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26.1.2012 | Von:
Charlotte Misselwitz

Narrative Spiegelung als Interventionsstrategie - Essay

Emotionale Einsichten

Die narrative Spiegelung trägt dazu bei, die größeren Zusammenhänge anzudeuten, den andauernden Zerfall der Öffentlichkeit in Teilöffentlichkeiten[13] zumindest kurzzeitig zu stoppen. Die Nachrichten über unterschiedliche Missstände in der Welt erscheinen nicht mehr zusammenhanglos, chaotisch und unüberschaubar. Es entsteht eine Verbindung. Man bekommt ein Gespür für die "verwickelten Geschichten" zwischen Ländern oder Kontinenten,[14] angefangen beim Warenaustausch bis hin zu kulturellen Transfers. Es entsteht ein Bewusstsein für eine Dialektik, die Raum eröffnet für die Zumutungen auf der Seite der "Bezeichneten": Worte der Wut wie "Schmarotzer", einst auf sie selbst angewandt, dann umgedreht, machen ihre Lebenssituation vielleicht nachvollziehbarer.

Die emotionale Zuspitzung zeigt den Frust gegenüber Wahrnehmungsrastern, welche die Menschen und ihre individuellen persönlichen, politischen oder finanziellen Gründe zu migrieren über Leistung und Nützlichkeit klassifizieren. Vorgeführt - und damit überführt - zwingt der Begriff zum kurzzeitigen Mitempfinden, das in denselben emotionalen Effekt münden kann wie anfangs beschrieben: "Gut, dass es mal jemand sagt." Die narrative Spiegelung des Media Art Activism verbindet diese Narrative immer auch mit Praxis und Performation.

Wie kann die Debatte über Einwanderung in Deutschland effektiv gespiegelt werden? Ein Vorschlag könnte sein, denjenigen, die Sanktionen für "Integrationsverweigerer" fordern, selbst "Integrationskurse" anzubieten. Menschen, welche die Einwanderinnen und Einwanderer an die Interessen und Strukturen der gesellschaftlichen Mehrheit erinnern möchten, könnten darüber diskutieren, was ihre jeweils eigene "Gruppe" von dieser "Mehrheit" unterscheidet. Sie könnten lernen, was sie ändern müssen, um einen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten. Dabei müsste es sich ebenfalls um einen "Kurs" handeln, bei dem jedes Versäumnis mit Strafen geahndet wird.

Die folgende Liste umfasst erste Vorschläge für Leitfragen für eine narrative Spiegelung im Zusammenhang mit den Diskussionen um den "ökonomischen Nutzen" mancher gesellschaftlicher Gruppen:

  • Welche Kosten verursachen diejenigen für die Gesellschaft, welche als die "am höchsten belasteten" Steuerzahler gelten?
  • Worauf gründet sich eine Einstellung, die das Zehnfache an Gehalt im Gegensatz zu einem deutschen Mittelstand für sich beansprucht?
  • Worauf gründen sich Ängste und Fantasien gegenüber Einwanderinnen und Einwanderern (oder auch "Hartz-IV"-Empfängerinnen und "Hartz-IV"-Empfängern)?
  • Wie werden in Deutschland Armutsgrenzen berechnet?
  • Lassen sich Unterdrückungsstrukturen über spezifische rassistische Vorurteile klassifizieren? Wann und für welche anderen Gruppen wurden Stereotype wie "Schmarotzer" oder "Parasit" schon angewendet?
  • Ist es vertretbar, dass Mitglieder einer gesellschaftlich starken Gruppe gesellschaftlich schwächere Menschen öffentlich kritisieren, einen groben Tonfall anwenden, ohne dabei wirklich ein Gespräch mit den Kritisierten zu initiieren?

Fußnoten

13.
Vgl. Oskar Negt/Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt/M. 1972.
14.
Vgl. S. Randeria/S. Conrad (Anm. 4).