BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Megafon

26.1.2012 | Von:
Charlotte Misselwitz

Narrative Spiegelung als Interventionsstrategie - Essay

Mögliche Gegenstrategien

Lassen sich die Empfängerinnen und Empfänger medial aufgeblasener Botschaften überhaupt von etwas Anderem überzeugen? Was also tun mit reduzierenden und oftmals rassistischen Narrativen? Eine Möglichkeit ist die positive Resignifikation von abgewerteten Begriffen. So wurden beispielsweise der Begriff "schwul" von der Schwulenbewegung in den 1980er Jahren oder der Begriff "Kanake" durch den Roman Feridun Zaimolus aus dem Jahr 1997 ("Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun") und der Vereinigung "Kanak Attak" umgedeutet, positiver besetzt. Dies könnte sich auch für den Begriff "Parasit" eignen. Die "Kommunikationsguerilla" der 1990er Jahre hat durch mediale Aktionen ideologiekritische Manifeste verbreitet. Auf die "Sarrazindebatte" folgte sehr bald die Internetpublikation "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand",[8] in der manche Daten über die soziale Lage der Migrantinnen und Migranten richtiggestellt wurden. Wissenschaftliche Analysen sowie journalistische Kommentare malten zudem Sarrazinsche Dystopien aus, die sie aus dem Eugenikdiskurs der Geschichte herleiteten.

Doch erst wenn das Denken mit dem Gefühl einhergeht, kommt es zur Einsicht, hieß es schon bei Sigmund Freud. Was bei populistischen, exkludierenden Parolen gehört wird, ist unter anderem die emotionale Zuspitzung, die subjektive Konstruktion einer Realität. Um ausgrenzenden Narrativen zu begegnen, plädiere ich daher dafür, als mögliche Interventionsebene auch die emotionale zu berücksichtigen, indem Gefühle kommuniziert werden.

Der Media Art Activism besitzt in der Strategie der "narrativen Spiegelung" genau diese Möglichkeit: Er argumentiert emotional und macht dadurch rationale Argumente über ausgrenzende Mechanismen spürbar, indem verletzende, unfaire narrative Überspitzungen vorgeführt werden. "Schmarotzer" ist eine solche Überspitzung. Natürlich wäre diese Zuschreibung auch bei einer gesellschaftlichen Gruppe wie Bankern und Co. reduzierend - und vor allem grob. Er überginge nicht nur eine lange Geschichte im Finanzwesen, in der schlecht gelegte Weichen unter einst vielleicht gut gemeinten Gründen entstanden. Eine solche Beleidigung wirkt auch respektlos und wenig interessiert am Dialog. Es putzt das Gegenüber herunter, ohne nach strukturellen Ursachen und Begründungen zu fragen. Der Begriff "Schmarotzer" wirkt also unkontrolliert.

Ausgesprochen von ranghohen Politikerinnen und Politikern oder Eliten der Finanzwelt ist das Wort jedoch nicht nur ein Ausrutscher: Das Joviale seiner Anwendung spielt auf die vorgegebene Kontrolle gegenüber dem "Anderen" an, als eine Art Anti-Political-Correctness. Das besitzt unweigerlich eine Qualität: die Selbstbestätigung der eigenen Position. Ähnliches führte auch der Politikprofessor Peter Grottian mit seinen organisierten Spaziergängen in Berlin-Steglitz vor. Er leitete Gruppen an Villen vorbei, in denen die verantwortlichen Entscheidungsträger der Banken wohnten, die während der Bankenkrise seit 2008 besonders große Verluste machten. Seine Führungen wurden zu einer "symbolischen Attacke", einem Ausleben von Gefühlen (wie Wut) als scheinbarer Gegensatz zu rationalen und "objektiven" Diskussionen. Die Bewohner der Villen werden höchstens heimlich durch die Gardine gelugt haben. Aber ohne Zweifel haben sie die Menschengruppe, die immer wieder auf sie zeigte, wahrgenommen. Das Verletzende solcher "Fingerzeighandlungen" führt auf eine neue Ebene: Mit einem emotionalen Argument A entsteht Raum für ein emotional aufgeladeneres B. Auch entspinnen sich dabei Verschwörungsfantasien und Vorstellungen, die "Anderen" könnten einen überrollen: "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen."[9] An dieser Stelle werden wirkliche Ängste ausgesprochen. Die rationale Diskussion scheint wahrhaftig beendet. Wer will sich schon bei Zukunftsängsten auf das Terrain von Gegenprognosen begeben?

Trotzdem ist die Ebene, auf der eine solche Diskussion landet, keineswegs eine Sackgasse. Im Gegenteil: Jetzt würde sich eine neue Sachlichkeit anbieten. Eine, die nachfragt, woher diese Fantasien eigentlich kommen. Auf welches Wissen oder welches Verhalten führen sie zurück?

Eine mögliche Antwort wäre: Die deutschen Siedlerinnen und Siedler in Polen, Galizien oder Rumänien sowie einigen Teilen Russlands haben ihre eigenen Kirchen gebaut und die deutsche Sprache über Jahrhunderte gepflegt. Sie haben sich nach den heutigen Standards wenig in die jeweilige "Leitkultur" integriert; ganz zu schweigen von der Zeit der Deutschen als Kolonialmacht in Afrika um das Jahr 1900. Damals wurden die dortigen Bewohnerinnen und Bewohner enteignet, militärisch unterdrückt, ausgebeutet - und viele auch ermordet.

Fußnoten

8.
Naika Foroutan et al. (Hrsg.), Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand, Berlin 2010, online: www.heymat.hu-berlin.de/sarrazin2010 (6.5.2011).
9.
T. Sarrazin (Anm. 1), S. 308.