Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Dr. Ute Schneider

Weltbilder auf Karten

Machtbereiche und Weiße Flecken

Die rasche Verbreitung des uns heute vertrauten Kartentyps, der die Welt nach topographischen Kriterien organisiert, ist eng mit dem Prozess der Staatenbildung in der Frühen Neuzeit verbunden. Die Monarchen entwickelten ein Interesse an ihrem Territorium und führten zahlreiche Kriege zu seiner Ausdehnung.

Ausschnitt aus der Schmettauschen KarteAusschnitt aus der Schmettauschen Karte (© copyright frei )
Dafür benötigten sie Informationen über das Land und seine Größe, und sie ließen es nun systematisch vermessen. Die Karten, die dabei entstanden, unterlagen striktester Geheimhaltung und waren der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Weil Friedrich der Große etwa Sorge hatte, dass die Karten mit all ihren Informationen seinen Feinden in die Hände fallen könnten, musste die Landesaufnahme im Geheimen erfolgen. Das Schmettausche Kartenwerk blieb aus Gründen der Geheimhaltung in den Händen des Generalstabs. Die Kupferplatten dieser so genannten Kabinettkarte brachte Napoleon nach dem Sieg über Preußen als Kriegsbeute mit nach Paris.

Weiße Flecken - unentdeckte Gebiete: Eine Afrika-Karte aus dem 19. JarhundertWeiße Flecken - unentdeckte Gebiete: Eine Afrika-Karte aus dem 19. Jarhundert
Indem die Europäer begannen, die Welt kennenzulernen und zu erobern, blieben entfernte und unzugängliche Gebiete zunächst unvermessen, so dass auf den Karten "weiße Flecken" entstanden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren diese Flecken zahlreich. Gelesen wurden sie keineswegs nur als Unkenntnis, sondern viel ausgeprägter als Aufforderung, hier Raum zu gewinnen und zu beherrschen. So erging es auch Kapitän Marlow, dem Held in Joseph Conrads (1857-1924) Roman Herz der Finsternis: "Zu jener Zeit gab es noch viele weiße Flecken auf der Erde, und wenn ich einen sah, der auf der Karte besonders einladend wirkte (aber das tun sie alle), legte ich den Finger darauf und sagte: Wenn ich groß bin, fahre ich dorthin" (J. Conrad, Herz der Finsternis, München 2005, S. 12). Cecil Rhodes (1853-1902), einer der Vertreter des britischen Imperialismus, träumte sogar davon, weite Teile der Karte Afrikas in Rot zu malen, denn das Empire stellte gewöhnlich seinen territorialen Besitz auf Karten in Rot dar.

Karten und Militär

Mit dem territorialen Ausbau ging der Aufbau stehender Heere einher, die für eine veränderte Kriegsführung Karten benötigten. Mit Hilfe der Karten wurden die Feldzüge geplant und die Armeen im Gelände bewegt. Für manche Befehlshaber des 20. Jahrhunderts fanden die Kriege überhaupt nur in dem virtuellen Raum der Karten statt; von der Realität des Krieges bekamen sie nichts mit.

Napoleon (1769-1821) war sich der Bedeutung guter Karten sehr bewusst. Nach der Schlacht bei Jena sagte er zu Goethe (1749-1832), dass die Truppe eine gute Karte haben müsse, denn eine gute Karte sei der halbe Sieg. Wie wichtig sie sind, hatte auch Ernst Jünger (1895-1998) im Ersten Weltkrieg erfahren: "Es galt, um 3:40 Uhr nach einer Artillerie- und Minenvorbereitung von fünf Minuten Dauer den so genannten Muldengraben vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzurollen. In diesen wie in vielen anderen Annäherungsgraben hatte sich der Gegner eingefressen und hinter Barrikaden festgesetzt. Leider war das Unternehmen, für das Leutnant Voigt von der Sturmkompanie mit einem Stoßtrupp und ich mit zwei Gruppen bereitgestellt waren, offensichtlich nach der Karte befohlen, denn der Muldengraben, der sich in einem Grunde entlangschlängelte, war von vielen Orten bis auf die Sohle einzusehen" (Ernst Jünger, In Stahlgewittern, Stuttgart 1978, S. 298-299).

Gute Karten sind aber nur eine Voraussetzung. Sie nützen wenig, wenn die Soldaten sie nicht lesen können. Beides ist bis heute nicht immer selbstverständlich. So berichteten amerikanische Soldaten aus dem Irakkrieg von den Schwierigkeiten der lokalen Bevölkerung, Karten zu lesen und zu verstehen. Verständlicher seien ihnen einfache Zeichnungen.

