Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Funktionen von Tabus

Als Quintessenz der verschiedenen Versuche, den Begriff Tabu sinnvoll auf moderne Gesellschaften anzuwenden, lässt sich zusammenfassen, dass Tabus heute meistens etwas betreffen, was nicht getan, gesagt, gedacht, gefühlt, auch nicht gewusst und berührt werden darf - dennoch aber machbar, sagbar, denkbar, fühlbar, erkennbar und berührbar ist. Ansonsten brauchte es ja nicht durch ein Tabu geschützt zu werden. Tabus markieren also Grenzen des Handelns, Redens und Denkens:[2] Bestimmte Objekte, Institutionen, Themen und Sachverhalte sollen nicht berührt beziehungsweise Handlungen an ihnen nicht vollzogen werden, wobei auch die symbolische Berührung untersagt ist wie beispielsweise im Nenn- oder Abbildtabu.

In seinen "Fünf Prinzipien der Konstitution sozialen Lebens" postulierte der Soziologe Karl Otto Hondrich ein "Tabu-Prinzip", das besagt, dass es in allen Gemeinschaften ein überlebenswichtiges "Verbergen" von bestimmten Dingen gibt, die nicht benannt beziehungsweise kommuniziert werden sollen: "Gruppen und Gesellschaft könnten nicht bestehen, wenn alle ihre inneren Widersprüche und Übel sich offenbarten. Sie ausdrücklich zu 'verbieten' würde nichts nützen, ja die Sache eher schlimmer machen. (...) Demgegenüber verhindert das 'Tabu-Prinzip' mit seinen tiefen Gefühlen von Ekel und Abscheu, dass das Böse überhaupt benannt und berührt wird."[3] Tabus sichern somit die Überlebens- und Zukunftsfähigkeit einer Gemeinschaft, indem sie solche Dinge ausblenden beziehungsweise verdecken, die eine Bedrohung für eine positive Identität und Lebensausrichtung des Einzelnen sowie der Gruppe darstellen könnten: dunkle Seiten der Geschichte, Tod, Krankheit, die Frage nach dem Sinn des Lebens und vieles mehr. Tabus können als Bewältigungsmechanismus verstanden werden beziehungsweise als psychosoziale Strategie "zur individuellen wie auch kollektiven Identitätsbildung".[4] Sie beziehen sich auf zentrale Werte der Gesellschaft, die besonders geschützt werden sollen.[5] Michel Foucault hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es "keine Kultur auf der Welt (gibt), in der alles erlaubt ist", und meint, "dass der Mensch nicht mit der Freiheit, sondern mit der Grenze und der Scheidelinie des Unübertretbaren beginnt".[6]

Fußnoten

2.
Vgl. Hartmut Kraft, Tabu, Düsseldorf-Zürich 2004, S. 10.
3.
Karl Otto Hondrich, Wie sich Gesellschaft schafft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.6.2003.
4.
Vgl. H. Kraft (Anm. 2), S. 114.
5.
Vgl. Werner Betz, Tabu, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 23, Mannheim 1978, S. 146.
6.
Michel Foucault, Schriften zur Literatur, Frankfurt/M. 1988, S. 123.