LLUSTRATION - Auf einer Europaflagge steht das Wort «Wahl» mit Scrabble-Buchstaben, aufgenommen am 14.05.2009 in Frankfurt (Oder). Am 07.06.2009 findet in Deutschland die Wahl zum Europäischen Parlament statt. Entscheidungen in Straßburg und Brüssel haben großen Einfluss auf den Alltag der Bürger. Dennoch sank die deutsche Beteiligung bei der Europawahl 2004 auf den Tiefpunkt von 43 Prozent. Foto: Patrick Pleul +++(c) dpa - Report+++

Redaktion am 12.05.2014

Wie rechtspopulistisch wählt Europa? Teil 1

Rechtspopulistische Parteien seien momentan im Aufwind, sagt Tim Spier, Politikwissenschaftler an der Universität Siegen. Er erklärt, wer hauptsächlich rechtspopulistische Parteien wählt - und warum gerade jüngere Wähler für die Ansprache solcher Parteien anfällig sind.

Quellentext

Wie rechtspopulistisch wählt Europa?
Interview mit Prof. Dr. Tim Spier, Politikwissenschaftler an der Universität Siegen.

Teil 1

Welche Rolle werden bei der kommenden Europawahl rechtspopulistische Parteien Ihrer Meinung nach spielen?

Prognosen sind immer schwierig. Das ist sicherlich eine Sache, die wir erst mal abwarten müssen. Aber grundsätzlich ist es so, dass rechtspopulistische Parteien momentan im Aufwind sind – das kann man ganz deutlich sagen. Das hängt natürlich noch zusammen mit den aktuellen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise, ist andererseits aber auch Teil eines längerfristigeren Trends: Seit den 1980er Jahren erleben wir, dass rechtspopulistische Parteien in den europäischen Ländern – vor allem in den westeuropäischen, aber auch in Osteuropa – einen quasi wellenförmigen Aufwärtstrend entgegenkommen. Deswegen sind 17 oder 18 Prozent europaweit sicherlich keine falsche Hausmarke.

Wo sehen Sie den Unterschied zwischen rechtspopulistischen und -extremistischen Parteien?

Ich bin eigentlich kein Freund davon, zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus zu unterscheiden, weil ich glaube, dass es eine gleitende Unterscheidung, im Grad der Radikalität einer Partei ist, weniger eine kategoriale Unterscheidung zwischen das sind Extremisten, das sind Populisten. Es gibt auch in den wenigsten Ländern eine Definition, wo man sagen könnte: Das ist Extremismus. Wir haben in Deutschland eine solche Definition, die mit Parteiverboten zusammenhängt – das kennen wir in anderen Ländern nicht. Wenn man sich das anschaut: Der Front National war bis vor wenigen Jahren vielleicht wesentlich extremer als die NPD bei uns. Trotzdem würde man hier ganz eindeutig sagen: Die NPD ist eine extremistische Partei. Aber um zum Kern ihrer Frage zu kommen: Es ist natürlich in der Tat so, dass etwas gemäßigtere rechtspopulistische Parteien, die nicht so ganz radikal auftreten und nicht ganz so extrem, bessere Chancen haben, in breite Teile der Wählerbevölkerung einzudringen und dann natürlich bessere Wahlergebnisse zu bekommen.

Wer wählt rechtspopulistische Parteien?

Das sind psychologische Mechanismen, die bei den Wählern derartiger Parteien funktionieren. Ich spreche gerne von "Modernisierungsverlierern". Das ist ein plakativer Begriff, aber ich glaube, er bringt es auf den Punkt. Personen, die sozial benachteiligt sind, ganz allgemein, leiden unter bestimmten psychologischen Problemen, das heißt sie sind frustriert aufgrund ihrer eigenen ökonomischen Situation - und das wandelt sich sehr gerne in Aggression um. Und Aggression wird gerade von diesen Rechtspopulisten geschürt. Das heißt, dadurch dass man einfacher Feindbilder erzeugt, spricht man diese latente Aggression durchaus an. Das hängt auch mit Statusängsten zusammen, das heißt dass man glaubt, dass es einem schlechter gehen könnte in der Zukunft, oder dass es einem tatsächlich im Augenblick schlecht geht. Und das alles ist Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten, die genau diese psychologische Gemengelage bei vielen sozial benachteiligten Personen ansprechen. Und dadurch werden sie zu einer großen Gruppe von Wählern der Rechtspopulisten. Es ist nicht die einzige, es gibt auch wirklich die reichen Leute, die aus irgendwelchen chauvinistischen Gründen tatsächlich Rechtspopulisten wählen. Aber der Kern der Wählerschaft von Rechtspopulisten in Europa ist mittlerweile eine breite Schicht von "Modernisierungsverlierern", wie man das nennen könnte.

