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26.1.2012 | Von:
Charlotte Misselwitz

Narrative Spiegelung als Interventionsstrategie - Essay

Verwicklungen hinter den Emotionen

Dies wäre die zweite Ebene, die sich durch die narrative Spiegelung als emotionale Argumentation eröffnet: das Aufzeigen der gegenseitigen Verwicklungen. Zuschreibungen ("ohne Mehrwert") stünden nicht mehr allein mit denjenigen, denen sie gelten ("Hartz-IV"-Empfänger oder Migranten). In der Umkehrung des reduzierenden Narrativs auf ihre "Schöpfer" - also diejenigen, welche die oftmals stereotypen Zuschreibungen in die Öffentlichkeit tragen und dort vertreten - entsteht ein Konfliktzusammenhang. Diesen aufzudröseln wird zur Aufgabe der Außen- oder Umstehenden, wobei man nicht unbedingt tief in die Details gehen oder exakte Begründungszusammenhänge herleiten muss. Es reicht, sich den Gedanken (und Emotionen) auszusetzen, die durch die narrative Spiegelung freigesetzt werden.

Indem das Stereotyp umgekehrt wird, tritt eine Bewusstseinsänderung in Gang, ein Denkprozess, der Außenstehende in der Mischung aus Argument und Gefühl zum Nachdenken zwingen kann. Man beginnt mitzuempfinden, nachzuvollziehen und - vor allem - eine Verbindung herzustellen. Denn wie im Bereich der Symboltheorie sagt das Zeichen weitaus mehr über den Bezeichnenden aus als über das, was es eigentlich bezeichnet.

Wie ließe sich also eine solche Spiegelung auf die Debatten über "Parasiten" übertragen? Vielleicht sind ja sogar die, die solche grobe, herablassende Narrative produzieren, diejenigen mit dem "Komplex"? Wenn jemand so hart mit anderen umgeht, dann wahrscheinlich auch mit sich selbst. Immerhin reden Menschen, die Kontrolle oder Missstände als von "außen gemacht" erleben, mehr von Strafen gegenüber sich oder anderen.

Solche autoritären Einstellungen können eng verbunden sein mit Vorurteilen. In Theodor W. Adornos Studie über den "Autoritären Charakter" wird beschrieben, wie Oben- und Untenskalen in der Wahrnehmung so tief verinnerlicht sind, dass bei solchen Menschen Prozesse, die ein gegenseitiges Aufeinandereingehen ermöglichen, komplett unterbleiben.[10] Ähnlich ließen sich auch Vorschläge verstehen, den Aufenthaltsstatus von Migrantinnen und Migranten bei vergessenen "Hausaufgaben" in Deutsch- oder Integrationskursen zu reduzieren: Diese Vorschläge zielen darauf, zu bestrafen und abzuschieben, statt zu verhandeln oder zu verstehen.

Gleichzeitig drücken ethnozentrische Wahrnehmungen (ähnlich wie Vorurteile) häufig Selbstschutzmechanismen aus, die mit viel Energie aufgebaut wurden. Plötzlich meint ein "deutscher" Gemüsehändler, sich gegen seine "türkische" Konkurrenz auf der Ebene seiner biologischen Herkunft aufwerten zu können. Und vielleicht begibt man sich mit dieser Art des Fingerzeigs auf Einwanderinnen und Einwandern unbewusst in eine Unkostenkonkurrenz vor dem Staat? Die Angst vor einem Verlust oder einer Dekonstruktion rassistischer Stereotype kann sogar in einem psychischen Zusammenbruch enden.[11] In solchen Bewusstseinszuständen wird das "Fremde" in sich selbst - seien es homosexuelle Tendenzen oder "unangepasste" Wesenszüge - unterdrückt und kontrolliert, anstatt individuell ausbalanciert und verstanden zu werden. Anders gefragt: Woher kommen die Fantasien von "Schmarotzern" und "Nutznießern"?

