Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Maureen Maisha Eggers

Schwarze Identität, Transkulturalität und die Aufgabe politischer Bildungsarbeit

Ansätze politischer Bildungsarbeit müssen in Zusammenhang mit der Schwarzen Bevölkerung Europas, Formen ihres kulturellen Ausdrucks, ihrer Lebensbedingungen und die gesellschaftliche Verantwortung der Sicherung ihrer Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen berücksichtigen. Sie müssen die Vielfalt und die Spezifizität der nationalen Bedingungen der jeweiligen Länder, in unserem Fall der BRD berücksichtigen. Sie müssen die Erfahrungen sowie kulturelle und wissenschaftliche Erzeugnisse Schwarzer Menschen (deutsche und migrierte) in ihrer Ausgangsbasis fest verankern. Sie müssen vor allem die gesellschaftliche Relevanz von Unterdrückungs- und Diskriminierungsprozessen hierunter von den Zwängen von Rassifizierung,[2] Rassismus und rassistisch motivierter Gewalttaten ("Hate Crimes") angemessen berücksichtigen. Dieses muss auf eine Weise geschehen, die Schwarze Menschen und Bevölkerungsgruppen nicht erneut marginalisiert, sondern in einem gemeinsamen Rahmen münden lässt, in denen – im Sinne postmoderner, pluralisierter Gesellschaften – gleichberechtigte Umgangsformen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Individuen untereinander möglich sind.

Eine wesentliche Grundlage für diesen Beitrag ist der zweite BRD-Länderbericht (2001) der ECRI (Europäische Kommission gegen Intoleranz und Rassismus) des Europarates. Diesen Bericht empfinde ich in vielerlei Hinsicht für die politische Bildungsarbeit und für die pädagogische Arbeit allgemein als richtungsweisend. Der Bericht zeugt meiner Ansicht nach von einem wachsenden europäischen Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung von Rassismus, von seinen Ausmaßen, seiner Allgegenwärtigkeit und seinen Konsequenzen. Er benennt die gesellschaftliche Haltung, die im Hintergrund von rassistischen Gewalttaten steht. Er kritisiert die Vorstellung von einer 'Leitkultur' und einer als selbstverständlich konstruierten 'homogenen weißen, deutschen Identität'. Er kritisiert auch die Kriminalisierung und Schikanierung von Migrantinnen und Migranten, Schwarzen Deutschen und von allen Menschen, die in der BRD als "Ausländerinnen" und "Ausländer" wahrgenommen bzw. empfunden werden.

Der zweite Deutschlandbericht äußert sich besorgt über die räumliche Trennung schwarzer Gemeinschaften und Gemeinschaften von Menschen of Color und die Erschwernis ihrer Teilnahme an gesellschaftlicher Macht. Diesen Bericht deute ich in seiner Differenzierung als Indikator einer stetig wachsenden Einsicht über die gesellschaftliche Relevanz und den Zusammenhang zwischen rassifizierter Teilung und Benachteiligung sowie rassistisch motivierter Gewalt in Europa und insbesondere in der BRD.

Im besonderen Maße relevant für diesen Beitrag ist, dass der Bericht einen klaren pädagogischen Auftrag erteilt. Deutschland wird in dem Bericht aufgefordert, Kinder bereits im Schulalter zu sensibilisieren und mit dem Thema Rassismus in Form von Präventionsarbeit bewusst zu konfrontieren. Der Bericht empfiehlt weitreichende Veränderungen auf mehreren Ebenen. Er unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden und reflektierten Identitätsarbeit in Zusammenhang mit den Größen Zugehörigkeit und Beteiligung an gesellschaftlicher Macht. Er empfiehlt eine offene und direkte Thematisierung gesellschaftlicher Unterschiede und plädiert für eine genaue Erfassung Schwarzer (migrierten und deutschen) Gruppen und Gemeinschaften mit dem Ziel die Spezifizität ihrer Unterdrückung und der daraus erwachsenden Bedürfnisse konkret zu registrieren. Er fordert das Schaffen eines gesamtgesellschaftlichen Rahmens ein, der konsequent gleichen Zugang zu Ressourcen und Gleichberechtigung sicherstellt, und in Form von Antidiskriminierungs-Gesetzen und Richtlinien in allen gesellschaftlichen Prozessen und Institutionen installiert wird.