Handelt es sich dabei hauptsächlich um Protestwähler?

Es sind sicherlich nicht nur ausschließlich Protestwähler, aber Protest ist tatsächlich ein zentrales Element. Das heißt: W ir haben bestimmte Dispositionen, bestimmte Anlagen bei einem Teil der Bevölkerung, die es wahrscheinlicher machen, dass man Rechtspopulisten wählt. Aber was da hinzu kommen muss, quasi als Katalysator, ist eine hohe politische Unzufriedenheit. Und die wird natürlich auch von einer aktuellen Tageslage mitbestimmt, das heißt politische Unzufriedenheit, Protest kommt hinzu. Es ist aber nicht nur eine Proteststimme. Es ist natürlich ein Denkzettel für die etablierten Parteien, aber es würde jetzt nicht jeder Wähler auf die Idee kommen, deswegen eine rechtspopulistische Partei zu wählen. Sondern da müssen bestimmte Dinge hinzukommen, bestimmte ideologische Ausrichtungen in der Wählerschaft, bestimmte Einstellungen: Das ist natürlich eine latente Ausländerfeindlichkeit, das ist vielleicht ein übersteigerter Nationalismus, überhaupt eine nationalistische Tendenz. Auch eine autoritäre Einstellung, dass man Recht und Ordnung für besonders wichtig hält, dass man Sicherheit über alles stellt. Das sind so typische Einstellungen bei den potenziellen Wählern rechtspopulistischer Parteien, die dann durch politische Unzufriedenheit aktiviert werden und sich in einer Wahl derartiger Parteien umsetzen.

Warum sind gerade jüngere Wähler für die Ansprache rechtspopulistischer Parteien anfällig?

Jüngere sind natürlich politisch ungebundener. Das heißt: Man wird nicht mit einer Parteibindung geboren, sondern da wächst man hinein, wird politisch reinsozialisiert. Und natürlich ist es so, dass diese jüngeren Generationen nicht mehr in diese alten, etablierten Parteimilieus sozialisiert wurden, das heißt wesentlich ungebundener sind, sich von Zeit zu Zeit entscheiden und deswegen besser angesprochen werden können von Rechtspopulisten. Hinzu kommt noch ein Phänomen, das vor allem junge Männer betrifft. Junge Männer sind die Kern-Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien. Und das hängt auch damit zusammen, dass man bei ihnen diese latente Aggressivität und die Probleme vorfindet. Kurz gesprochen: dass man unter jungen Männern viel, viel mehr Modernisierungsverlierer findet: Leute, die mit ihrer Ausbildung nicht klar gekommen sind, die keine Berufsperspektiven haben. Das sind vor allem junge Männer, die damit nicht klar kommen, die das nicht kompensieren können. Das sieht man auch bei anderen Phänomenen: Die Ausländerfeindlichkeit bei jungen Männern ist viel höher, die Unzufriedenheit, insgesamt die Radikalität im Auftreten. Insofern sind junge, aber vor allem auch junge Männer, eine starke Zielgruppe von Rechtspopulisten.



Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet


Kommentare anderer Nutzer

Maximilian | 13.05.2014 um 22:19 [Antworten]

Gute Zusammenfassung eines Buches

Dieses 6 Minuten lange Video erinnert mich an das vom bpb herausgegebene Buch von Franck Decker: Populismus in Europa.
Ich möchte dieses Buch an der Stelle nicht weiterempfehlen, da es sehr anspruchsvoll und trocken geschrieben ist. Die Kernthesen werden allerdings in diesem Clip sehr gut herausgearbeitet. Im Buch sind diese lediglich mit Beispielen belegt und zum Teil mit Gegenthesen konfrontiert.