Auch wenn an dieser Stelle mit der Studie über den "Autoritären Charakter" von 1950 argumentiert wird, soll die Debatte über Einwanderung nicht pathologisiert werden. Die Ergebnisse der Studie über autoritäre Persönlichkeitsstrukturen und ihre Verbindungen zu ethnozentrischen Einstellungen, die vielleicht bis dato nie wieder in dieser Tiefe untersucht wurden, soll nur als Denkanstoß fungieren. Zudem hat der Verweis auf die Studie Adornos eine symbolische Qualität, die nicht aufgelöst werden soll: In einem Bewusstseinsprozess, der, angestoßen durch die Spiegelung von Narrativen, das Zeichen auf den Bezeichnenden zurückführt, ist auch die Vergangenheit wichtig. "Rassentheorien" über die Intelligenz und die Psyche von Migrantinnen und Migranten erinnern an eine Zeit in der deutschen Geschichte, in der auf ähnliche Orientierungshilfen zurückgegriffen wurde. Die Wahnvorstellungen, der damit einhergehende Verfolgungswahn, die daraus umgesetzte Verfolgung der "Anderen" und der Holocaust sind bekannt.

Dies ist jedoch nur eine Form des Umkehreffektes. Die Zuweisung eines Komplexes an denjenigen, der ein Problem artikuliert, egal, in welchem Tonfall, ist nicht immer fair. Viel wichtiger - und wohl in jedem narrativen Spiegeleffekt erkennbar - sind die gegenseitigen Verwicklungen beziehungsweise der Konfliktzusammenhang, die auf diese Weise hergestellt und herausgestellt werden: Durch die performative Umkehrung des Narrativs drängt sich den Beobachtern dieser Diskurse die "andere" Seite der "sauber polierten Zuspitzung" ins Bewusstsein.

Abwertungen betreffen nicht alle "Fremden". In lange währenden Unterdrückungsmechanismen werden bestimmte Gruppen durch Stereotype aus der Wahrnehmung und daher generellen Akzeptanz ausgegrenzt, um deren Ausbeutung zu verschleiern. In den meisten Diskussionen über den "gesellschaftlichen Nutzen" von Migrantinnen und Migranten geht es daher kaum um Zahlen, Aufrechnungen oder Nachweise. Das Wissen um die Geschichte der anderen Seite ist oftmals uralt und längst dargelegt: Migrationsströme sind auch im Zusammenhang des jahrhundertealten Kolonialismus des "Westens" (sei es Europas oder der USA) in der "Dritten", mitunter auch in den Ländern der "Zweiten" Welt zu sehen: Viele Menschen müssen migrieren, weil ihnen das Leben in ihren Ländern fast unmöglich wurde.

Die Fantasie einer möglichen Dominanz durch die "Anderen" speist sich daher oftmals auch aus dem Phänomen, das in der postkolonialen Theorie "der Blick der abwesenden Person"[12] genannt wird: "Der Andere", der verdrängt und unterdrückt am Rande steht, verfolgt die Unterdrückerinnen und Unterdrücker mit seinen Augen. Er wird zu einem Geist, der spukt, und zum schlechten Gewissen derjenigen, die auch in der Gegenwart ihre Interessen auf Kosten der "Dritten Welt" verfolgen. So wissen beispielsweise Menschen in der Finanzbranche (wie Sarrazin) um die Staatsschulden, welche die Weltbank den "Drittweltländern" nicht erlässt, welche eine stete Abhängigkeit herstellen. Sie ignorieren die Hungerlöhne, die notwendig sind, um die erschwinglichen Preise in Ländern wie Deutschland zu ermöglichen: angefangen bei Kaffee, Bananen, Baumwolle, Bodenschätzen oder Textilien.

Fußnoten

10.
Vgl. Betty Aron, Thematic Apperception Test in the Study of Prejudiced and Unprejudiced Individuals, in: T.W. Adorno/E. Frenkel-Brunswik/D. Levinson (Anm. 6), S. 496.
11.
Vgl. Maria Hertz Levinson, Psychological Ill Health in Relation to Potential Fascism: A Study of Psychiatric Clinic Patients, in: ebd., S. 898.
12.
Homi Bhabha, Location of Culture, New York 1994, S. 43.