Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Der inszenierte Tabubruch

Ein aktuelleres Beispiel für einen inszenierten Tabuvorwurf-Tabubruch ist die Debatte um Thilo Sarrazins (ehemaliges Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank) Buch "Deutschland schafft sich ab", in der sich dieser in ähnlicher Weise wie Möllemann zum Tabubrecher und Befreier stilisiert und geradezu den Blick auf gesellschaftliche Tabus versperrt. Denn seit den 1970er Jahren wird in der Bundesrepublik die Existenz von Parallelwelten suggeriert, in denen "Deutsche" und "Ausländer", "Migranten" oder "Gastarbeiter" leben. Eine Hinterfragung dieser Festlegung unterblieb und wurde mit einem Tabu belegt, an das sich Akteure aller politischen Parteien bis heute weitgehend halten und so auch ihre Anhängerschaft beeinflussen.

Selbst ernannte Tabubrecher gibt es nicht selten in unserer Gesellschaft. Da gibt es diejenigen, die behaupten, sie würden etwas Weltbewegendes tun, wenn sie beispielsweise die Verrohung der sexuellen Sitten in der Welt der Erwachsenen anprangern. Doch ein Blick in die sexualwissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich Sex meist innerhalb von festen Gemeinschaften abspielt.[23] Das Problem ist meist nicht zu viel "Lust", sondern zu wenig. Oder es preschen gelegentlich, aber immer wieder, Schwadroneure aus rechten Zirkeln vor und brüsten sich mit dem "Tabubruch", den Holocaust oder andere Verbrechen des Nationalsozialismus bestreiten zu wollen - was allerdings kein Tabubruch ist, sondern lediglich von schlechter Bildung zeugt. Ein Blick in die Berichte einfacher Soldaten und gehobener Offiziere von der Front, aus dem Hinterland oder der Heimat, wann, wo und wie sie Juden, Sinti und Roma oder vorgebliche Partisanen ermordet haben, hätte weiter geholfen. Leider verbrennen diese vorgeblichen "Tabubrecher" Bücher eher, als dass sie diese lesen.

Fußnoten

23.
Vgl. Gunter Schmidt et al., Spätmoderne Beziehungswelten, Wiesbaden 2006.