[link]http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/35888/populismus-in-europa[link]

Andreas Hahn | 23.05.2014 um 01:04 [Antworten]

Kommentar zu Herrn Spier, erste Ergebnisse aus den Niederlanden

Nach den ersten Ergebnissen aus den Niederlanden scheint es ja mit dem "Aufwind" nicht so weit her zu sein. Geert Wilders, dem laut Umfragen ja prognostiziert wurde, dass seine PVV nach dieser Wahl in dem Land die wählerstärkste Partei zu werden drohte, verlor rund 5 %-Punkte und schmiert auf den vierten Platz ab Stand: 23. Mai, 01.01 Uhr. Soviel zum Thema "Umfragen".
Ich denke, dass viele, die gerade in der Lage sind, die Umfragen optisch vom Hintergrund, auf dem diese stehen, zu trennen, sollten sich nicht für so wichtig nehmen.
Mich freut zweierlei: 1 Geert Wilders Grenzen sind nicht nach oben offen und zweitens: Umfragen sind halt keine Wahlergebnisse, also sollte man diese auch entsprechend sehen.


Dialog

Blog zur Europawahl 2014

Alle Beiträge des Blogs in der Übersicht.

Mehr lesen

euro|topics-Debatte

Europa wählt

Vom 22. bis 25. Mai 2014 wählen die Europäer zum achten Mal das Europäische Parlament. Es ist die erste Wahl seit Beginn der Eurokrise. Prognosen sehen antieuropäische Parteien momentan im Aufwind. Bestrafen die Europäer ihre Regierungen für deren Krisenpolitik?

Mehr lesen auf eurotopics.net

Interaktives Wahltool

Wahl-O-Mat Europawahl 2014

Am 25. Mai 2014 wurde ein neues Europäisches Parlament gewählt. Laut dem amtlichen Endergebnis erhielt die CDU 30 Prozent, die SPD 27,3 Prozent und die Grünen 10,7 Prozent. Die Linke folgt mit 7,4 Prozent, die FDP kam auf 3,4 Prozent. 5,3 Prozent der Stimmen erhielt die CSU und die AFD erreichte 7,1 Prozent. Der Wahl-O-Mat zur Europawahl wurde 3.890.974 Mal genutzt.

Mehr lesen

Die bpb in Social Media

Wahl-O-Mat

Ihr Thema für den Wahl-O-Mat

Banken-Union, Datenschutz, Sicherheitspolitik, Euro … es gibt viele Themen zur Europawahl. Welche sind Ihnen besonders wichtig? Und gehören unbedingt in den Wahl-O-Mat? Wir haben Ihre Vorschläge zur Vorbereitung auf unseren Wahl-O-Mat Workshop gesucht.

Mehr lesen

[60 Kommentare Letzter Kommentar vom 26.02.2014 16:53]

Dossier

Europawahl 2014

Alle Inhalte der bpb zur Europawahl 2014 im Überblick.

Mehr lesen

Redaktion des Weblogs

Herausgeber

Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn
Verantwortlich gemäß § 55 RStV: Thorsten Schilling

Redaktion bpb

Matthias Klein
André Nagel
Philipp Weber (Studentischer Mitarbeiter)
Bennet Krebs (Studentischer Mitarbeiter)
Lea Carstens (Studentische Mitarbeiterin)

Europawahl lokal
Blog für Lokaljournalisten

Europawahl lokal

Ein Blog für alle, die Inspirationen zur Europawahl-Berichterstattung im Lokalen suchen. Die Beispiele der wachsenden Ideensammlung zeigen, wo Lokaljournalisten die Brücke zwischen der eigenen Gemeinde und Brüssel bereits erfolgreich geschlagen haben und welche Konzepte sie für dieses Jahr planen. Blogautorin Patricia Dudeck arbeitet als freie Journalistin und Infografikerin in Brüssel und Deutschland.

Mehr lesen auf drehscheibe.org