Koffer

20.4.2012 | Von:
Vera Hanewinkel

Motive

Nach Motiven für eine geplante Rückkehr in die Türkei wird in der Studie des Liljeberg- und des INFO-Institutes nicht explizit gefragt. Die Befragten werden lediglich um eine Stellungnahme zu folgender Aussage gebeten: "In der Türkei hätte ich gute Chancen auf einen gut bezahlten Job".
Computerarbeitsplätze beim Nachrichtenkanal DHA des türkischen Medienkonzerns Dogan Medya in Istanbul, aufgenommen am 20.03.2006.Blick in das Büro eines Medienkonzerns in Istanbul. (© picture-alliance/dpa)

Die nach Bildungsstand/Ausbildungsniveau der Interviewten aufgeschlüsselten Ergebnisse zeigen, dass dieser Aussage vor allem Personen zustimmen, die mindestens über das Abitur bzw. einen Hochschulabschluss verfügen. 52 Prozent dieser Personengruppe bejahten diese Aussage und sehen für sich damit gute berufliche Möglichkeiten in der Türkei. [1]

Das Ergebnis, wonach Türkeistämmige mit einem höheren Bildungsabschluss eine ausgeprägtere Mobilitätsbereitschaft zeigen als niedrig(er)qualifizierte Personen, korreliert mit Daten aus Untersuchungen zum allgemeinen Zusammenhang von Bildung und Mobilitätsverhalten. Demnach sind Personen mit akademischem Abschluss mobiler als die Vergleichsgruppe ohne Hochschuldiplom. [2] In Bezug auf abwandernde deutsche Staatsangehörige zeigen Sauer/Ette beispielsweise auf, dass es sich bei diesen um eine positiv selektierte Gruppe handelt: 49 Prozent haben einen Hochschulabschluss gegenüber 29 Prozent in der nicht-mobilen deutschen Bevölkerung. [3] Das Wanderungsverhalten Türkeistämmiger entspricht also tendenziell dem von Personen ohne Migrationshintergrund und hebt sich somit zunächst nicht besonders hervor, zumal grenzüberschreitende Mobilität bereits in ihrer Familiengeschichte und damit auch in ihrer Biographie angelegt ist. Es stellt sich also die Frage nach den Motiven für das Verlassen Deutschlands und die Wahl der Türkei als Migrationsziel. Während die Liljeberg/INFO-Studie nur indirekt die Gründe für die Abwanderung erfragt und dabei vor allem den Aspekt einer gut bezahlten Arbeitsstelle in der Türkei anspricht, betont die TASD-Studie insbesondere Faktoren im Herkunftsland Deutschland, die eine Abwanderung fördern.

Als Abwanderungsmotive nennt die TASD-Studie vor allem ein »fehlendes Heimatgefühl in Deutschland«, »berufliche Gründe« und »wirtschaftliche Gründe«. [4] Unter die beiden letztgenannten Gründe subsumieren sich u.a. Annahmen der Befragten hinsichtlich besserer Karriereaussichten und schnellerer Aufstiegschancen in der Türkei. Das Ergebnis der Studie wirft den Autoren zufolge daher auch die Frage nach der Diskriminierung Türkeistämmiger auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf. Dieser Gedanke schließt an Untersuchungen zur Diskriminierung von Arbeitsuchenden türkischer Herkunft an. Kaas/Manger (2010) fanden heraus, dass Bewerber mit türkischklingendem Namen trotz deutscher Muttersprache und Staatsangehörigkeit schlechtere Chancen auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch haben als solche mit einem deutschen Namen. Studien der OECD (2007/2010) kommen zu dem Ergebnis, dass Akademiker aus Einwandererfamilien in Deutschland häufiger von Erwerbslosigkeit betroffen sind als Akademiker ohne Zuwanderungsgeschichte. Begründet werden diese Ergebnisse mit dem Verweis auf ethnische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Deren tatsächliches Ausmaß lässt sich allerdings nur sehr schwer messen, da sie durch erhebliche strukturelle Nachteile der zweiten Migrantengeneration aufgrund niedriger Bildungsabschlüsse verschleiert wird, die eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt nach sich ziehen. [5] Besonders bei Frauen türkischer Herkunft lassen sich insgesamt niedrige Beschäftigungsquoten und damit ein eingeschränkter Arbeitsmarktzugang ablesen. [6] Es ist anzunehmen, dass (türkische) Einwandererinnen der Gefahr einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt sind, da sie sowohl aufgrund ihrer Herkunft (ethnische Diskriminierung) als auch ihres Geschlechts auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden. Dies könnte auch eine mögliche Begründung für das Ergebnis der TASD-Studie sein, wonach die befragten Frauen eine höhere Abwanderungsbereitschaft signalisierten als männliche Untersuchungsteilnehmer. [7] Darüber hinaus verfügen die zumeist aus Arbeiterfamilien – also nicht-akademischen Elternhäusern – stammenden Studierten türkischer Herkunft nicht über Netzwerke in akademische Beschäftigungssegmente hinein, sodass darin auch ein Grund für deren Benachteiligung auf dem deutschen Arbeitsmarkt gesehen werden kann.

Ergebnisse von Sievers et al. verweisen darauf, dass den erbrachten Leistungen von türkeistämmigen Bildungsaufsteigern in Deutschland nicht immer Anerkennung entgegengebracht wird. Die Autoren deuten an, dass ein Mangel an Anerkennung sowohl der Person als auch ihrer Leistungen eine Abwanderung aus Deutschland motivieren kann. [8] Sie verstehen unter Anerkennung die »Erfahrung von Zugehörigkeit und Respekt«. [9] Der Argumentation Honneths und Stojanovs zufolge, ist sie »fundamental für die soziale Existenz und für die gesellschaftliche Integration«. [10] Diese Erkenntnis spiegelt sich auch in Forderungen nach einer ›Kultur der Anerkennung‹ bzw. einer ›Willkommenskultur‹ wider, die beispielsweise im Konzept der interkulturellen Öffnung (von Verwaltungen etc.) zum Tragen kommt.


Fußnoten

1.
Liljeberg/INFO (2011, S. 33).
2.
Vgl. dazu auch Rebeggiani (2011).
3.
Ette/Sauer (2011). Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass mehr hochqualifizierte Deutsche aus dem Ausland wieder zurückkehren als Abwanderer ohne akademischen Abschluss (Ette/Sauer 2010a, S. 8). Demnach sind Akademiker insgesamt mobiler als Personen ohne Hochschulabschluss.
4.
Sezer/Dağlar (2009, S. 17).
5.
OECD (2005, S. 52 f.).
6.
Vgl. OECD (2005, S. 22).
7.
Sezer/Dağlar (2009, S. 7).
8.
Sievers et al. (2010, S. 65).
9.
Sievers et al. (2010, S. 71).
10.
Honneth/Stojanov (2006).
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