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1.11.2008 | Von:
Sabrina Stelzig

Auswanderung

Entwicklung der Auswanderung

Auswanderung ist seit den 1990er Jahren eines der bedeutendsten sozialen Phänomene in Brasilien – wie in Lateinamerika überhaupt. [1]

Ihren Anfang nahmen die Emigrationsströme aus Brasilien mit den ökonomischen Entwicklungen der 1980er Jahre. Bis zur einsetzenden Wirtschaftsrezession war die brasilianische Bevölkerung auch in ökonomisch und politisch schwierigen Zeiten weitgehend im Land geblieben. Erst nach dem Ende der Militärdiktatur 1985 begann sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung allmählich in der Abwanderung zu zeigen. Der Regierung Sarney (1985 bis 1990) gelang es nicht, die Staatsverschuldung und die höchste Inflationsrate, die es je in Brasilien gab, unter Kontrolle zu bringen. Nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen verließen in diesem als "verloren" bezeichneten Jahrzehnt viele Hunderttausend ihr Land. [2]

Mit der Enttäuschung über das Anhalten des wirtschaftlichen Stillstands und die Korruptionsaffären des Präsidenten Collor (1990 bis 1992) kam es Mitte der 1990er Jahre zu einer zweiten Auswanderungswelle. Die Zahl der legal in den USA, Japan, Portugal, Italien, Spanien, Deutschland, Kanada und anderen Ländern lebenden Brasilianer wurde 1995 auf über eine Million geschätzt, die sich nach weiteren zehn Jahren bereits mehr als verdoppelt hatte. [3] Nach aktuellen Schätzungen des brasilianischen Außenministeriums lebten 2007 98 % der Emigranten in vier Regionen der Erde: in Nordamerika (42 %), Europa (25 %), Südamerika (20 %) und Asien (10 %). Die restlichen 2 % verteilen sich auf Zentralamerika, Afrika, Ozeanien und den Nahen Osten.

65,6 % der zwischen 1990 und 2000 in die USA ausgereisten Südamerikaner waren Brasilianer. [4] 2006 lebten geschätzte 2,8 Millionen Brasilianer in den Vereinigten Staaten, darunter viele Zehntausend illegal. Durch die Verschärfung der Gesetze und Grenzkontrollen wurde die zunächst überwiegende Pendelmigration in die USA erschwert. Daraufhin ist die Anzahl der Zuwanderer nach Europa in den 1990er Jahren gewachsen. Aufgrund von Sprache und Abstammung vieler Emigranten wurde Portugal als eines der häufigsten Ziele gewählt [5]. Nach Angaben der brasilianischen Konsulate lebten im Jahr 2000 um die 50.000 Brasilianer auf legale Weise und einige Tausend irregulär in Portugal. Portugal wird auch als Tor zur EU und unter anderem zum Transit nach Deutschland genutzt. Nach Schätzungen des brasilianischen Außenministeriums lebten im Jahr 2000 mit 60.000 Personen mehr Brasilianer in Deutschland als in Portugal. [6] 75 % der gemeldeten brasilianischen Migranten in Deutschland sind Frauen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen. [7]

Die zehn häufigsten Zielländer der im Ausland lebenden Brasilianer, 2000Die zehn häufigsten Zielländer der im Ausland lebenden Brasilianer, 2000 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Japan wurde, neben Nordamerika und Europa, Anfang der 1980er Jahre zum dritten großen Migrationsziel für Brasilianer. Von diesen Hauptzielen der Emigranten hatte nur Japan brasilianische Arbeitskräfte angeworben. Als Reaktion auf die Probleme durch die steigende Zahl von Brasilianern im Ausland legte Fernando Henrique Cardoso als Außenminister (1992-1993) unter Präsident Franco einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Erhöhung der Anzahl der Konsulate und Botschaften und erweiterte ihre Funktion zu allgemeinen Beratungsstellen für Brasilianer im Ausland. [8] Unter der Regierung Lula wurden erste Schritte einer emigrantenfreundlichen Politik unternommen: Rücküberweisungen sollen verbilligt und spezielle Rückkehrprogramme ausgebaut werden, die Migranten wieder eingliedern. [9] Um die Lage der im Ausland lebenden Brasilianer zu verbessern, fand im Juli 2008 in Rio die erste internationale Konferenz "Brasilianer in der Welt" statt. [10] Konkrete staatliche Maßnahmen, um dem Braindrain durch den Fortzug junger Fachkräfte entgegenzuwirken, wurden bisher nicht ergriffen.

Fußnoten

1.
Seit den 1990er Jahren gilt Lateinamerika einschließlich der Karibik als die Region mit der höchsten Auswanderung weltweit; Arbeitsmigration ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor für Lateinamerika geworden, siehe IADB (2004).
2.
Siehe Skidmore (1999).
3.
Siehe Sales und Salles (2002).
4.
Siehe Migration Policy Institute (2006): Characteristics of the South American Born in the United States. http://www.migrationinformation.org/USFocus/display.cfm?ID=400
5.
Siehe Fajnzylber, P. und López, H. (2007).
6.
Die vom Statistischen Bundesamt für dasselbe Jahr ausgegebene Anzahl liegt mit 24.142 Brasilianern wesentlich unter dieser Schätzung, was auf die unterschiedliche Erhebung der Zahlen zurückzuführen ist: Die Zählung des Statistischen Bundesamtes basiert auf der Differenz zwischen Einreise und Ausreise von Brasilianern und der Anzahl ihrer Einbürgerungen in Deutschland, während den Schätzungen des brasilianischen Außenministeriums die Meldungen der Konsulate in Berlin, Frankfurt a. M. und München zugrunde liegen.
7.
Siehe Heiratsmigration nach Deutschland. Migration und Bevölkerung: http://www.migration-info.de/migration_und_bevoelkerung/archiv/ausgaben/ausgabe
0510.htm
8.
Siehe Barros (1996).
9.
Siehe Silva (2006): Migrações, o Desafio Gobal. In: Instituto: Migrações e Direitos Humanos: http://www.migrante.org.br/textoseartigos.htm
10.
Siehe "Brasileiros no Mundo", mit aktuellen Beiträgen und Zahlen zur brasilianischen Auswanderedebatte.

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