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1.11.2008 | Von:

Auswanderung

Die Auswandererbevölkerung

Bei den brasilianischen Emigranten in Japan, Europa und den USA handelt es sich um überproportional viele qualifizierte Fachkräfte. Sie sind überwiegend jung [11], stammen aus der gebildeten Mittelschicht und dem städtischen Milieu. Trotz der Beschäftigung in niedrig bezahlten Sektoren im Zielland verdienen sie häufig ein Vielfaches von dem, was sie in ihrem Herkunftsland verdienen würden. In Japan hat schätzungsweise ein Drittel der brasilianischen Einwanderer einen höheren Schulabschluss, dennoch werden sie meist für die unbeliebteren Arbeiten angestellt. Sie überweisen drei bis vier Milliarden US-Dollar jährlich zurück in ihr Herkunftsland. [12] In den USA haben brasilianische Einwanderer mit 32 % am dritthäufigsten unter allen südamerikanischen Migranten mindestens einen Bachelor-Abschluss. [13]

Die internationale Abwanderung Qualifizierter ist als eine Folge der Suche nach sozialer Mobilität zu sehen, die der jüngeren Bevölkerung in Brasilien verwehrt bleibt. Aufgrund der Bevölkerungsexplosion bieten mittlere und große Städte Brasiliens der gut qualifizierten Bevölkerung nicht ausreichend adäquate Beschäftigungsmöglichkeiten. [14] Der erhoffte soziale Aufstieg in den Industrieländern wird meistens jedoch nur durch die Möglichkeiten des Konsums und der allgemein verbesserten Lebensbedingungen repräsentiert. [15]

Die Abwanderung ist aber nicht allein eine Reaktion auf die lange Zeit instabile wirtschaftliche Situation, sondern auch eine Flucht vor der alltäglichen Gewaltkriminalität und den Menschenrechtsverletzungen in Brasilien. Als indirekte Faktoren für die Abwanderung junger Fachkräfte aus den Städten werden von brasilianischen Forschern auch der Einfluss des internationalen Tourismus sowie globale Konsumgewohnheiten angeführt. Beispielsweise sahen 40 Millionen Menschen 2005 täglich die Serie "America", die davon handelt, wie eine junge Brasilianerin über Mexiko in die Vereinigten Staaten einreist und versucht, sich ein Leben in Florida aufzubauen. [16]

Abbildung 1: Entwicklung der Rücküberweisungen in den Jahren 2001 bis 2007 in Milliarden US-DollarAbbildung 1: Entwicklung der Rücküberweisungen in den Jahren 2001 bis 2007 in Milliarden US-Dollar
Dass die Migranten ihrem Herkunftsland weiterhin wirtschaftlich und sozial eng verbunden sind, zeigt nicht zuletzt auch die Höhe ihrer Rücküberweisungen: 2007 lag der Betrag laut einer Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank bei 7,1 Milliarden US-Dollar. Die Höhe der Rücküberweisungen der Brasilianer in den USA, Europa und Japan hatte zwischen 1996 und 2006 mit der Zahl der Auswanderer stetig zugenommen (vgl. Abb. 1).

Zudem spricht für eine hohe Verbundenheit mit dem Herkunftsland, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Migranten, insgesamt 187.180 Personen, zwischen 1990 und 2000 als Rückkehrer nach Brasilien gekommen sind. [17] Das sind zwei Drittel aller Zuzüge aus dem Ausland in diesem Zeitraum. Rund 20 % der ehemaligen brasilianischen Auswanderer kamen aus Europa; 16 % kehrten vorübergehend oder dauerhaft aus den USA zurück (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Rückkehr ehemaliger brasilianischer Emigranten zwischen 1990 und 2000 nach Brasilien, nach häufigsten HerkunftsländernAbbildung 2: Rückkehr ehemaliger brasilianischer Emigranten zwischen 1990 und 2000 nach Brasilien, nach häufigsten Herkunftsländern Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Die Angst vor Ausweisungen, aber auch der schwache Dollar werden nach einem Bericht der New York Times 2007 als Gründe für eine verstärkte Rückkehr aus den USA angegeben. [18] Die jüngste Stabilisierung der brasilianischen Wirtschaft dürfte inzwischen als ein Pull-Faktor dazugekommen sein. Für die Tendenz, sich nicht dauerhaft in den USA niederlassen zu wollen, spricht auch die niedrige Einbürgerungsquote der brasilianischen Migranten: Sie betrug im Jahr 2000 nur 21,5 % und ist damit die niedrigste Quote aller südamerikanischen Migranten in den USA. [19] Ein Vergleich der auf Schätzungen basierenden Zahlen des brasilianischen Außenministeriums zeigt, dass die Auswanderung zwischen 2001 und 2007 bei gleichzeitig verstärkter Rückkehr weiter zugenommen hat.

Fußnoten

11.
Das Durchschnittsalter der in den USA lebenden Brasilianer beträgt 33,7 Jahre. Siehe Migration Policy Institute (2006): Characteristics of the South American Born in the United States. http://www.migrationinformation.org/USFocus/display.cfm?ID=400
12.
Siehe Sales und Salles (2002).
13.
Siehe Migration Policy Institute (2006): Characteristics of the South American Born in the United States. http://www.migrationinformation.org/USFocus/display.cfm?ID=400
14.
Studien der Weltbank zeigen, dass vermehrte Abwanderung insbesondere in solchen Ländern wahrscheinlich ist, in denen zwei Faktoren zusammenkommen: eine hohe Einkommensungleichheit und die Zugehörigkeit zu den "middle-income"-Entwicklungsländern. Beide Faktoren sind im Fall von Brasilien erfüllt. Siehe Adams und Page (2003).
15.
Siehe Klagsbrunn (1996).
16.
Siehe Migration News; Vol. 12, No. 3, Juli 2005: "Mexico: Legalization, Brazilians, Economy", http://migration.ucdavis.edu/mn/more.php?id=3114_0_2_0
17.
Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) (2000), Zensus 2000.
18.
New York Times, 04.12.2007.
19.
Siehe Migration Policy Institute (2006): Characteristics of the South American Born in the United States. http://www.migrationinformation.org/USFocus/display.cfm?ID=400

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