Maßgeblich für meinen Ansatz in diesem Beitrag ist eine anhaltende, langjährige Auseinandersetzung mit den Themen Schwarzer Präsenz und Schwarzen Einflüssen in Deutschland, mit Rassismus sowie mit weiteren Formen gesellschaftlicher Unterdrückung. Diese Auseinandersetzung hat vielfältige Formen angenommen und erfolgte innerhalb von thematischen Diskussionen, in eigenen Vorträgen, Workshops und im Rahmen der Konfliktmediation. Die Mitarbeit in einem Projekt der EU im Rahmen des Programmes 'Leonardo da Vinci': "Developing a Common European Framework for Anti-racist and Anti-oppressive Practice for Social Professions" hatte zum Ziel die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Rahmens für anti-rassistische und anti-oppressive Praxis für soziale Professionen. Sie bildete ein Fundament und weckte ein tiefes Interesse für pädagogische Aufgaben in Zusammenhang mit diesem Themenkomplex. Dieses drückt sich nun weitgehend aus in einer anhaltenden Suche nach Antworten, auf Fragen nach der Art des Einflusses von Rassifizierung, strukturierten Lebenswelten und Identitätspositionen auf weiße und schwarze Individuen und Gruppen in der BRD und Europa. Übergreifend dann auch die Suche nach einer Antwort auf Möglichkeiten eines bildungspolitischen und allgemein pädagogischen Einflusses auf die Auswirkungen dieser Phänomene.

Die Datenbank: Projekte, Initiativen und Materialien der afro-deutschen Minderheit

Wesentliches Ziel politischer Bildungsarbeit in diesem Zusammenhang ist m.E., eine grundlegende Sensibilisierung für Transkulturalität und für ihre Tragweite in der Gestaltung alltäglicher Prozesse der sozialen Interaktion zwischen weißen und schwarzen (migrierten und deutschen) Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Somit ist ein Sichtbarmachen der Lebensrealitäten historischer und gegenwärtiger Perspektiven und Produktionen Schwarzer Bevölkerungsgruppen auf allen gesellschaftlichen Ebenen (in der wissenschaftlichen Arbeit, in den Medien usw.) grundlegend geworden. Eine zentrale Frage ist, wie alle gesellschaftlich vorhandenen Gruppen durch die Datenbank als Zielgruppen angemessen angesprochen und sensibilisiert werden können. Von besonderer Bedeutung ist m.E., einen Diskurs auf mehreren Ebenen anzuregen, der für die jeweilige Gruppe zugleich informativ und didaktisch verdaubar ist. Darüber hinaus soll auf jeder Ebene ein Forum zwecks Austausch und Vernetzung entstehen. Als Zielgruppen angesprochen werden: die Fachöffentlichkeit, Jugendverbände, Vereine, interessierte Bürgerinnen und Bürger (schwarze und weiße, migrierte und deutsche), einzelne Jugendliche, Institutionen, Vertreterinnen und Vertreter der Medien, Politikerinnen und Politiker sowie politische Gremien auf allen Ebenen (kommunale, Landes- oder Bundesebene). Diese sollen einen Zugang zu den Inhalten, Ideen und Materialien erhalten und werden gleichzeitig über die Datenbank an Foren verwiesen, in deren Rahmen sie eigene Schwerpunkte, Erkenntnisse und Erfahrungen vertiefen und austauschen können.

Zugrunde liegende Fragestellungen sind z.B.: Welche Informationen sind für Jugendliche wichtig aus unserer Sicht? Was wollen wir Jugendlichen vermitteln? Gibt es spezifische Informationen für Schwarze Jugendliche, für migrierte Jugendliche und Jugendliche of Color? Gibt es Informationen für weiße Jugendliche? Gibt es Hinweise für Jugendverbände und Jugendgruppen? Wie erreichen wir die Jugendlichen selber, um deren Informationsbedarf aus der eigenen Perspektive zu erfassen? Was sollen Jugendliche nach dem (regelmäßigen) Besuch in unserer Datenbank wissen, anders können oder anders sehen? Inwiefern können wir interaktive Angebote verwirklichen, z.B. interaktive Spiele für Jugendliche und Erwachsene, Selbsteinschätzungstests im Rahmen der Sensibilisierungsarbeit für Einzelpersonen und Institutionen. Es soll darüber hinaus angeboten werden: die Einrichtung eines Expertinnen- und Expertenpools, thematische Literaturhinweise sowie Hinweise auf Institutionen und Referentinnen und Referenten, für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren Fort- und Weiterbildungen.

Fußnoten

2.
Rassifizierung bezeichnet die Prägung von Identität durch Konstruktionen von Rasse und Ethnizität.

Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Um das politische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus moralisch "zu legitimieren", erfand Europa sein eigenes Afrika. Der Kontinent sei das homogene und unterlegene "Andere" und bedürfe daher der "Zivilisierung". In diesem Prozess war Sprache ein wichtiges Kriterium.

Mehr lesen