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26.1.2012 | Von:
Charlotte Misselwitz

Narrative Spiegelung als Interventionsstrategie - Essay

Emotionale Argumentation

Die Strategie der Spiegelung kann im Umgang mit allzu vereinfachenden medialen Debatten neue Möglichkeiten von Widerstand, aber auch von Einflussnahme eröffnen: Möglichkeiten eines "medialen Aktivismus". Hierbei handelt es sich um eine Strategie von Internetprojekten, die ich unter Media Art Activism zusammenfasse. Um vorherrschende mediale Diskurse zu durchbrechen, setzen sie ein, was ich "narrative Spiegelung"[5] nenne: Das reduzierende Narrativ der Medien - in vielen Fällen Stereotype - wird wiederholt und umgekehrt, dadurch vorgeführt und im besten Falle überführt. Auch die "Sarrazindebatte" im Besonderen oder Diskussionen über den "Mehrwert" bestimmter gesellschaftlicher Gruppen im Allgemeinen bieten sich für eine solche Strategie an. Sie sind wie auch die Debatte um die dänischen Mohammed-Karikaturen im Jahr 2006 emotional aufgeladen; korrespondieren mehr mit den Gefühlen als mit den rationalen Befindlichkeiten der Empfängerinnen und Empfänger medialer Diskurse. Ein Beispiel sind die unzähligen Aussagen im Zuge der "Sarrazindebatte": Sei es die Fußgängerin im Sekundeninterview im Fernsehen oder der eigentlich so aufgeklärte Arbeitskollege, viele kommentierten Sarrazins Behauptungen mit: "Endlich spricht es jemand aus."

Es gibt viele Erklärungen für solche Äußerungen. Allein der Einfluss von medialen Diskursen auf das Bewusstsein ist nicht zu unterschätzen. Danach übernehmen Individuen vorgegebene Narrative, ohne zu merken, wie ausgrenzend sie sind, und obwohl ihre "eigenen Reaktionen weniger brutal"[6] gewesen wären. Die Machtausübung hinter den ausgrenzenden Zuweisungen wird kaum bewusst. An der Oberfläche erscheinen beispielsweise rassistische und klassistische Äußerungen als rational unbedarfte Kommentare. Sie werden also auch lesbar als: "Da spricht endlich mal jemand Gefühle aus." An diesem Punkt wäre jede rationale Diskussion beendet. Jedwede logische Argumentation, die Auflistung oder Gegenrechnung von Daten über Einwanderinnen und Einwanderern, ihrer eigentlichen Beteiligung an der Gesellschaft oder die tatsächlichen Gründe, warum mitunter Kopftücher getragen werden, bleiben ohne Effekt. Denn rein faktische Korrekturen können einmal eingenommene emotional-rationale politische Meinungen kaum beeinflussen.[7]

So konnte keine noch so logische Erklärung die meisten rechtskonservativen US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner während des Irak-Kriegs 2003 von der Annahme abbringen, Saddam Hussein verstecke Massenvernichtungswaffen. Ebenso wenig lässt sich einer einmal geschürten Angst vor einer Verarmung der Gesellschaft durch (migrantische) "Hartz IV"-Empfängerinnen und -Empfänger nur schwer mit Statistiken beikommen. Wie absurd der Sachverhalt auch sein mag, bei einmal übernommenen Vorurteilen bleiben rein rationale und sachliche Korrektive ohne die emotionale Verbindung wirkungsarm.

Fußnoten

5.
Die Medienprojekte und den Aspekt der narrativen Spiegelung untersuche ich derzeit in meiner Doktorarbeit an der Universität Duisburg-Essen und der Universität Tel Aviv.
6.
Theodor W. Adorno, Prejudice in the Interview Material, in: ders./Else Frenkel-Brunswik/Daniel Levinson (eds.), The Authoritarian Personality, Stanford-New York 1950, S. 613.
7.
Vgl. Brendan Nyhan/Jason Reifler, When Corrections Fail: The Persistence of Political Misperceptions, o.J., online: www.dartmouth.edu/~nyhan/nyhan-reifler.pdf (13.12.2011).