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26.1.2012 | Von:
Karlies Abmeier

Tabus in öffentlichen Debatten. Zur Fragwürdigkeit von verschwiegenen Bereichen

Die Würde des Menschen als Maßstab

Um sozialethische Maßstäbe für Schranken und unausgesprochene Verbote in der öffentlichen Meinungsbildung zu finden, ist nach dem Wert und der Stellung des Menschen zu fragen. Arno Anzenbacher, Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik, sieht das besondere Kennzeichen des Menschen in dem Wert und der Würde "eines Menschen als Mensch".[12] Sie bedeute auch eine besondere Verpflichtung für das Gewissen. Diese Würde des Menschen, wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes formuliert ist, bietet somit grundsätzliche Orientierung. Die Umsetzung dieses Anspruchs bedarf einer sorgfältigen Argumentation, in der ethische Kategorien berücksichtigt werden müssen.

Die ethische Anforderung deckt sich mit der Formulierung "Man sollte nichts sagen dürfen, was anderen Menschen das Recht auf eine Existenz in Würde abspricht" - wie Patrik Schwarz in einem "Zeit"-Artikel mit der Überschrift "Was man in Deutschland nicht sagen darf"[13] festhält. Entscheidend für die Beurteilung wäre demnach der Schutz gegen Herabsetzung eines Einzelnen oder einer Gruppe. Die Schranke der Meinungsfreiheit misst sich daran, wie sie einzelnen Menschen und Gruppen dient, Lebenschancen wahrzunehmen und ein menschenwürdiges Leben zu führen, und wann sie die Rechte anderer verletzt - sei es durch Herabwürdigung, öffentliche Bloßstellung, Demütigung oder durch (bewusste) Falschdarstellung - und so durch Diskriminierungen dem Zusammenleben schadet, statt es zu fördern.

Einige Felder des öffentlichen Diskurses sind wegen ihrer emotionalen Aufladung besonders umstritten. Die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig unterscheidet zwischen zwei Problemkreisen, die dafür anfällig sind, verschwiegen oder verschleiert zu werden: Zum einen nennt sie die uneingeschränkte positive Bewertung der Gleichheit aller Menschen ein spezifisch demokratisches Vorurteil; zum anderen sei die negative Bewertung des Nationalen ein spezifisch deutsches Problem, das aus der nationalsozialistischen Vergangenheit resultiere.[14]

Fußnoten

12.
Arno Anzenbacher, Einführung in die Ethik, Düsseldorf 20033, S. 15.
13.
Patrik Schwarz, Was man in Deutschland nicht sagen darf, in: Die Zeit vom 15.4.2010.
14.
Vgl. Barbara Zehnpfennig, Die Immigrationsdebatte und die Herrschaft der Political Correctness, in: Politische Studien, 62 (2011) 438, S. 84-93.