Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Tabus werden im politischen Diskurs für unterschiedliche Zwecke instrumentalisiert. Durch den inszenierten Tabubruch stilisieren sich Diskursakteure zu Tabubefreiern und versperren gleichzeitig den Blick auf tief liegende gesellschaftliche Tabus.

Einleitung

In der deutschen Mediensprache und im politischen Diskurs ist das Wort Tabu hochfrequent, seine Semantik aber äußerst unscharf. Spätestens seit der "Möllemann-Debatte" im Frühjahr 2002, in der es darum ging, ob Antisemitismus ein Tabu in Deutschland ist und ob dieses gebrochen werden darf, stellt sich die Frage, was überhaupt politische Tabus sind, und in welcher Weise die Wörter Tabu und Tabubruch heute von den Diskursakteuren gebraucht werden. Der Duden unterscheidet zwei Grundbedeutungen von Tabu im Sprachgebrauch: die völkerkundliche Bedeutung im Sinne eines Verbotes "bestimmte Handlungen auszuführen, besonders geheiligte Personen oder Gegenstände zu berühren, anzublicken, zu nennen, bestimmte Speisen zu genießen" sowie die bildungssprachliche Bedeutung, dass es sich innerhalb einer Gemeinschaft quasi von selbst verbietet, "über bestimmte Dinge zu sprechen, bestimmte Dinge zu tun". Nicht berücksichtigt wird im Duden eine neuere Verwendung des Wortes mit pejorativer Bedeutung im Sinne von "überlebt" und "nicht in die Zeit passend", die in den Medien sowie in der Politik eine zunehmende Rolle spielt. Eine positive Bedeutung bekommen in diesem Zusammenhang Ausdrücke wie "tabulos", "Tabus brechen" und "enttabuisieren", wohingegen Tabus als etwas Negatives und Irrationales erscheinen.

Bei der Beschäftigung mit dem Tabukomplex im politischen Diskurs ist offensichtlich, dass sich der ursprüngliche Tabubegriff der Ethnologie und der Religionswissenschaft (das heißt die erste Bedeutung im Duden) nur bedingt für die Analyse moderner Gesellschaften eignet: In unseren auf Rationalität orientierten Gesellschaften scheint das aus dem sakralen Bereich stammende Tabukonzept eigentlich keinen Platz mehr zu haben. Dennoch finden sich in der Forschungsliteratur hinreichend Belege dafür, dass auch in modernen Gesellschaften Tabus eine wichtige Rolle spielen. Obwohl die Gesellschaft heute im öffentlichen Diskurs Aufgeklärtheit reklamiert, werden unangenehme Themen und Sachverhalte nach wie vor verschleiert beziehungsweise sprachlich durch Umgehungsstrategien euphemisiert.[1]




Fußnoten

1.
Vgl. Dietrich Hartmann, Sprache und Tabu heute, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 42 (1990), S. 148.