Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Dr. Ute Schneider

Weltbilder auf Karten

Die Legende von der Scheibe

Die Anordnung der Kontinente und des Ozeans, der den Erdkreis umfließt, scheinen auf den ersten Blick ein gängiges Vorurteil zu bestätigen. Aber der mittelalterliche Mensch glaubte nicht, dass die Erde eine Scheibe sei. Diese Meinung entstand in der Neuzeit, um sich vom "unwissenden", "christlichen" und "abergläubischen" Mittelalter abzugrenzen. Tatsächlich war die Kugelgestalt der Erde seit der Antike bekannt und ist in zahlreichen Quellen und Wissenssammlungen überliefert. Allerdings hatten die Mönche und Kleriker, die Karten zeichneten, ein ähnliches Problem wie spätere Kartographen: die Gestalt der "Sphaera" auf einer Fläche darzustellen. Leider ist die Sphaera, der Globus, von dem Notker von St. Gallen (ca. 950-1022) berichtet, nicht überliefert. Er war in dem schweizer Kloster hergestellt worden und verzeichnete die "Wohnorte aller Völker". Überliefert aber ist in Architektur und bildender Kunst der Reichsapfel, der in zahlreichen Fällen eine Weltdarstellung trägt.

Es waren im Wesentlichen drei Prozesse, die die Legende von der Scheibenvorstellung ausbildeten und beförderten: Zum einen die Abbildungen in den Handschriften, die, ohne dass der zugehörige Text gelesen wurde, als Belege für die Scheibengestalt gedeutet wurden. Zum anderen wurden mit dem Buchdruck nur noch solche Texte und Abbildungen verbreitet, die den Eindruck einer Scheibe verstärkten. Und schließlich kam ein Begriffswandel hinzu, der die Bedeutung von "orbis", das ursprünglich für "Scheibe" und "Kugel" stand, auf "Kreis" reduzierte.

Allgemeine Verbreitung fand die Legende vom mittelalterlichen Glauben an die Erdscheibe erst mit der Französischen Revolution und im 19. Jahrhundert. Denn mit dem Fortschritt der eigenen Erkenntnisse, dem "sich erweiternden Horizont", wie der Geograph Friedrich Ratzel [1844-1904] ausgangs des 19. Jahrhunderts schrieb, "rückte die Vorstellung von der kugelförmigen Erde immer näher".

Der offene Raum

Menschenfresser, Ausschnitt aus der Ebstorfer WeltkarteMenschenfresser, Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte (© uni-lueneburg.de)
Ein genauer Blick auf die Ebstorfer Weltkarte kann mit der Legende vom Glauben an die Erdscheibe aufräumen: Im Ozean finden sich zahlreiche Inseln, von denen einige, wie z.B. die Hesperiden, bewaldet sind, andere von Menschenfressern bewohnt werden.

Bei der Insel Malichu erfährt der Betrachter, dass manche in Anlehnung an spätantike Quellen glaubten, dass das ganze Meer schiffbar sei und nennen auch die Zwischenstationen und die Entfernungen vom Indischen Vorgebirge Deparnum her.

Diese Möglichkeit, den Raum als offen zu betrachten,
Insel Malichu, Ausschnitt aus der Ebstorfer WeltkarteInsel Malichu, Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte (© uni-lueneburg.de)
in Verbindung mit der Kugelgestalt der Erde hat schließlich Kolumbus verleitet, den Weg nach Indien über das offene Meer zu suchen. Ihm war ein neuer Kartentyp von Nutzen, der im 13. Jahrhundert in den seefahrenden Staaten am Mittelmeer entstanden war. Sowohl auf der iberischen Halbinsel als auch im osmanischen Herrschaftsgebiet entstanden Karten, die im Gegensatz zu den mittelalterlichen Weltkarten dem unmittelbar praktischen Gebrauch dienten. Sie wurden nicht mehr in Klöstern, sondern von Seefahrern in Zusammenarbeit mit kartographischen Werkstätten erstellt. Die spezifische Funktion dieser als "Portulan" bezeichneten Karten schlägt sich auf der Darstellungsebene nieder.

