Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Tabus als Waffe

In einer zunehmend vielschichtigen Welt, in der Informationen vielfach allgemein verfügbar sind, erscheint es vielen Akteuren, die über öffentliche Diskurse bestimmen (wie in Zeitungen, Fernsehen, Rundfunk oder auch Politiker), geboten, gewisse Tabus zu wahren, die aber gleichzeitig vor allem dazu dienen, tiefer gehende Probleme zu verhüllen. In diesem Zusammenhang werden zu Tabus deklarierte Phänomene scheinbar aufgebrochen, faktisch jedoch nur durch neue ersetzt oder aber Sachverhalte als Tabus vorgestellt, selbst wenn sie keine sind. Denn Tabus können auch eine wichtige Waffe in der Lenkung öffentlichkeitswirksamer Diskussionen sein.

Ein Beispiel ist die anschwellende Debatte um den "sexuellen Missbrauch" von Kindern und Jugendlichen, die seit einigen Jahren im Gang ist. Hier werden kulturell tief verwurzelte Tabus berührt und zugleich soziale, kulturelle oder gesellschaftliche Zusammenhänge oder Problemlagen, die allein für sich jederzeit diskutiert werden könnten, in die Tabuzone aufgenommen, um tiefer gehende Fragen zu unterbinden. Der Begriff des "sexuellen Missbrauchs" stellt an sich schon ein Problem dar, weil er voraussetzt, dass es in der Gesellschaft einen anerkannten "Gebrauch" von Kindern durch Erwachsene gibt - denn ohne Gebrauch kein Missbrauch.[24] Dies wird jedoch nicht thematisiert, sondern mit einem Tabu belegt.

Das nächste, stets bemühte Tabu ist, dass die Verbrechen nicht innerhalb der Familien, Freundeskreise oder Verwandtschaften geschehen, sondern durch außenstehende, sozial nicht verankerte Personen, die "Pädophilen". Dabei wird unterschlagen, dass durch die Sexualforschung seit langem belegt ist, dass die Verbrechen zumeist innerhalb der verwandtschaftlichen und sozialen Bindungsgefüge geschehen.[25] Denn dadurch würden gleich mehrere Tabus verletzt: die juristische und politische Sanktionierung der Familie als per se besonders schützenswerte Institution oder die unantastbare Rolle der Eltern als Erziehungsberechtigte; schließlich wird auch nicht die Frage gestellt, warum, wo und unter welchen Umständen die Verbrechen geschehen. Dies würde nämlich eine Kette weiterer Tabubrüche produzieren: die Hinterfragung sozialer Missstände, bedingt durch das Versagen von Verwaltung, Staat oder staatlicher Instanzen (wie Schule oder Arbeitsmarktpolitik). Eine derartige Vertiefung der Debatte, die auch Fragen nach der gesellschaftspolitischen Rolle von Multiplikatoren (etwa im Fernsehen oder in den Printmedien) provozieren könnte, scheint nicht im Interesse der dominierenden Diskursakteure zu sein.

Im Ganzen würde eine intensive und tabulose Auseinandersetzung mit der Problematik wahrscheinlich dazu führen, dass grundlegende Wertmaßstäbe, auf denen das politische System der Bundesrepublik Deutschland ruht, diskutiert würden. Da erscheint es sinnvoller und abkürzender, ein anderes Tabu zu brechen: die Unschuldsvermutung des Angeklagten sowie die Tatsache, dass sowohl in öffentlichen wie strafrechtlichen Debatten keine sexuelle Veranlagung, sondern die sexuelle Handlung diskutiert wird. Doch nun ist es die "Pädophilie" per se, die verfolgt wird, von der es, wie bei einer tödlichen Seuche, keine Heilung geben soll. Hier wird ein Mensch, ein bestimmter Typus verantwortlich gemacht, weil er durch seine Handlungen die scheinbar sichere, hermetische Tabuwelt bedroht. Sein direktes Opfer spielt in diesem Zusammenhang nur insoweit eine Bedeutung, als es Teil dieser Entwicklung ist.

Fußnoten

24.
Vgl. Volkmar Sigusch, Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit, Frankfurt/M. 2011, S. 17.
25.
Vgl. Gabriele Amann/Rudolf Wipplinger (Hrsg.), Sexueller Missbrauch, Tübingen 2005; Wilhelm Körner/Albert Lenz (Hrsg.), Sexueller Missbrauch, Bd. 1, Göttingen 2004.