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26.1.2012 | Von:
Charlotte Misselwitz

Narrative Spiegelung als Interventionsstrategie - Essay

Die narrative Spiegelung, eine diskursive Technik medialer Intervention in populistische Debatten, führt durch Umkehrung Zuspitzungen wie "Sozialschmarotzer" vor. So deckt sie verschleierte Zusammenhänge hinter medialen Diskursen auf.

Einleitung

[0]

In den vergangenen Jahren lebten immer wieder Debatten auf, deren Kernaussagen sich häufig gegen gesellschaftlich schwächere Gruppen richteten und zum Teil menschenfeindliche Argumentationsmuster bargen. Es wurde von "Parasiten" gesprochen, vom "fehlenden gesellschaftlichen Nutzen" mancher Menschen, die den "Staat" und die "Gesellschaft" belasten würden, bis hin zu "spätrömischer Dekadenz", zu der die sozialen Sicherungssysteme einladen würden. Zu den wohl am intensivsten geführten Debatten dieser Art zählt diejenige um eine Buchveröffentlichung Thilo Sarrazins im August 2010. Sarrazin war von 2002 bis 2009 Finanzsenator in Berlin. Bis September 2010 gehörte er dem Vorstand der Deutschen Bundesbank an. Diese Ämter bekleidete er in genau dem Zeitraum, in dem die Banken- und Finanzkrise begann und ihren katastrophalen Verlauf nahm: Als Finanzsenator gehörte die Verwaltung von Staatsgeldern zu seinen Aufgaben; als Bundesbankvorstand hatte er unter anderem die Bankenaufsicht über das Kreditgeschäft der Institute. Zur Erinnerung: Die bis dato vorherrschende Geldpolitik ist eng mit den Risikogeschäften der privaten Institute verwoben. Bis heute hat die "öffentliche Hand" das Risiko der schwindelerregenden Verluste in Milliardenhöhe zu tragen; ihre Zahlungen gleichen vermasselte Geschäfte der Banken aus. Es sind die Lasten der Banken- und Finanzwelt unserer Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund betrachtet klingt Sarrazins Buchtitel hart, aber wahr: "Deutschland schafft sich ab."[1]

Jedoch heißt es in dem Buch: "Umgekehrt verursachen migrantische Gruppen mit unterdurchschnittlicher Erwerbsbeteiligung und überdurchschnittlicher Transferabhängigkeit fiskalisch mehr Kosten als Nutzen."[2] Zur Erinnerung: Die Gelder, die der Staat insgesamt für "Hartz IV" ausgibt, belaufen sich auf ungefähr 35 bis 40 Milliarden Euro im Jahr. Die Ausgaben, die der Staat im Jahr 2008 zur "Rettung" der Banken einkalkulieren musste, sind schwer recherchierbar. Fest steht, es handelt sich um eine dreistellige Summe: etwa 200 Milliarden, plus/minus.[3] Kann es sein, dass hier eine gesellschaftliche Gruppe angeprangert wird, deren monatliche staatliche Unterstützung weniger als ein Viertel dessen ausmacht, was uns die Finanz- und Bankenkrise gekostet hat - und noch kosten wird? Wer sind hier diejenigen, die der "Gesellschaft" "fiskalisch mehr Kosten als Nutzen" bringen?

Aber so etwas kann man nicht sagen. Mit solchen Argumenten macht man sich nicht gemein. Damit würde man den Spieß nur umdrehen. Damit begibt man sich auf das Niveau von Populisten. Solche Reden sind verletzend, unsachlich und reduzierend. Das ist kein Umgang. In der Tat, es würde unsachlich.

Aber ist diese Ebene wirklich ineffektiv? Birgt der Punkt, an dem die verbale Aggression narrativ umgekehrt wird, nicht auch eine Chance? Den Spieß umzudrehen, heißt nicht unbedingt, ernsthaft auf die "Anderen" loszugehen. Schon der Akt des Umdrehens, die Kopie einer schon erfolgten Handlung oder geäußerten Narration hat etwas Vorführendes. Sie löst zwei Bewusstseinsprozesse aus: Es ist nicht mehr zu übersehen, wie verletzend die imitierte Zuschreibung wirkt, und das geäußerte Problem wird so mit dem Zuweisenden in Zusammenhang gebracht. Beschreibungen wie "ohne Mehrwert" verweisen auf Wahrnehmungsmuster, die Menschen nach ihrem "Nutzen" einordnen und die mit "Nutznießertum" unweigerlich "Ausbeutung" assoziieren. Es entsteht eine "verwickelte Geschichte"[4] zwischen denjenigen, denen die Zuweisung galt, sowie denjenigen, die sie ausübten.

Fußnoten

0.
Eine frühere Fassung dieses Beitrags erschien im Sammelband: Sebastian Friedrich (Hrsg.), Rassismus in der Leistungsgesellschaft, Münster 2011. © Verlag: Edition Assemblage
1.
Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, München 2010.
2.
Ebd., S. 366.
3.
Weder Medien noch Vertreter des Finanzministeriums können hierzu klare Daten liefern. Allerdings wurde mir auf Anfrage versichert, dass eine vage Angabe dieser Art nicht falsch sei.
4.
Vgl. Shalini Randeria/Sebastian Conrad, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus, New York 2002.