Megafon

26.1.2012 | Von:
Paula Diehl

Populismus und Massenmedien

Neue Tendenzen

Die postmoderne Selbstdarstellung des österreichischen Rechtspopulisten Heinz Christian Strache oder die dekonstruktivistische Inszenierung von Silvio Berlusconi liefern dafür gute Beispiele. Sie provozieren nicht nur, sondern beziehen massenmediale Hyperrealität und Unterhaltung in ihren eigenen Kommunikationsstil und Diskurs mit ein. Kennzeichnend für Hyperrealität ist die Unsicherheit bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Massenmediale Inszenierungen, die auf Hyperrealität bauen, sind von Selbstreferenzialität und Selbstdekonstruktion geprägt; das heißt, sie beziehen sich nicht primär auf die Realität, sondern auf die zirkulierenden Bilder innerhalb der Massenmedien. Als Unterhaltungsquelle verspricht Hyperrealität eine distanzierte Haltung des Publikums mit hohem Vergnügungswert. Für die Politik aber riskiert sie, den Bezug zum Politischen zu verlieren. Postmoderne Populisten mischen diese Logik in ihre Selbstdarstellung.

Wenn Strache sich mit Che-Guevara-Mütze zeigt und seine Plakate mit typografischen Veränderungen der Buchstaben CHE aus seinem Namen ausstattet, versucht er keineswegs, an die linke Ideologie des lateinamerikanischen Idols anzuknüpfen, sondern eignet sich den Konsumwert des Che-Mythos an, der schon längst seine politische Brisanz verloren hat und neben "Evita" oder Marylin Monroe zur Pop-Ikone geworden ist. Diese Aneignung gehört zur selbstreferenziellen Logik der Massenmedien und fungiert als Zitat des massenmedialen Mythos. Postmodern ist Strache auch insofern, als er unterschiedliche Symbole mit verschiedenen Ursprüngen kombiniert und divergente Lebensstile anspricht. So knüpft er an die Technoszene an und zeigt sich als Party-Besucher. Aber er präsentiert sich zugleich als xenophober Verfechter traditioneller Werte und appelliert an konservative Gemeinschaftsgefühle. Berlusconi geht auf die Selbstreferenzialität der Massenmedien auf eine andere Art und Weise ein: Er dekonstruiert sich selbst. Dem Publikum wird der Unterschied zwischen Berlusconi als Unterhalter und Berlusconi als Politiker nicht deutlich gemacht. So ist Berlusconi imstande, seine eigene politische Rede zu unterbrechen und an der Stelle einen Witz über sich selbst, über die Kulissen oder über die Regieanweisungen seines eigenen Auftritts zu machen.[22]

Beide Fälle sind typische Beispiele für Hybridphänomene. Sicherlich bedienen sich Strache und Berlusconi der populistischen Logik. Aber sie greifen auch auf Unterhaltung und hyperreale Techniken der Inszenierung zurück wie etwa das Selbstzitat oder das Zitat von anderen massenmedialen Produkten. Ihr Kommunikationsstil ist nicht nur das Ergebnis einer Anpassung an die Massenmedien. Vielmehr scheinen sie auf radikale Weise die neue Inszenierungsdynamik der Massenmedien voranzutreiben. Selbstreferenzialität und Dekonstruktion sind hier ebenso wichtig wie der Rückgriff auf die populistische Logik mit dem Appell an das Volk und der emotionalen Bindung an den Leader. Gerade weil politische Akteure zunehmend mehrere Logiken in ihrer Kommunikation kombinieren, werden sie immer wieder mit neuen Populismus-Kategorien gedeutet wie etwa "Medienpopulismus", "Telepopulismus" oder "postmoderner Populismus".

Hieran anschließend stellt sich eine andere Frage: Inwieweit ist die populistische Logik bestimmend? Denn obwohl der Populismus eine Verschiebung der demokratischen Repräsentation verursacht, erinnert er immer noch daran, dass das Volk der Souverän ist. Verliert man sich in Selbstzitaten und Dekonstruktionen, riskiert auch das Volk, als Adressat der politischen Kommunikation, zu bloßen Unterhaltungskonsumenten zu werden.

Fußnoten

22.
Vgl. Paula Diehl, Dekonstruktion als Inszenierungsmethode, in: Andreas Dörner/Christian Schicha (Hrsg.), Politik im Spot-Format, Wiesbaden 2008, S. 313-335.