Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Tabus in der Politik

Die Beispiele zeigen, dass Tabus auch im Bereich der Politik anzutreffen sind, wobei sowohl direkte Handlungen als auch Kommunikation und Sprache gemeint sind. Für den Politikwissenschaftler Anton Pelinka sind politische Tabus Axiome beziehungsweise nicht hinterfragbare Glaubenssätze, "die potentiell Schmerzhaftes zudecken sollen": Sie "helfen mit, eine politische Kultur aufzubauen. Heroische Personen, heroische Leistungen, heroische Momente werden unter Vernachlässigung einer differenzierten Sichtweise mystifiziert. Das Heroische dient der Verankerung von Wertvorstellungen, von denen dann wiederum Verhaltensmuster begleitet und durchgesetzt werden. Tabuisiert ist dabei die unvermeidliche Schattenseite des Heroischen."[12] Tabuisierte Bereiche in der Politik sind neben bestimmten Personen und Orten auch Themen wie Sucht, Armut, Ungleichheit oder Korruption.[13]

In dieser Hinsicht haben Tabus für eine Zivilgesellschaft auch etwas Problematisches, denn sie können gesellschaftliche Entwicklungen hemmen oder auch behindern. In Deutschland war beispielsweise in den 1950er und 1960er Jahren die jüngste Vergangenheit (Zweiter Weltkrieg und Holocaust) weitgehend tabu, so dass statt Vergangenheitsbewältigung eher kollektive Verdrängung kultiviert wurde.[14] Täter und Opfer konnten beziehungsweise durften nicht thematisieren, was geschehen war. Das Tabu der Vergangenheit, das Alexander und Margarete Mitscherlich aus psychologischer Sicht als "Denkhemmung" beschrieben haben, musste gebrochen werden, wenn eine Gesellschaft nicht die Augen vor der Realität verschließen wollte. Der Tabubruch erfolgte durch die Generation der Kinder der Opfer und Täter - vor allem durch die Studentenbewegung und die "68er".

Wie sehr Multiplikatoren in den Medien dazu beitragen können, aus scheinbar gesicherter wissenschaftlicher Forschung und ihrer gut gemeinten Popularisierung einen Tabubruch herbeizuschreiben, ließ sich in den 1990er Jahren anhand der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" ("Wehrmachtsausstellung") beobachten. Diese bildgewaltige Wanderausstellung, organisiert vom Hamburger Institut für Sozialforschung, thematisierte die Verstrickung unzähliger, sich selbst bis dato als unwissend, unschuldig oder naiv titulierender ehemaliger Soldaten der deutschen Wehrmacht in den Holocaust.[15] Trotz fachlicher Fehler im Detail[16] erlangte die Präsentation ungeahnte Popularität, obwohl im Grunde nichts Neues vorgestellt wurde. Es wurde jedoch ein Tabu verletzt - das von den Tätern selbst, die mit dem Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands in ihrer Rolle als Politiker, Journalisten oder Manager beschäftigt gewesen waren, selbst aufgestellt worden war -, welches lautete: "Hitler war allein an allem schuld."

Dieses Tabu wurde zwar schon durch die Forschungen namhafter Historiker in den 1970er Jahren gebrochen, doch aufgrund der damals noch recht hohen Dichte von Tätern, Mitläufern und Mitwissenden wurden die jeweiligen Forschungsergebnisse unter den Lebenden nicht breiter rezipiert. Nun aber kam es verspätet zu einer großen gesamtgesellschaftlichen Debatte. Die Täter waren bereits größtenteils gestorben, so dass der Tabubruch leichter fiel. Außerdem war die Gruppe der Verantwortlichen verhältnismäßig klein und klar umrissen. Sie betraf lediglich die Frontsoldaten, also einen Teil der Bevölkerung, dem das Töten generell nicht fremd war.

Die Bedeutung dieses Umstandes wird besonders verifizierbar anhand der Rezeption des Werkes des Historikers Götz Aly über den von ihm so benannten "Hitlers Volksstaat".[17] In dieser Studie wies er nach, wie nicht etwa die "Täter in Uniform", sondern "ganz normale Bürger" von der Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn persönlich profitierten. Eine breite Diskussion hierüber fand, außer in Fachkreisen, kaum statt. Denn dies hätte eine ganze Reihe weiterer Tabus verletzt: die Unwissenheit der Menschen über den Nationalsozialismus im Allgemeinen und die Judenvernichtung im Besonderen, die Opferrolle als Verlierer des Krieges und "Ausgebombte", die Frage der Entschädigung oder auch die Diskussion in jeder Familie, woher nun welches "Erbstück" genau stammte. Tabus können scheinbar in Deutschland nur dann abgelöst beziehungsweise gebrochen werden, wenn es nicht zu viele Lebende betrifft.

Fußnoten

12.
Anton Pelinka, Tabus in der Politik, in: Peter Bettelheim/Robert Streibel (Hrsg.), Tabu und Geschichte, Wien 1994, S. 21, S. 24.
13.
Vgl. Horst Reimann, Tabu, in: Staatslexikon, hrsg. von der Görres Gesellschaft, 7. völlig neu bearbeitete Auflage, Freiburg i. Br. 1989, S. 421.
14.
Vgl. Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, München-Zürich 1967.
15.
Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg, Ausstellungskatalog, Hamburg 1996.
16.
Vgl. Götz Aly, Rasse und Klasse, Frankfurt/M. 2003, S. 123.
17.
Ders., Hitlers Volksstaat, Frankfurt/M. 2005.