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Redaktion am 12.03.2015

Virtuelles Erinnern

Liegt die Zukunft der Erinnerung in sozialen Netzwerken? Zur Frage des Gedenkens an den Holocaust beantwortet Stephanie Benzaquen Fragen zum Nutzen und Implikationen des Gedenkens via Twitter oder Instagram und zeigt auf, wo sie eine Zusammenarbeit zwischen etablierten Formen des Gedenkens und diesen neuen Formen sieht.

Zwei Besucherinnen in Berlin fotografieren sich mit einem sogenannten Selfie-Stick selbst vor dem Holocaust-Mahnmal.Zwei Besucherinnen in Berlin fotografieren sich mit einem sogenannten Selfie-Stick selbst vor dem Holocaust-Mahnmal. (© picture-alliance/dpa)

1. Liegt die Zukunft der Erinnerung in den Sozialen Medien?

Ich weiß nicht, ob die Zukunft der Erinnerung in den Sozialen Medien liegt, aber ich bin mir sicher, dass soziale/ digitale Medien - neben Gedenkstätten, Museen, Ausstellungen, Büchern und Filmen - eines der Hauptinstrumente sein werden, um die Erinnerung an den Holocaust in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu vermitteln, zu teilen und fortzuführen. Deswegen sehe ich auch keinen radikalen Bruch zwischen den Sozialen Medien und dervorangegangenen Vermittlung des Holocaust. Vorstellungen von Kontinuität, Annäherung und Hybridität beschreiben sicherlich treffender, wie die Sozialen Medien Teil dessen geworden sind, was als "visuelle Geschichte des Bezeugens des Holocaust" beschrieben werden kann. Beispielsweise gibt es Tumblr (Mikroblogs) über Auschwitz, welche Archivbilder, Ausschnitte aus Dokumentarfilmen, selbst geschossene Fotos der Blogger oder Fotos aus anderen Social Media wie Flickr, Timelines, Exzerpte wissenschaftlicher Arbeiten oder Memoiren sowie Kommentare enthalten. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Interaktion zwischen sozialen Medien und früheren Vermittlungsmethoden und Formen der Repräsentation zu verstehen. Die Zukunft der Erinnerung liegt in dieser Interaktion und seinem Vermögen, gleichzeitig akkurate und kritische Informationen zu kommunizieren und Benutzer zu ermutigen, Empathie auszudrücken.

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Stephanie Benzaquen

Stephanie Benzaquen ist Doktorantin an der Erasmus University Rotterdam in den Niederlanden. Sie ist auch als Kuratorin tätig und organisierte bereits Projekte in Israel, Frankreich, Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Russland und Thailand. 2012 war sie Leon Milman Memorial Fellow des United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC.

2. Tweets, Instagram-Selfies und Facebook-Posts vom Gedenkstättenbesuch – können die Social Media die Vorstellung von Auschwitz "lebendig" halten?

Soziale Medien halten die Wahrnehmung von Auschwitz auf mindestens zwei verschiedenen Wegen lebendig. Wenn eine Person einen Selfie von sich in Auschwitz macht, bewahrt sie für sich diesen Moment und den Effekt der überwältigenden Erfahrung des Besuchs des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Man wird vermutlich wieder und wieder auf dieses Foto zurückkommen und sich sagen: "So habe ich mich gefühlt". Ausserdem wird das Selfie - sobald es gepostet wurde und sich an andere richtet - zu einem Weg, zu sagen: "Ich war dort". Vor diesem Hintergrund haben soziale Medien eine zeugnishafte Dimension.
Stephanie Benzaquen-GautierStephanie Benzaquen-Gautier (© privat)
Sie erlauben dem Nutzer, selbst ein Glied in der langfristigen Traditionslinie der Weitergabe zu werden oder eines hinzuzufügen. Tatsächlich ist es das, wo die individuelle Dimension von Erinnerung in den Sozialen Medien mit der kollektiven Dimension des Gedenkens zusammenkommt. Tweets, Bilder auf Instagram, Fotos auf Flickr und YouTube-Videos formen zusammen ein "Archiv im Entstehungsprozess" von Auschwitz. Ist dort heute etwas passiert? Wie war das Wetter? Was machen Besucher, wenn sie in Auschwitz sind? Wie reagieren sie auf das was sie sehen? Verändern sich die Gebäude? Diese Fragen mögen für manche anekdotisch erscheinen. Aber die Möglichkeit zu haben, sie zu fragen und (teils) beantworten zu können - das zeigt, dass die Sozialen Medien von diesem Ort nicht nur ein tagtägliches Portrait beinahe in Echtzeit erzeugen; sie binden Auschwitz fest an unser alltägliches Leben."

3. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Geschichte so zu etwas Banalem wird und wir zu emotionslosen Rezipienten?

