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Die Geschichte der "afro look"

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Die Geschichte der "afro look"

Jeannine Kantara

/ 4 Minuten zu lesen

In den zwölf Jahren ihres Erscheinens hat die Zeitung "afro look" Schwarze Geschichte beschrieben und mitbestimmt. Sehr persönliche Gedichte und Erzählungen spiegelten das ganze Repertoire künstlerischer Begabung, aber auch persönlicher Verletzungen wider. Für viele Autoren bedeutete die Veröffentlichung ihrer Texte einen wichtigen Schritt zur Identitätsfindung.

Die erste Ausgabe der "afro look" (1988) (© Jeannine Kantara/Ricky Reiser)

Die Idee

Für die Berliner Afros war 1987 ein besonders heißer Sommer. Inspiriert von den ersten Treffen und der anschließenden Gründung der "Initiative Schwarze Deutsche" (ISD), beschlossen einige aus der Berliner Community, einen Kulturkalender für Schwarze Menschen zu kreieren und in der Stadt zu verteilen. Es ging darum, so viele Schwarze Menschen wie möglich über kulturelle, aber auch politisch interessante Veranstaltungen in der Hauptstadt zu informieren.

Die Idee entwickelte sich jedoch schnell zu einem größeren Projekt und man beschloss, eine vierteljährliche Zeitschrift herauszubringen.
Die erste Ausgabe von "Onkel Tom's Faust" erschien im Februar 1988. Die Redaktion diskutierte die Namensgebung recht kontrovers. Für die einen symbolisierte die Faust, dass Onkel Tom sich wehren konnte. Die Gegner argumentierten, man könne das Sprachrohr der Schwarzen Gemeinschaft keinesfalls nach einer traurigen Romanfigur benennen, die der Fantasie einer weißen Autorin entsprungen ist. Ein Alternativvorschlag lautete "afro look". In der Abstimmung setzte sich "Onkel Tom's Faust" durch. Nach dem Erscheinen der Zeitschrift gab es viel Lob für die Inhalte und massenhaft Protest hinsichtlich des Namens. Daher wurde das Blatt ab der zweiten Ausgabe in "afro look" umbenannt.

Ausgabe Nr. 10 (1993). (© Jeannine Kantara/Ricky Reiser)

Fast alle Gründungsmitglieder waren Schüler oder Studenten mit viel Zeit und noch viel mehr Enthusiasmus. Gedruckt wurde das Blatt beim Asta der FU Berlin, per Hand zusammengeheftet und anschließend in verschiedenen Berliner Läden, Cafés, Bibliotheken etc. gegen Kommission verteilt bzw. bei Veranstaltungen verkauft. Mit den daraus resultierenden Anzeigen konnten die nächsten Ausgaben finanziert werden. Über den ISD-Verteiler gelangte die Zeitschrift auch in andere Bundesländer und ins Ausland.

Inhalte

Ursprünglich als Kulturzeitschrift geplant, entwickelte sich "afro look" schnell zum politischen Sprachrohr der ISD. Das Feedback war unglaublich. Viele Leser schickten eigene Beiträge in Form von Geschichten, Aufsätzen und Gedichten. "afro look" berichtete ebenso über historische Fakten, z.B. Schwarze Menschen in der NS-Zeit wie über Sichelzellenanämie, eine spezifische Krankheit, von der fast ausschließlich Schwarze Menschen betroffen sind. Sie prangerte rassistische Sprache in deutschen Medien an und stellte Schwarze Gruppen im In- und Ausland vor. Nachrufe auf Audre Lourde, Fasia Jansen und May Ayim gehörten ebenso zum Inhalt der "afro look" wie Glückwünsche zu Geburten, Beförderungen und Eheschließungen innerhalb der Schwarzen Community.

Ausgabe Nr. 11 (1993). (© Jeannine Kantara/Ricky Reiser; Coverfoto: Alexander Schirrmann-Ayeni)

Ein wichtiger Bestandteil der "afro look" waren vor allem Gedichte und Geschichten, die oft sehr persönlich und z.T. anonym veröffentlicht wurden. Hierin spiegelte sich das ganze Repertoire Schwarzer künstlerischer Begabung, aber auch persönlicher Verletzungen wider. Für viele Autoren bedeutete die Veröffentlichung der Texte einen wichtigen Schritt bei der Identitätsfindung. "afro look" nahm sie ernst.

