Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

6.2.2007 | Von:
Prof. Dr. Michael Sauer

Historische Plakate

Analysemöglichkeiten

Weil "Botschaft" und Darstellungsmittel funktional miteinander verbunden sind, muss die Analyse von Plakaten stets beides berücksichtigen und aufeinander beziehen. Die Untersuchung der tatsächlichen Intentionen und Wirkungen von Plakaten ist allerdings nur im Ausnahmefall möglich. So fehlen meist genaue Angaben über die Auflagenhöhe und die Verbreitung eines Plakats: Hing es an jeder Wand im ganzen Land, war es nur lokal verbreitet oder blieb es gar nur Entwurf? Je nach dem war es um die Wirkungsmöglichkeiten sehr unterschiedlich bestellt. Wollen wir wissen, wie Menschen Plakate tatsächlich wahrgenommen und was diese in ihnen bewegt haben, so sind wir auf geeignete Selbstzeugnisse angewiesen, etwa einschlägige Äußerungen in Tagebüchern oder Briefen. Weil sie allenfalls vereinzelt vorliegen, muss man sich in aller Regel auf die Untersuchung der intendierten Wirkung beschränken.

SPD-Plakat von 1932SPD-Plakat von 1932
Aber auch diese ist nur begrenzt möglich. Denn nur selten sind explizite Äußerungen darüber überliefert, was Auftraggeber oder Künstler mit einem Plakat bewirken wollten. Kurzum: In der Regel wird sich die Untersuchung auf die Darstellung selber konzentrieren und intendierte wie tatsächliche Wirkungen aus ihr zu erschließen versuchen. Dass dabei historisches Kontextwissen erforderlich ist, versteht sich von selbst.

Außer der Analyse einzelner Plakate kann auch der Vergleich mehrerer zu interessanten historischen Einsichten führen. Die querschnitthafte Gegenüberstellung von Plakaten, die verschiedene Parteien oder Bewegungen anlässlich von Wahlen oder in Umbruchsituationen angefertigt haben, erhellt schlaglichtartig das Spektrum der zeitgenössischen politischen Positionen und lässt die jeweiligen Ziele, Gegner und Adressaten erkennbar werden. Solche kontrastiven Vergleiche sind besonders ergiebig für die Endphase der Weimarer Republik und die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Man kann aber auch anhand von Plakaten die Entwicklung einer Partei, einer Bewegung oder Ideologie im Längsschnitt verfolgen. Nicht nur Konstanz oder Wandel der Programmatik, sondern auch die gegebenenfalls zeittypische Veränderung der Darstellungsmittel wird daran deutlich.

Eine andere Möglichkeit, Gegensätze zu akzentuieren, ist die Untersuchung der jeweiligen Feindbilder, wie sie etwa die Kriegsgegner im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit Hilfe von Plakaten gezeichnet haben – es geht um die Verfestigung bestimmter Stereotype und ihre propagandistische Inszenierung. Ähnliches lässt sich wiederum auch im Längsschnitt verfolgen: Wenn man die Darstellungen des Bolschewismus oder "des Bolschewiken" von der Weimarer Zeit bis in die Bundesrepublik – oder umgekehrt die "des Kapitalisten" in den sozialistischen Staaten und über den kommunistischen Parteien – verfolgt, tritt die Variation einer stets ziemlich gleichbleibend angelegten Motivik zutage. Auch eine thematisch ausgerichtete Längsschnittbildung ist möglich: Themen wie der Erste Mai, Frauen oder Frieden im Spiegel des Plakats.

