Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Einige abschließende Thesen

Das Wort Tabu ist in der deutschen Mediensprache und im politischen Diskurs außerordentlich vage und ambivalent. Seine weite Verbreitung verdankt es aber vielleicht gerade dieser Vagheit und Ambivalenz, wodurch es sich durch die Diskursakteure für verschiedene Zwecke funktionalisieren lässt.

Tabuisierung und Enttabuisierung, Tabuvorwurf und Tabubruch, Sehnsucht nach Tabus und Lust nach Tabuverletzungen bilden einen Komplex, der zu jeder Gemeinschaft gehört und sowohl Stabilität und Wandel als auch Stillstand und Grenzenlosigkeit ermöglichen kann.

Was sagen Tabus über unsere Gesellschaft aus? Sie machen deutlich, dass sie notwendig sind, solange Menschen in verantwortlichen Positionen, aber auch "Otto Normalverbraucher" auf der Straße nicht willens oder fähig sind, Dinge beim Namen zu nennen, gleiche Maßstäbe für jeden anzuwenden und sich vorschneller Einschätzungen zu enthalten.

Tabus werden manchmal mit Höflichkeit verwechselt, doch ihre Anwesenheit, ihre Instrumentalisierung und ihre Verwertung sagen weniger über die Tabus selbst als über die Gesellschaft und ihre Akteure aus. Wer tabuloses Verhalten attackiert, hat weder begriffen, was ein Tabu ist, noch, was eine Gesellschaft ausmachen sollte.

Je mehr Tabus es gibt, und je stärker sie gewahrt werden, desto tiefer steckt eine Gesellschaft in selbst verschuldeter Unmündigkeit fest. Daran tragen einige Protagonisten besondere Schuld, ohne Schuld ist jedoch niemand, der sich den Tabus nicht entgegenstellt. Das kann im persönlichen Umfeld erfolgen oder in sozialen Gefügen. Nichts ist so wirkmächtig wie Schwarmintelligenz - oder Gruppendummheit.