Der Fall der Berliner Mauer eröffnete der "afro look" eine neue Leserschaft. Aber auch vor 1989 fuhren Mitglieder der Redaktion in den Ostteil der Stadt, um sich mit Afro-Deutschen in der DDR auszutauschen, die wiederum interessante neue Perspektiven der afro-deutschen Identität einbrachten. Über die Jahre wuchs auch im Ausland das Interesse an der Zeitschrift, vor allem in den USA. "afro look" schaffte es sogar, einen Verteiler in den Vereinigten Staaten aufzubauen. Zahlreiche amerikanische Universitäten und Professoren verwendeten "afro look" für ihren Deutsch- oder Geschichtsunterricht. Mindestens eine Magisterarbeit hatte die Zeitschrift zum Thema.

Ausgabe Nr. 24/25 (1997). (© Jeannine Kantara/Ricky Reiser)

Entwicklung

Leider profitierte die Zeitschrift von allen diesen Verbindungen recht wenig – weder finanziell noch ideell. Obwohl unzählige Artikel, Diplomarbeiten und Aufsätze über Schwarze Deutsche Auszüge aus dem Blatt zitierten, wurden die ursprünglichen Verfasser kaum dafür entlohnt. Die finanziellen Kapazitäten der Redaktion reichten nicht aus, um die Urheberschaft zu schützen. Allerdings wurde der Titel "afro look" beim Patentamt als Marke eingetragen.

1997 veranstaltete die ISD eine Jubiliäumsparty für "afro look". Zehn Jahre erfolgreicher Arbeit wollten gefeiert werden. Die Jubiläumsausgabe erschien viersprachig. Trotzdem steckte die Zeitschrift zu diesem Zeitpunkt bereits in finanziellen Schwierigkeiten. Die Anzeigen gingen zurück, der Vertrieb gestaltete sich schwierig und die Druckkosten mussten inzwischen selbst finanziert werden. Das Redaktionsteam wechselte häufig über die Jahre. Die ehemaligen Studierenden sowie Schülerinnen und Schüler, die ehrenamtlich das Blatt herausgegeben hatten, gingen ins Berufsleben oder ins Ausland. Man hatte andere Prioritäten, als unentgeltlich eine Zeitschrift herauszugeben. Vor allem jedoch fehlte der Nachwuchs, der mit demselben Enthusiasmus an die Arbeit ging.

Zum Schluss gab es nur noch zwei Herausgeberinnen, die versuchten, die Zeitschrift im Alleingang zu veröffentlichen. Zwei Jahre konnte das Blatt noch durchzuhalten. 1999 erschien die vorerst letzte Ausgabe der "afro look", obwohl das Magazin offiziell niemals eingestellt worden ist.

Ausgabe Nr. 31-32 (1999). (© Jeannine Kantara/Ricky Reiser)

Perspektiven

Zurzeit existieren kaum Möglichkeiten, das Projekt weiterzuführen. Viele unveröffentlichte Texte liegen für den Abdruck bereit, doch ohne ausreichende Finanzierung und Teamstärke kann man keine Zeitschrift machen. Darüber hinaus müsste das Konzept der "afro look" neu überdacht werden. Die Zeitschrift war ursprünglich als Vereinsblatt konzipiert. Über die Jahre entwickelte sie sich jedoch zu einem viel größeren Projekt, das zwar Bindungen an die ISD hatte, aber völlig unabhängig vom Verein wirtschaftete.

Auch die Lebenssituationen Schwarzer Menschen in Deutschland haben sich verändert. Die Erfordernisse an eine Berichterstattung von Schwarzen Menschen über Schwarze Menschen sind heute andere als vor sechzehn Jahren. Ein Schwarzes Magazin muss dieser Entwicklung Rechnung tragen. Es fehlen neue Impulse, die zwar in der Community vorhanden sind, momentan aber nicht publizistisch umgesetzt werden. Neue Versuche wie beispielsweise die Jugendzeitschrift "Blite", ein Projekt der Berliner ISD für Schwarze Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren, leiden unter denselben Problemen.

Dennoch gibt es auch Initiativen, Schwarze Medien neu zu beleben, beispielsweise das Schwarze Fernsehen oder Afro-TV in Berlin. Es gibt Überlegungen, "afro look" als Netzzeitung zu publizieren. "afro look" ist eine Community-Zeitung, die die Entwicklung des Schwarzen Selbstverständnisses in Deutschland von Beginn an begleitet hat. Das macht sie einmalig und revolutionär. Sie ist und bleibt ein wichtiger Teil afro-deutscher Geschichte.

Fussnoten

Jeannine Kantara, während ihres Studiums der "Social Sciences" an der Open University in England arbeitete sie für die Wochenzeitung "Die Zeit". Sie ist Mitbegründerin der "Initiative Schwarze Deutsche" und Vorstandsmitfrau der Berliner ISD sowie Gründungsmitglied und Herausgeberin der Zeitschrift "afro look".