Einzelbeispiele

Um die Anwendung plakattypischer Darstellungsmittel zu verdeutlichen, seien einige Plakate exemplarisch genauer betrachtet. Als Beispiele für politische Plakate sollen zwei Wahlplakate aus der Weimarer Zeit dienen. Das Plakat der DNVP stammt aus dem Wahlkampf zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932. Es bietet eine Positivfigur und ein Feindbild zugleich. Im Mittelpunkt des Bildes steht Hindenburg. Die rechte Hand hat er erhoben, eine beruhigende, fast segnende Gebärde. Wie ein Denkmal ragt der Reichspräsident über einer tumultartigen Szene auf. Sie stellt den Reichstag dar: Die Abgeordneten fuchteln erregt mit den Armen, der Reichstagspräsident versucht offenbar vergeblich, mit seiner Glocke die Ruhe wieder herzustellen. Ein klassisches Stereotyp von Rechts (und Links): das Parlament als undisziplinierter Haufen, als "Schwatzbude". Der schwarz-weißen Zeichnung ist plakativ die kräftige rote Schrift gegenüber gestellt, bezeichnenderweise Fraktur.

Die Botschaft ist vor dem Hintergrund der politischen Situation eindeutig. Seit Anfang Juni regiert Franz von Papen als Reichskanzler ohne parlamentarische Mehrheit allein mit Unterstützung der DNVP. Eine parlamentarische Mehrheit für von Papen steht bei der Wahl nicht zu erwarten. Nach Artikel 54 der Weimarer Verfassung ist die Regierung vom Vertrauen des Parlaments abhängig: "Der Reichskanzler und auf seinen Vorschlag die Reichsminister bedürfen zu ihrer Amtsführung des Vertrauens des Reichstages. Jeder von ihnen muss zurücktreten, wenn ihm der Reichstag durch ausdrücklichen Beschluss sein Vertrauen entzieht." Dieses Recht will die DNVP zugunsten des Reichspräsidenten beseitigen, deshalb die Diffamierung des Reichstags und die Stilisierung Hindenburgs. Interessant ist, wie hier der Begriff "Alleinherrschaft" propagandistisch umgedeutet wird für einen Angriff auf die parlamentarische Verfassung.

Stereoytp des Arbeiters auf einem KPD-Plakat von 1932Stereoytp des Arbeiters auf einem KPD-Plakat von 1932
Mit ganz ähnlichen bildlichen Versatzstücken arbeitet das Plakat der KPD aus demselben Wahlkampf. Um einen Tisch sind führende rechte Politiker versammelt. Dargestellt ist offenbar von Papen – mittig in der Position des Vorsitzenden – mit seinem Kabinett. Aber auch Hitler sitzt mit am Tisch (drei Plätze weiter links). Drei Personen sind mit Stahlhelm, Pickelhaube und Militärmütze als Angehörige der Reichswehr oder militärischer Verbände gekennzeichnet. Die anderen Herren sieht man nur von hinten; ganz offenkundig handelt es sich um Vertreter der Wirtschaft, an Zylindern und feisten Nacken als "Kapitalisten" erkennbar. An diesem Tisch, das wird suggeriert, kungeln die Mächtigen miteinander. So stellt sich aus der Perspektive der KPD das "System" dar, das es zu beseitigen gilt.

Die Partei selber ist als mächtige rote Gestalt ins Bild gesetzt, nicht als individuelle Person wie bei Hindenburg, sondern als Typus des Arbeiters. Die einschlägigen Accessoires sind Schiebermütze, offene Jacke, Hose mit Gürtel (statt Hosenträgern), Hemd ohne Kragen. Sein Gesichtsausdruck ist grimmig entschlossen. Gespreizte Beine und ausgestreckter Arm signalisieren Dynamik: gleich wird seine Faust auf die Tischgesellschaft niedersausen. Wie beim DNVP-Plakat wird hier also sowohl ein Feindbild wie eine Identifikationsfigur geboten, beides als Stereotyp.

Stilrichtungen politischer Plakate

El Lissitzky Plakat von 1919: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil"El Lissitzky Plakat von 1919: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil"
Will man untersuchen, wie sich verschiedene künstlerische Stilrichtungen auf die Gestaltung politischer Plakate ausgewirkt haben, so ist die Geschichte der Sowjetunion besonders interessant. Geradezu legendär geworden ist El Lissitzkys Plakat aus dem Bürgerkrieg: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil" (1919). Der politische Konflikt zwischen Roten und Weißen wird auf eine außerordentlich eingängige konstruktivistische Bildformel gebracht. Zum Farbgegensatz – in den politischen Begriffen schon gegebenen – kommt der Kontrast der Formen: Der dynamische rote Keil zerstört die "weiche", geschlossene Form des weißen Kreises.