Portulankarte des Vesconte Maggiolo (1541)Portulankarte des Vesconte Maggiolo (1541) (© copyright frei )
Portulane, die auf wetterunempfindliche Tierhäute gezeichnet und in gerollter Form auf die Reise mitgenommen werden konnten, verzeichnen den Küstenverlauf, während das Landesinnere nur mit einzelnen signifikanten Merkmalen wie Gebirgen, Städten oder biblischen und
Karte Norditaliens von Andrea BenincasaKarte Norditaliens von Andrea Benincasa (© copyright frei )
legendäre Gestalten wie etwa der Arche Noah gefüllt wurden. Das Landesinnere war für den Seefahrer nicht von praktischer Relevanz, gab aber geschichtliche und nützliche Informationen, und aus Angst vor der Leere, dem "horror vacui", wollte man die Karte nicht weiß belassen. Im Küstenverlauf jedoch zeichnet sich der Portolan von Andrea Benincasa, Sohn einer berühmten Kartographenfamilie in Ancona durch eine bestechende Genauigkeit aus. Für den Seefahrer war hier jede kleinste Information unter Umständen von lebenswichtiger Bedeutung.

Einnordung und Nullmeridian

Weil die Seefahrer ihre Position mit Hilfe des Kompasses bestimmten, der bekanntlich auf den magnetischen Nordpol weist, wurden mit seiner Hilfe auch die Portulane auf den Nordpol ausgerichtet. Diese Orientierung ist seit der Frühen Neuzeit auf Weltkarten zu finden. Allerdings ist die Ausrichtung nach Norden keineswegs die Regel. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden ebenso Karten hergestellt, die auf die anderen Himmelrichtungen ausgerichtet sind. Wer heute mit Karten wie der Hobo-Dyer-Projektion konfrontiert wird, die die Welt förmlich auf den Kopf stellt, kann sich auf den ersten Blick nicht orientieren. Die vertraute Einnordung setzte sich am Ende des 19. Jahrhunderts als Standard durch. Sie war das Ergebnis europäischer Macht, die sich in der Hochphase des Imperialismus auf weite Teile der Erde erstreckte. Um noch einmal an die Worte Brian Harleys zu erinnern: Wer die Macht hat, setzt auch die kartographischen Standards und Prinzipien. Die Art, wie dieser Kartentyp die Welt präsentiert und auf sie blicken lässt, stand damals nicht einmal zur Debatte und wird erst seit wenigen Jahrzehnten in jenen Ländern thematisiert, die bei der herkömmlichen Darstellung "auf dem Kopf stehen". Noch eine weitere, kartenrelevante Entscheidung fiel am Ausgang des 19. Jahrhunderts: Im 18. war es endlich gelungen, die Längengrade zu bestimmen, und nun entschied man, den Nullmeridian durch Greenwich zu legen, ein Zentrum europäischer Seefahrt seit der Frühen Neuzeit.

Das Zentrum der Karte

Eine Karte, bei der Süden oben liegt, bricht mit unseren etablierten Sehgewohnheiten, aber nicht allein wegen der Vertauschung der Pole. Wir sind es nicht gewöhnt, Europa am unteren rechten Rand einer Karte zu suchen, dort, wo sich auf unseren Karten Australien befindet. Üblicherweise sehen wir Europa fast im Zentrum einer Karte und können uns von dort in der Welt orientieren.

Sinozentrisches Weltbild in einem koreanischen AtlasSinozentrisches Weltbild in einem koreanischen Atlas (© Stiftung preussischer Kulturbesitz )
Dieser Eurozentrismus ist ebenfalls Ausdruck europäischer Macht und geht auf Mercator (1512-1594) zurück, der 1569 eine Weltkarte vorlegte, die die Orientierung auf See erleichterte und den Seeleuten die Angst vorm Verirren nahm. Mercator hatte ein Gitternetz entwickelt, das ihm eine Projektion der Kugelgestalt auf die Fläche erlaubte. Diese, später mathematisch berechnete und weiterentwickelte Mercatorprojektion, fand zusammen mit den europäischen Karten globale Verbreitung. Kritik an ihrem Eurozentrismus kam erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf und führte zu neuen Projektionsformen, wie etwa der nach dem Historiker und Kartographen Arno Peters (1916-2002) benannte Peters-Projektion.

Die Motive Mercators für die Lokalisierung Europas im Zentrum der Karte kennen wir nicht, er scheint aber einer menschlichen Intuition gefolgt zu sein. Ein Vergleich mit Karten anderer Kulturen zeigt nämlich, dass die zentrale Lokalisierung des eigenen Kontinents keineswegs auf die Europäer beschränkt ist. Die Chinesen, die im 17. Jahrhundert von den Jesuiten die Mercatorkarte übernahmen, platzierten das Reich der Mitte ins Zentrum der Karte, und in amerikanischen oder japanischen Schulbüchern finden sich Weltkarten mit dem jeweils eigenen Land in der Kartenmitte. Ethnozentrismus erleichtert anscheinend die Orientierung.


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