Klar, die sozialen Medien sollten auch nicht "glorifiziert" werden. Ohne Zweifel bringen sie auch verstörende Effekte mit sich. Auschwitz mit denselben Instagram-Farbfiltern, die auch für Fotos vom Essen genutzt werden, abgelichtet zu sehen, ist problematisch. Ein weiterer Punkt ist die massive Reproduktion von Bildern, das beliebte Fotografieren von Bildikonen des Holocaust (den "Kanon"), die Verwirrung zwischen historischen Bildern und Folgebildern. Die Tendenz geht dahin, einen "Repräsentationskreislauf" zu erzeugen, der unseren Blick, unsere Perzeption und wahrscheinlich sogar unser historisches Verständnis beeinflusst. Das führt zu Problemen der Funktionalitäten (die technologischen und kommerziellen Aspekte von sozialen Medien sollten nie übersehen werden) von Gebrauchsgütern und Kommodifizierung. Dies sind ernsthafte Herausforderungen. Wobei sie auch nicht neu sind. Vor 35 Jahren wurde die Mini-Serie "Holocaust" im Fernsehen gezeigt und löste hitzige Debatten aus.Ihre Dramatisierung, die Soap-ähnliche Form, wurde als unangemessen für ein Ereignis wie den Holocaust angesehen und stark kritisiert. Eine interessante Frage dazu könnte gewesen sein: "In welchem Ausmaß hat der Holocaust das Format der Soap Opera in Frage gestellt?" Diese Frage kann auch auf die sozialen Medien übertragen werden. In welchem Ausmaß fordert der Holocaust die Funktionen von sozialen/digitalen Medien, ihre Defizite und möglichen Effekte heraus? Ängst vor der Banalisierung des Holocaust, unsere Sorge davor, weniger und weniger emotional auf das Ereignis zu reagieren, sind tief verwurzelt - legitim im Diskurs über die Erinnerung an den Holocaust. Das sind Risiken, derer wir uns immer bewusst sein müssen. Nichtsdestotrotz ist die Frage interessant, wenn es um soziale Medien geht, wie stark diese Bedenken mit unserem Voranschreiten in eine ungewisse Zukunft zusammenhängen: Das bevorstehende Zeitalter der Nachfahren der Überlebenden und der Anbruch der "vierten Generation".

Virtual rememberance - Das Interview im englischen Original

1. Lies the future of remembrance in Social Media?

I do not know whether the future of remembrance lies in social media but it is clear to me that social/digital media will be - next to commemorations, museum exhibitions, books and films - one of the major ways to convey, share, and continue Holocaust memory in the coming years or decades.
In this sense, I do not see any radical rupture between social media and former mediations of the Holocaust. Notions of continuity, convergence, and hybridity certainly describe more aptly how social media become part of what could be called "visual history of bearing witness to the Holocaust." For instance, there are tumblr (micro-blogging sites) about Auschwitz that include archive images, excerpts of documentary movies, photos snapped by the tumblr authors themselves or collected from other social media such as Flickr, timelines, excerpts of academic essays or memoirs, comments. This shows how important it is to understand the interaction of social media and earlier delivery systems and forms of representation. The future of remembrance lies in this interaction, and its capacity to both communicate accurate and critical information and enable users to express empathy.

2. Tweets, Instagram-Selfies and Facebook-Posts of memorial visits – can Social Media keep the perception of Auschwitz "alive"?

Social media keep the perception of Auschwitz "alive" in two ways at least. By taking a selfie in Auschwitz, a person may capture at the very moment and on the very spot the effect of the overwhelming experience that is visiting the camp. One may come back to that photo, look at it again and again, and say: "This is how I felt then". As well, once the selfie is posted, which is to say turned to others, it becomes a way to tell that, "I was there". In this respect, social media have a testimonial dimension. They allow the user to become or to add a link in the long-standing chain of transmission. Indeed this is where the individual dimension of memory on social media combines with the collective dimension of remembrance. Altogether tweets, Instagram snapshots, photos on Flickr, YouTube videos form an "archive-in-progress" of Auschwitz. Something happened there today? What was the weather like? What do visitors do when they are in Auschwitz? How do they react to what they see? Do the buildings change? These may seem, for some, anecdotic questions. But being able to ask them and answer them (in part) shows that social media do not only create a day-to-day, almost real-time portrait of the site; they also weave Auschwitz into the fabric of our daily life.

3. Isn’t there a risk that history becomes banal and we become unemotional recipients?

Clearly, social media should not be "glorified" either. There are, undeniably, disturbing effects. Seeing Auschwitz snapped with the same kind of Instagram-color filters as those used in food selfies is problematic. Other issues are the massive reproduction of images, the popular take on iconic images (the "canon") of the Holocaust, the confusion between historical images and afterimages. It tends to create a "circle of representation" which affects our gaze, perception, and perhaps even understanding. This points to problems of functionalities (the technological and commercial aspects of social media should never be overlooked), commodity and commodification. These are serious challenges. At the same time, they are not new. Thirty-five years ago the mini-series "Holocaust" was broadcast on television, triggering heated debates. Its drama, soap-opera form was strongly criticized as fully inappropriate to an event such as the Holocaust. An interesting question about it could have been: To what extent did the Holocaust then challenge the soap-opera format? This question could be extended to social media. To what extent does the Holocaust challenge the functioning of social/digital media, their shortcomings and possible effects? Fears about the banalization of the Holocaust, our anxiety at being less and less emotionally responsive to the event are ingrained, legitimately so, in the discourse about Holocaust memory. These are risks we must always keep in mind. Nevertheless, it might be interesting to ask, when it comes to social media, how much these concerns are connected to our stepping soon into an unknown future: the coming of the post-survivor age and the advent of the "fourth generation."


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Kommentare anderer Nutzer

rpi-virtuell, Andrea Lehr-Rütsche | 19.03.2015 um 21:40 [Antworten]

Artikel Virtuelle Erinnern

Vielen Dank für Ihren interessanten und ganz anderen Blick auf das Erinnern in den Social Networks. Wir haben Ihren Artikel bei rpi-virtuell, der überkonfessionellen Plattform für Religionspädagogik und Religionsunterricht verlinkt.


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