Nach der siegreichen Beendigung des Bürgerkrieges wurde die Kunst in den Dienst des "sozialistischen Aufbaus" gestellt. Als Beispiel dafür ein Plakat von Nikolaj Dolgorukov aus dem Jahre 1931: "Schaffen wir eine mächtige Basis der Industrialisierung im Osten!" Der Gesamteindruck ist durch das grafische Zusammenwirken verschiedener Elemente bestimmt: Fotos in Schwarz-Weiß und Farbe, teilweise freigestellt, schwarze und rote Zeichnungen, die Luftskizze eines Industriekomplexes, eine Landkarte. Die Motive Hochöfen, Schornsteine und Kräne werden variiert. Es gibt zwei Standrichtungen, die eine senkrecht, die andere um etwa 45 Grad nach links gekippt. Das Plakat zeigt Aspekte und Assoziationen zum Thema "industrieller Aufbau", und in der Form der Montage ist dies adäquat umgesetzt.

Schon in den Zwanzigerjahren entstand der neue Stil des sozialistischen Realismus. Er sollte das Heroische und Vorbildhafte des "sozialistischen Aufbaus" zeigen. Positive Helden, Parteilichkeit, Volkstümlichkeit und Massenverbundenheit lauteten seine Schlagworte. 1934 wurde er zur verbindlichen Doktrin für Kunst und Literatur und blieb es bis zum Tode Stalins. Das bedeutete die Abkehr von den nun als formalistisch kritisierten innovativen Darstellungsformen. Diese Entwicklung demonstriert, wie sich in einem zentralistischen Regime nicht nur die Inhalte der Plakatwerbung, sondern auch die gestalterischen Mittel im Wandel offizieller Kunstanschauungen verändern.

Kommerzielle Plakate

Plakate aus dem Bereich der kommerziellen Werbung und der Kultur und Unterhaltung können, wie schon gesagt, Aufschlüsse zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte geben. Als Beispiel dafür zwei Werbeplakate aus dem Kaiserreich. Beide werben für Fahrräder der Firma Opel, und beide tun das mit der Darstellung junger Damen. Auf dem Plakat von 1891 trägt die junge Frau ein langes Kleid, eine geschnürte Taille, Handschuhe und einen Hut. Sie ist also genau so gekleidet wie als Spaziergängerin; obgleich es sich mit dem langen Kleid gewiss nicht gut radeln lässt, entspricht sie den herkömmlichen Anstandsregeln.

Anders das zweite Plakat aus dem Jahre 1898. Die Fahrerin steht selbstbewusst vor ihrem Rad. Mit ihrer Mütze winkt sie dem Betrachter zu. Sie trägt ein sportliches Kostüm, das die Unterschenkel frei lässt. Die Kleidung ist dem Radmodell angemessen: Es handelt sich um ein Sportfahrrad mit Herrenstange, ohne Schutzbleche und Kettenkasten. Der sportliche Aspekt wird durch den Schriftzug "Die Siegerin" und den Lorbeerkranz unterstrichen. Gestalterisch korrespondieren die Kreise der beiden in Seitenansicht gezeigten Räder, der Kranz und das Opel-O miteinander. Hier glauben die Werber nicht mehr ängstlich auf die bürgerlichen Konventionen Rücksicht nehmen zu müssen; sie sind offenbar sogar der Meinung, mit einem emanzipatorischen Frauenbild Käufer für ihr Produkt gewinnen zu können – eine kleine mentalitätsgeschichtliche Facette im langwierigen Prozess der weiblichen Emanzipation, die sich am Plakat als historischer Quelle eingängig nachvollziehen lässt.


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