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1.1.2007 | Von:
Benjamin Brake

Migrationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg

Zwischen 1940 und 1958 kam es aufgrund von Deportationen, Kriegshandlungen und dem Holocaust zu großen Bevölkerungsverlusten in Litauen. Damals wurde beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung Litauens ermordet. Schätzungen zufolge verlor das Land in diesem Zeitraum rund 1 Mio. Menschen insgesamt.

In der Nachkriegszeit wurden ethnische Russen und Bevölkerungsgruppen aus anderen Gebieten der Sowjetunion (hauptsächlich aus der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrussland) planmäßig in die baltischen Länder umgesiedelt, um die ehemals selbständigen Republiken Estland, Lettland und Litauen enger an die Moskauer Zentralmacht zu binden und somit zu verhindern, dass sich Unabhängigkeitswünsche manifestierten. Industrialisierungsprozesse zogen weitere Arbeitsimmigration aus der Sowjetunion nach sich. Im Jahr 1989 entsprach die Zahl der im Ausland geborenen Personen 10% der Gesamtbevölkerung.

Trotz einer Immigrationswelle von Exil-Litauern seit Wiederherstellung der Unabhängigkeit im Jahre 1990 verzeichnet das baltische Land starke Bevölkerungsrückgänge. Sowohl die natürliche Bevölkerungsentwicklung als auch der Migrationssaldo sind seit Beginn der 1990er Jahre negativ. Gründe hierfür sind die wirtschaftliche Umbruchphase von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, aber auch die neu gewonnene Reisefreiheit. In den ersten Jahren nach 1990 wanderten vor allem Angehörige ethnischer Minderheiten hauptsächlich nach Russland und in die Ukraine aus. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre herrscht die Auswanderung nach Westeuropa und Nordamerika vor. Im Zusammenhang mit der Aufnahme Litauens in die Europäische Union im Mai 2004 und der damit einhergehenden Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für litauische Staatsbürger im Vereinigten Königreich, in Irland und in Schweden stieg die Zahl der Litauer, die im Ausland arbeiten oder studieren, weiter an.

Migrationssaldo

Aufgrund der Zuwanderung aus den Gebieten der Sowjetunion hatte Litauen bis Ende der 1980er Jahre eine Nettozuwanderung von 6.000 bis 8.000 Personen pro Jahr.

Migrationssaldo in Litauen, 1997-2005Migrationssaldo in Litauen, 1997-2005 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Der Saldo der Zu- und Abwanderung ist seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1990 konstant negativ (siehe Abbildung). In Zusammenhang mit den rückläufigen Geburtenraten verschärft sich damit das demographische Problem insgesamt. Seit 1989 ist die Gesamtbevölkerung um 5,8% (300.000 Personen) geschrumpft und liegt nun bei 3,4 Millionen Menschen. In Bezug auf Abwanderungen dürfte die Dunkelziffer um Einiges höher liegen. [1]

Die Migrationsmotive der Litauer sind überwiegend ökonomischer Natur: Es geht v.a. um die Aussicht, im Ausland eine bessere Stellung zu finden oder ein höheres Einkommen zu erzielen. Zwischen 2001 und 2005 verließen offiziellen Angaben zufolge 61.800 Litauer das Land, 83,1% davon aus Beschäftigungsgründen. Dabei gaben 37,2% der Ausreisenden über 15 Jahren an, vor der Ausreise arbeitslos gewesen zu sein. In diesem Zeitraum waren Irland, das Vereinigte Königreich, die USA, Spanien und Deutschland Hauptzielländer der Emigration in den Westen. Allerdings unterscheidet sich das Migrationsverhalten ethnischer Minderheiten bis heute deutlich von dem der ethnischen Litauer. Deshalb gehören Russland, die Ukraine und Weißrussland weiterhin zu den Zielländern litauischer Emigration.

Im Zeitraum von 2001 bis 2005 verfügten 63,8% der Ausreisenden ab 15 Jahren über einen Sekundarabschluss, weitere 20,9% über einen Hochschulabschluss. Das unter dem Stichwort "Brain Drain" bekannte Phänomen des Auswanderns von Hochqualifizierten wird in litauischen Regierungskreisen kaum thematisiert. Das Migrationsamt [2] verweist in diesem Zusammenhang auf Rückkehrer, die ihr im Ausland erworbenes Wissen im Heimatland einsetzen würden. Diese Annahme deckt sich mit einer Untersuchung [3], welche 2005 in Kooperation mit der Universität Vilnius unter Hochschulstudenten durchgeführt wurde. Die Studierenden wurden u.a. gefragt, ob und wenn ja, wie lange sie einen Auslandsaufenthalt planten. Von 169 Studenten antworteten lediglich 5,9%, dass sie Litauen auf Dauer den Rücken kehren möchten. Eine deutliche Mehrheit von rund 92% konnte sich einen Auslandsaufenthalt nur temporär vorstellen.

Unter der allgemeinen Bevölkerung scheinen sich die Auswanderungsabsichten nicht maßgeblich von denen der Studenten zu unterscheiden. In einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Litauen gaben 73% der Befragten an, sie hätten keine Absicht, auszuwandern. Nur für 1,3% käme eine dauerhafte Emigration in Frage. [4]

Die Litauer machen von den Möglichkeiten der Arbeitnehmerfreizügigkeit für EU-Bürger starken Gebrauch. Da lediglich das Vereinigte Königreich, Schweden und Irland [5] ihre Arbeitsmärkte in der ersten Phase der Übergangsregelungen (Mai 2004 bis Mai 2006) vollständig öffneten, konzentrierte sich die Arbeitsmigration in diesem rechtlichen Rahmen vornehmlich auf diese drei Länder. Im Vereinigten Königreich betrug 2005 der Anteil der Litauer an den EU8-Beschäftigten [6] rund 15%. Sie gehen hier hauptsächlich gering qualifizierten Beschäftigungen – als Erntehelfer, Maurer, Aushilfen - nach. In Irland liegt ihr Anteil mit 21% bedeutend höher. Obwohl sie sich auch dort meist in eher einfachen Beschäftigungsverhältnissen befinden, steigen die Beschäftigungszahlen in der Gesundheitsbranche (als Krankenschwestern und Ärzte).

Fußnoten

1.
Nach Angaben des Migrationsamtes ist eine genaue Erfassung aufgrund unzulänglicher Erfassungsmethoden und fehlendem politischen Willens nicht sicherzustellen.
2.
Siehe auch das Interview mit Almantas Gavenas, Direktor des Migrationsamtes im litauischen Innenministerium, in: Baltic Times, 04.05.2005 (456), S. 16
3.
Siehe Brake, Kuoni und Simetaite (2005).
4.
Siehe Traser (2005).
5.
Deutschland hat die Übergangsfrist bis 2009 verlängert und wird sie wahrscheinlich bis 2011 beibehalten.
6.
Der Begriff 'EU8-Beschäftigte' bezieht sich auf Beschäftigte aus den 8 mittel- und osteuropäischen Ländern der EU, welche zum 1. Mai 2004 beigetreten sind.

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