Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Tabuvorwurf

Tabus in Bezug auf die Vergangenheitsproblematik (Verweigerung von Diskursen über die Vergangenheit) führten in den 1960er Jahren zu dem Begriff Tabuvorwurf. Dort, wo bestimmte unangenehme Sachverhalte im Interesse gesellschaftlicher Gruppen nicht kommuniziert wurden und Aufklärung verweigert wurde, wurde der Vorwurf des Totschweigens und der Verheimlichung laut. Ganz allgemein impliziert der Begriff Tabuvorwurf Misstrauen gegenüber "der grundsätzlichen Kommunikationsbereitschaft" der anderen Diskussionspartei.[18]

Der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer warf den deutschen Intellektuellen damals vor, "mit dem Tabuvorwurf allzu schnell bei der Hand" zu sein, und ging davon aus, dass die Verwendung des Tabuvorwurfs dem Linksintellektuellen in Deutschland vertrauter sei als seinem konservativen Widersacher: "Der Linksintellektuelle (...) versteht sich als Anwalt der öffentlichen Diskussion aller relevanter Probleme. Er verabscheut die Ausklammerung, die Verdrängung, das Schweigegebot. Er hält es für eine seiner wesentlichen Aufgaben, Tabus aufzuspüren, Verschleierungen zu enthüllen, das Schweigen zu brechen, Tabus zu zerstören. Wenn heute auch konservative Publizisten den Tabuvorwurf erheben, so nur, weil sie meinen, auf diese wirksame zeitgemäße Waffe der Polemik nicht verzichten zu können: Sie drehen den Tabu-Spieß einfach um."[19]

So werden im heutigen Sprachgebrauch Tabuvorwürfe aus allen politischen Richtungen geäußert und sind keineswegs mehr ein Markenzeichen von Linksintellektuellen, worauf Heinrich Bodensieck bereits 1966 hingewiesen hat: "Bei Tabu und Totschweigen handelt es sich also durchaus um Ausdrücke, die jeder seinem Gegner vorhalten kann. Wer sie verwendet, kann mit den Vorwürfen zugleich darauf verweisen, wem er die Verantwortung für eine Tabuisierung zuweist."[20]

Einen neuen Typ des Tabuvorwurfs hat später der FDP-Politiker Jürgen Möllemann geprägt, in dem er dem politischen Gegner Tabus im Sinne von Ausklammerungen und Verschleierungen unterstellte und diese dann selber im Interesse der vermeintlich manipulierten Öffentlichkeit gebrochen hat. In der "Möllemann-Debatte" im Jahr 2002 um den neuen Antisemitismus wurde sichtbar, dass es in der Politik und Mediensprache einen Typus des kombinierten Tabuvorwurfs und Tabubruchs gibt, bei dem sowohl Vorwurf als auch Bruch aus Gründen der Medienwirksamkeit inszeniert sind.

Diese Inszenierung sieht im Detail folgendermaßen aus: Ein Vertreter der Partei A konstatiert, dass in der Gesellschaft ein Tabu X existiert, das von allen vorbehaltlos eingehalten werde. Dieses Tabu sei aber - so Partei A - eine Ausklammerung beziehungsweise eine Verschleierung und für die Gesellschaft schädlich und unsinnig. Der Tabuvorwurf wird geäußert. Der Vertreter der Partei A fordert nun "mutig" dazu auf, dieses Tabu zu brechen, und geht mit eigenem Beispiel voraus: Der Tabubruch erfolgt. Als Ergebnis des Tabubruchs wird die Überwindung einer Denkhemmung beansprucht, der vermeintliche Tabubrecher also zum Aufklärer und Befreier erklärt.

In der "Möllemann-Debatte" bedeutete dies, dass Antisemitismus zum vermeintlichen Tabu in Deutschland erklärt wurde, dieses Tabu dann infrage gestellt und schließlich gebrochen wurde, um sozusagen wieder zu einem "Normalzustand" in der Politik zurückzukehren. Dabei geht es freilich weniger um Tabubruch, "sondern um die Entstigmatisierung rechter Ideologie".[21] Denn Antisemitismus war und ist in Deutschland kein Tabu, und die Ablehnung von Antisemitismus hat nichts mit Tabuisierungen zu tun; sie stellt vielmehr einen ganz normalen moralischen Standard dar, dass man eben nicht aus rassistischen Gründen andere diskriminiert, benachteiligt und verfolgt.

Darauf hat Jürgen Habermas vehement hingewiesen, der in Möllemanns Versuch geradezu eine Irreführung und zugleich einen sprachlichen Trick sieht: Die Ablehnung von Antisemitismus sei nämlich ein mühsamer und diskursiv durchgesetzter Standard in der Bundesrepublik Deutschland gewesen, habe also überhaupt nichts mit Verdrängung, Ausklammerung oder Verschleierung zu tun: "Die heute verbreitete Verurteilung des Antisemitismus ist deshalb kein Ausdruck einer blinden, affektstabilisierten Abwehrhaltung, sondern das Ergebnis von kollektiven Lernprozessen."[22]

Fußnoten

18.
Andreas Musolff, Sind Tabus tabu?, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 60 (1987), S. 17.
19.
Kurt Sontheimer, Tabus in der deutschen Nachkriegspolitik, in: Hans Steffen (Hrsg.), Die Gesellschaft in der Bundesrepublik, Göttingen 1970, S. 202f.
20.
Kurt Bodensieck, Tabuvorwurf in der Bundesrepublik, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, (1966) 12, S. 712.
21.
Elisabeth Niejahr, Der Anstifter, in: Die Zeit vom 29.5.2002.
22.
Jürgen Habermas, Tabuschranken, in: Süddeutsche Zeitung vom 7.6.2002.