30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Megafon

26.1.2012 | Von:
Karlies Abmeier

Tabus in öffentlichen Debatten. Zur Fragwürdigkeit von verschwiegenen Bereichen

Tabus sind ambivalent: Sie können die Rechte Einzelner sowie von Gruppen schützen, aber auch den offenen Diskurs durch Verschweigen von Themen behindern. Ihre ethische Rechtfertigung hängt vom Nutzen für das Zusammenleben ab.

Einleitung

Sprechverbote in Deutschland? Das scheint auf den ersten Blick in einem freien, demokratischen Land undenkbar - ist doch Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Meinungsfreiheit garantiert, ein Grundpfeiler unserer Verfassung. Aber was ist mit Einschränkungen dieses Grundrechts, die gesellschaftliche Konventionen, scheinbar oder tatsächlich, mit sich bringen? Wie weit geht political correctness? Wie gehen wir mit Stammtischparolen und Populismus um? Welche Mechanismen lösen Ressentiments und tabuisierte Zonen im Kampf um Meinungsführerschaft in öffentlichen Debatten aus?

Etwas, über das man nicht sprechen darf, wird umgangssprachlich als Tabu bezeichnet. Tabus kommen in allen Gesellschaften vor.[1] Sie haben eine ordnungs- und orientierungsstiftende Funktion.[2] Ihre öffentliche Wahrnehmung ist jedoch unterschiedlich: Was als tabuisiert gilt, hängt von der jeweiligen gesellschaftlichen Situation ab, also davon, wer, wie und bei welcher Gelegenheit etwas sagt oder tut.[3]

Ursprünglich stammt der Ausdruck aus Polynesien. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beobachtete der Weltumsegler James Cook in der Südsee Menschen, die bestimmte Dinge, Orte, Handlungen und Personen mieden und diese "tapu" nannten. Etymologisch hergeleitet und übersetzt bedeutet tabu soviel wie "sehr, unbedingt gemerkt".[4] Später erweiterte man dieses in Polynesien verbreitete Verständnis und sah darin unausgesprochene Regeln für Verhaltensweisen, die nicht zu tun seien. Sie wurden als "Zaun vor religiösen oder sozialen Werten"[5] interpretiert und als soziale Handlungsbeschränkungen und strenge Konventionen beschrieben.[6] Trotz des Widerspruchs zwischen Tabus, die der Westen häufig als archaisch und irrational ansah, und der Rationalität aufgeklärter Gesellschaften[7] sind Tabus nicht aufgehoben, sondern haben sich gewandelt. Michaela Strasser, Professorin für Rechts- und Sozialphilosophie, sieht Tabuspuren in den Grenzen des Sagbaren: "Viele Tabuzonen fungieren als 'Schweigegebiete'."[8]

Bereits vor fast 40 Jahren beschrieb die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann die sogenannte Schweigespirale. Sie beobachtete, dass viele Menschen ihre öffentliche Meinungsbildung davon abhängig machen, was sie für die Mehrheitsmeinung halten. Dieser schließen sie sich an, um gesellschaftliche Isolation zu vermeiden. Öffentliche Personen und führende (Massen-)Medien geben die Richtung des Diskurses vor. Die Spirale entsteht, wenn diejenigen, die vermuten, ihre Auffassung gerate in die Minderheit, sich zurückziehen und schweigen. Dadurch wirkt die andere Gruppe stärker und erscheint als Mehrheitsmeinung, ohne es vielleicht tatsächlich zu sein. Das hat zur Folge, dass unterlegene Themen in der Öffentlichkeit immer weniger vorkommen - was bis zur Entstehung eines Tabus führen kann.[9]

Eine neue Qualität von Tabuisierungen in öffentlichen Debatten brachte Anfang der 1990er das Phänomen der political correctness. In den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt, war political correctness aus den "Neuen sozialen Bewegungen" der 1960er Jahre hervorgegangen, die für Frauen sowie ethnische und soziale Minderheiten eine Gleichstellung erreichen wollten. Dies sollte sich auch sprachlich widerspiegeln, indem Sprache für Verletzendes und Diskriminierendes sensibilisierte und Gleichheit betonte. Tatsächlich wurde durch diese Sprachkonvention der Ton der Diskussion moralischer, emotionaler - und bisweilen intoleranter.

Für die deutsche Debatte wies der Soziologe Sven Papcke darauf hin, dass das Stichwort political correctness eine Diskussion darüber entfacht habe, ob es so etwas gebe wie ein "Mobbing" der Meinungen.[10] Schon in den 1990er Jahren machten verschiedene Autoren Themenfelder aus, in denen eine "erhebliche Eintrübung des Diskussionsklimas"[11] stattgefunden habe. Die Themen sind im Wesentlichen ähnlich geblieben. Nur haben sich die Schwerpunkte etwas verlagert. Sensible Bereiche können sich durch vorangegangene Diskussionen verändern und an Wucht verlieren. So erregen sich heute nur noch wenige über die einst als übertrieben empfundenen weiblichen Endungen an männlichen Nomen.

Fußnoten

1.
Vgl. Otto Depenheuer, Recht und Tabu - ein Problemaufriß, in: ders. (Hrsg.), Recht und Tabu, Wiesbaden 2003, S. 18.
2.
Vgl. Dirk Fabricius, Der Begriff des Tabus, in: ebd., S. 33.
3.
Vgl. Ursula Dehm/Dieter Storll, Medien und Tabus, in: Media Perspektiven, (2010) 9, S. 410-431.
4.
Klaus Hock, Sinn und Unsinn von Tabus, in: Dialog der Religionen, 8 (1998) 2, S. 187.
5.
Wolfgang Marschall, Tabu, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, Basel 1998, S. 877. Vgl. auch: Martin Honecker, Tabu und christliche Freiheit, in: Wege evangelischer Ethik. Positionen und Kontexte, Freiburg i.Ü.-Freiburg i. Br. 2002, S. 193.
6.
Vgl. Dagmar Hoffmann, Diesseits und jenseits der Konventionen, in: Klaus-Dieter Felsmann (Hrsg.), Mediale Tabubrüche vs. Political Correctness, München 2008, S. 20.
7.
Vgl. O. Depenheuer (Anm. 1), S. 7.
8.
Michaela Strasser, Verschleierungen, in: Michael Fischer/Reinhard Kacianka (Hrsg.), Tabus und Grenzen der Ethik, Frankfurt/M. 2007, S. 49.
9.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale, München 20016, S. 299.
10.
Vgl. Sven Papcke, "Political Correctness" oder die Reinigung des Denkens, in: Universitas, (1996) 51, S. 212.
11.
Ebd., S. 219. Vgl. auch: Michael Mertes, Das Tabu in der politischen Kommunikation, in: O. Depenheuer (Anm. 1), S. 101.