern meist auch eine vegane oder vegetarische Ernährung zur Folge hatte.[31] Doch wie sieht es beim Rest der Bevölkerung aus? Viele Anzeigenmotive von PETA bewirken wohl eher das Gegenteil und schrecken Menschen ab, weil sie deren kulturelle Vorstellungen angreifen. Als abschreckend werden dabei nicht nur die schockierenden Bilder empfunden, abgelehnt werden auch die patriotischen, religiösen und sexualisierten Motive.[32]

Zu der am häufigsten geäußerten Kritik gegenüber den Kampagnen von PETA gehört der Vorwurf des Sexismus, der sich in erster Linie darauf bezieht, dass PETA in Kampagnen immer wieder nackte oder halbnackte Frauen zeigt. Dazu enthalten die Slogans häufig sexuelle Anspielungen und die Gestaltung der Motive erinnert nicht selten an softpornografische Bilder. Kritiker werfen der Organisation daher vor, Frauen zu Objekten zu machen, Geschlechterstereotypen zu reproduzieren und das gängige Schönheitsideal zu propagieren. Einige Kritiker werfen der Organisation zudem vor, rassistisch zu sein, da die meisten Anzeigenmotive weiße, blonde Frauen zeigen. PETA-Gründerin Ingrid Newkirk verteidigt diese Vorgehensweise als legitimes Mittel, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und verweist darauf, dass alle Models und Prominente in solchen Anzeigen Freiwillige seien. Aber wohl auch als Reaktion auf die anhaltende Kritik sind die PETA-Kampagnen zunehmend geschlechtsneutral geworden und bilden inzwischen sowohl Männer als auch Frauen ab. Geblieben ist allerdings die sexualisierte Darstellung. Kritiker sehen darin eine Bagatellisierung des eigentlichen Anliegens. Das Thema Tierrecht würde durch die sexualisierte Werbung in den Hintergrund rücken und PETA-Kampagnen den eigentlichen Zielen daher eher schaden.[33]

Dass PETA mit schockierenden Kampagnen den schmalen Grad zwischen positiver Aufmerksamkeit und Ablehnung zu überschreiten weiß, verdeutlicht wohl kein Beispiel besser als die Ausstellung "Der Holocaust auf Ihrem Teller". Die verglich Bilder vom Holocaust mit Bildern aus der Massentierhaltung und wurde 2003 erstmals in den USA gezeigt und ging später dann auch in andere Länder. Nicht nur in Deutschland löste der Vergleich Proteste aus. In den USA wurde die Ausstellung 2005 beendet. In Deutschland wurde PETA die Verbreitung der Ausstellung 2005 gerichtlich untersagt. Mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht ist PETA 2009 gescheitert. Der Ausstellung "Der Holocaust auf Ihrem Teller" folgte in den USA eine weitere kontroverse Ausstellung mit dem Titel "Animal Liberation Project: We Are All Animals", dass Bilder von Massentierhaltung mit Bildern des Leidens von Sklaven und anderen unterdrückten Menschen verglich. Auch diese Ausstellung führte zu massiven Protesten. Analogien zwischen Tierausbeutung und Holocaust und Sklaverei hat es in der Tierrechtsbewegung bereits zuvor gegeben. Viele Tierrechtler bezeichnen sich beispielsweise als "Abolitionisten", um damit ihre Verbindung zu der historischen Anti-Sklaverei-Bewegung zu signalisieren und Gruppierungen wie die Animal Liberation Front haben schon immer Vergleiche zum Holocaust genutzt.[34] Doch kaum eine Organisation nutzt den Vergleich so plakativ wie PETA. Bleibt die Frage, ob und in welchem Maße die Ausstellungen und solche Vergleiche das eigentliche Ziel, die Neubewertung der Sichtweise auf Mensch und Tier zu verändern, erreicht hat.

Fußnoten

28.
Vgl. online: www.peta.de/erfolge und www.peta.org/about/learn-about-peta/success-stories.aspx (9.1.2012).
29.
Vgl. Heather M. Griffiths/Christopher Steinbrecher, The Colonel's Strategy: KFC, PETA, and Superficial Appeasement, in: Sociological Spectrum, 30 (2010) 6, S. 725-741.
30.
Vgl. Gary Francione, Rain Without Thunder: The Ideology of the Animal Rights Movement, Philadelphia 1996, S. 34f.
31.
Vgl. B.M. Lowe/C. F. Ginsberg (Anm. 10); James M. Jasper/Jane D. Poulsen, Recruiting Strangers and Friends: Moral Shocks and Social Networks in Animal Rights and Anti-Nuclear Protests, in: Social Problems, 42 (1995) 4, S. 493-551.
32.
Vgl. Marie Mika, Framing the Issue: Religion, Secular Ethics and the Case of Animal Rights Mobilization, in: Social Forces, 85 (2006) 2, S. 915-941.
33.
Vgl. Andrea Heubach, Der Fleischvergleich - Sexismuskritik in der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung, in: Chimaira - Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hrsg.), Human-Animal Studies - Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen, Bielefeld 2011, S. 243-277; Carol J. Adams, The Pornography of Meat, New York, 2003; Maneesha Deckha, Disturbing Images. Peta and the Feminist Ethics of Animal Advocacy, in: Ethics & the Environment, 13 (2008) 2, S. 35-76; Nikki Craft, PETA - Where Only Women Are Treated Like Meat, online: http://nostatusquo.com/ACLU/PETA/peta.html (9.1.2012).
34.
Vgl. Claire Jean Kim, Moral Extensionism or Racist Exploitation? The Use of Holocaust and Slavery Analogies in the Animal Liberation Movement, in: New Political Science, 33 (2011) 3, S. 311-333.

Dossier

Umwelt

Die Umwelt stellt uns Lebensgrundlagen und Rohstoffe zur Verfügung, die wir pflegen und erhalten sollten. Doch es fällt schwer, klare Grenzen zu ziehen: Wo nutzt der Mensch die Natur? Und wo zerstört er sie dauerhaft?

Mehr lesen

Schriftenreihe (Bd. 10450)

Haben Tiere Rechte?

Angesichts eines gewachsenen Verantwortungsbewusstseins gegenüber (Nutz-)Tieren beschäftigt sich das Buch aus interdisziplinärer Sicht mit unterschiedlichen Aspekten des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses. Es enthält Analysen, beschreibt Herausforderungen und eröffnet neue Perspektiven.

Mehr lesen