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Matthias Klein am 15.10.2014

"Bekämpfung von Hunger ist immer komplexer geworden"

Ebola in Afrika, weltweit viele Flüchtlinge: Die Situation der Welternährung sei schwieriger geworden, sagt der Agrarökonom Joachim von Braun im Interview zum Welternährungstag. Im Kampf gegen den Hunger seien umfassende Maßnahmen notwendig.

Reis in den Händen eines Reisbauern.Reis in den Händen eines Reisbauern. (© picture-alliance, Mika Schmidt)

Herr von Braun, wegen der Ebola-Epidemie in Westafrika sind viele Märkte geschlossen, viele Menschen haben nicht genug zu essen – droht dort nun eine Hungersnot?

Die drei Länder, die vorwiegend betroffen sind – Sierra Leone, Liberia, Guinea – waren gemäß des Welthungerindex, den die Welthungerhilfe publiziert, bereits vor der Ebola-Katastrophe in ihrer Ernährungssituation als "ernst" bzw. im Falle Sierra Leones als "sehr ernst" eingestuft worden. Diese Lage hat sich nun verschlimmert. Ebola tötet Menschen nicht nur direkt, sondern vor allem auch indirekt, weil die Lebensmittelversorgung im Lande nicht mehr funktioniert, Hilfslieferungen Zeit brauchen und das Gesundheitssystem zusammenbricht. Das ist für die Menschen dort katastrophal. Kinder sind besonders betroffen, Behinderte haben kaum eine Chance. Hinzu kommt: Bauern können oft ihre Ernte nicht auf die Märkte bringen, da Straßensperren die Ausbreitung der Seuche verhindern sollen. Das führt dazu, dass sich die Situation weiter verschärft.

Aktuell haben laut dem Welthungerbericht der Welternährungsorganisation FAO 805 Millionen Menschen dauerhaft zu wenig zu essen, das ist jeder neunte Mensch auf der Welt. Woran liegt das?

Dies liegt an mehreren Faktoren: Arme Menschen haben zu wenig Kaufkraft, die lokalen Preise für Nahrungsmittel sind oft zu hoch und die staatlichen Ernährungsprogramme reichen oft nicht aus. Hinzu kommen die stark zunehmenden Krisen und Konflikte weltweit: Immer mehr Menschen fliehen aus ihren Heimatländern. Die große Mehrheit der Hungernden ist aber nicht von einer akuten Katastrophe betroffen, sondern hungert chronisch. Die meisten Betroffenen leben auf dem Lande in Entwicklungs- und Schwellenländern wie beispielsweise Indien und sind in der Landwirtschaft tätig. Die Produktivität und Einkommen ihrer meist sehr kleinen landwirtschaftlichen Betriebe reicht aber nicht aus, um sie und ihre Familien gut zu ernähren.

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Zur Person

Joachim von BraunJoachim von Braun (© privat)
Joachim von Braun
ist Professor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Der Agrarökonom untersucht unter anderem Ernährungssicherheit, Agrarpolitik und Handel.








Weltweit bestehen nach wie vor große Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen. Was sind die Gründe dafür?

Der Hunger ist in Süd-Asien und Afrika besonders konzentriert. China und Ostasien sowie Lateinamerika haben beachtliche Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers erzielt. Die wichtigsten Gründe dafür: Wirtschaftliches Wachstum, eine Reduzierung der Unterbeschäftigung und gezielte Programme zur Bekämpfung des Hungers beispielsweise in Brasilien haben positiv gewirkt.

Seit 1990 ist die Zahl der Hungernden von einer Milliarde auf 805 Millionen Menschen gesunken. Welche Faktoren waren dafür entscheidend?

Die Zahl ist eine grobe Schätzung. Die Größenordnung ist aber korrekt. Ich denke, der Hunger ist insgesamt etwas zurückgegangen. Dazu haben verbesserte Maßnahmen in einigen Ländern beigetragen wie beispielsweise in Indonesien, Indien, Peru und Ghana.

Was haben die erfolgreichen Länder konkret gemacht? Und welche Akteure waren dabei entscheidend?

Die erfolgreichen Länder haben Wirtschaftswachstum mit guter Sozialpolitik verbunden. Sie haben ländliche Entwicklung nicht vernachlässigt, in Innovation für Produktivität in der Landwirtschaft investiert und konkrete Programme wie Mutter und Kind-Speisungsprogramme, Schulspeisung flächendeckend eingesetzt. Zudem haben Länder wie Brasilien Einkommenstransfers eingesetzt, die mit Schulbesuch der Kinder und Gesundheitsvorsorge von Müttern verbunden sind. Das Paket wirkt, nicht nur die einzelnen Maßnahmen.

Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach entscheidend, damit in den kommenden Jahren weniger Menschen hungern?

Die Hungerbekämpfung ist leider immer komplexer geworden. Es geht längst nicht mehr nur um die Reaktion auf Naturkatastrophen. Der Hunger darf außerdem nicht nur als Kalorienmangel verstanden werden, von dem ca. 805 Millionen Menschen betroffen sind. Hinzu kommt: Rund zwei Milliarden Menschen leiden an Mangel anderer essenzieller Nährstoffe wie Eisen und Vitamin A. Sie sind deswegen oft krank und können nicht gut arbeiten und lernen. Das nennt man versteckten Hunger.

Der Hunger und die Mangelernährung müssen meiner Meinung nach viel umfassender als bislang bekämpft werden. Dazu gehört: In der Landwirtschaft müssen die Produktion und die Einkommen gesteigert werden. Wichtig sind außerdem Programme zur Bereitstellung von Nahrung mit ausreichenden Nährstoffen für Arme und die Einkommenstransferprogramme, wie Brasilien und Mexiko sie haben. Nicht zuletzt brauchen Menschen weltweit sauberes Trinkwasser und die Hygiene generell muss verbessert werden. Der Hunger ist allerdings nicht nur ein Versorgungs- und Verteilungsproblem von Nahrungsmitteln, sondern auch ein Problem der Gesundheit, wie Ebola drastisch zeigt. Zunehmend ist er auch wieder ein Problem der Sicherheitspolitik: Immer mehr Menschen sind auf der Flucht. Sie haben es sehr schwer, sich zu ernähren. Hier ist Nothilfe prioritär.


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