Karte als Vertrag

Problematisch sind schlechte Karten und schlechte geographische Kenntnisse nicht nur bei der Orientierung im Feld, sondern auch nach dem Krieg. Karten waren und sind nämlich in fast allen Fällen mit einer Neuordnung des Raumes verbunden, da diese kaum jemals vor Ort stattfindet. Stattdessen finden sich die Sieger an einem Kartentisch ein, um über politische Neuordnungen zu entscheiden. Dies geschah beispielsweise 1878 auf dem Berliner Kongress, der die politischen Verhältnisse in der Balkan-Region neu ordnete. Graf Peter Schuwalow (1827-1889), einer der beiden russischen Gesandten, berichtet in diesem Zusammenhang von seinem Kollegen Fürst Gortschakow, "dass er mit geographischen Karten sozusagen auf Kriegsfuß stand. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass er (...) nicht in der Lage war, auch nur ungefähr auf der Karte die verschiedenen Balkanstaaten zu zeigen (...)".

Der russische Diplomat war dabei kein Einzelfall, auch der englische Premier Disraeli, Lord Beaconsfield, (1804-1881) "hatte noch nie eine Karte von Kleinasien gesehen", wie sein Kollege Salisbury (1830-1903) dem Russen anvertraute. (Zu beiden Zitaten vgl. Peter Schuwalow, Der Berliner Kongress, in: Berliner Monatshefte 16, 1938, S. 628-629). Trotz dieser Schwierigkeiten zog der Kongress neue Grenzen, die schließlich auf einer Karte festgehalten wurden.

Grenzverlauf zwischen dem Osmanischen Reich und ArmenienGrenzverlauf zwischen dem Osmanischen Reich und Armenien (© unbekannt )
Häufig bekräftigten die beteiligten Parteien die neuen Grenzziehungen durch ihre Unterschrift auf oder unter der Karte, wie etwa auch der amerikanische Präsident, der 1920 im Zuge der Verhandlungen über den Friedensvertrag von Sèvres einen Grenzverlauf zwischen dem Osmanischen Reich und Armenien festgelegt hatte. Während der Raum in diesen Fällen unter machtpolitischen Gesichtspunkten strukturiert und hierarchisiert wird – ethische, religiöse oder andere Zugehörigkeiten und das Selbstbestimmungsrecht werden bei diesen Entscheidungen am Kartentisch kaum berücksichtigt – bestimmen ganz andere Hierarchisierungen unseren alltäglichen Kartengebrauch.

Die Hierarchisierung des Raums

Viele kennen die Karte der Berliner U-Bahn (PDF) . Mit Hilfe dieses Plans - im Kopf oder auf dem Papier - kann man sich in Berlin gut fortbewegen. Will man jedoch den Weg zwischen zwei Stationen zu Fuß bewältigen, ist man bei vermeintlich gleicher Länge über die sehr unterschiedlichen Entfernungen erstaunt. Eine überirdische Orientierung ist mit dem Plan überhaupt nicht möglich, weil er nichts über Häuser, Straßenverlauf und anderes sagt. Das ist eben nicht der Zweck dieser Karte, die dem U-Bahnverlauf die größte Priorität einräumt.

Ähnliches gilt für die Karten, die wir am häufigsten gebrauchen: Straßenkarten. Sie hierarchisieren den Raum unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Straßentypen von der Autobahn bis zum Schotterweg. Deutlich wird diese Hierarchisierung auch an den Städten, die auf mehr oder weniger große Punkte verdichtet werden. Ihre reale Größe steht in keinem Verhältnis zu ihrer Repräsentation auf der Karte. Und obgleich jeder Autofahrer, Wanderer oder Radfahrer den Umgang mit diesen Karten kennt, ist man überrascht, wenn man durch eine interessante Landschaft fährt oder durch alte Alleen, die auf der Karte als solche nicht zu identifizieren waren.

Was an der Autokarte besonders augenfällig wird, gilt für alle Karten: Sie bilden die Realität nicht so ab, wie wir sie wahrnehmen, sondern nach bestimmten technischen und anderen Kriterien. Dabei fließen die zeitgenössischen Vorstellungen der Produzenten ebenso ein, wie umgekehrt die Karten unsere Vorstellungen von der Welt prägen. Nicht zuletzt deswegen suchen zahlreiche Menschen bis heute ein Afrika, das sie in ihren europäischen Kinderatlanten kennengelernt haben.


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