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Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

1.2.2009 | Von:
Hein de Haas

Historische und gegenwärtige Entwicklungen von Zu- und Auswanderung

Vorkoloniale Migration

Marokkos vorkoloniale Geschichte zeigt beispielhaft, dass auch vormoderne Gesellschaften hoch dynamisch und mobil sein können. Die marokkanische Bevölkerung wurde in der Geschichte durch immer neue Ansiedlung aus fernen Regionen geprägt, wodurch sich die Vielfältigkeit von Kultur und Gesellschaft im heutigen Marokko erklärt. [1]

Nomadische und halbnomadische Gruppen, die Wanderviehwirtschaft betrieben, legten mit ihren Herden große Distanzen zwischen den Sommer- und Winterweiden zurück. Während einige nomadische Stämme sich niederließen und Bauern wurden, gingen andere, sesshafte Gruppen wiederum zu einer nomadischen Lebensweise über oder siedelten an anderer Stelle. In Folge der arabisch-islamischen Eroberungen seit dem siebten Jahrhundert wanderten arabische Stämme in das heutige Marokko ein und siedelten sich dort an, wodurch die traditionelle Berber-Gesellschaft nachhaltig beeinflusst wurde. Gleichzeitig integrierten sich zahlreiche arabische Siedler in die örtlichen Berbergesellschaften und ihre Kulturen.

Ein weiterer Antriebsfaktor der Mobilität stellte die monotheistische Religion dar. Die Haddsch, die traditionelle Pilgerfahrt nach Mekka, verschiedene marabutische Pilgerreisen – die mussems –, wie sie im Maghreb und dem westafrikanischen Kulturraum üblich sind, Mobilität von Schülern und Studierenden zu religiösen Unterweisungen an Medersas und islamischen Universitäten, aber auch die Wanderschaft von religiösen Lehrern hat Menschen aus weit entfernten Gegenden miteinander in Kontakt gebracht.

Auch marokkanische Juden sind überaus mobil gewesen, innerhalb Marokkos als auch über die Grenzen hinweg. Ihre weit reichenden Netzwerke ermöglichten es ihnen, zu reisen und sich an anderen Orten niederzulassen. Eine wichtige Rolle haben Juden als Zwischenhändler und commerçants im Transsahara-Handel gespielt, wie auch vom 16. Jahrhundert an im Aufbau von Kontakten und Handelsbeziehungen zwischen marokkanischen Sultanaten und europäischen Ländern. In Folge der Rückeroberung der iberischen Halbinsel flohen zahlreiche 'andalusische' Muslime und jüdische Megorashim und siedelten sich in den nördlichen Städten an.

Seit dem 8. Jahrhundert vor Christus haben die auf urbaner Kultur gegründeten Sultan-Dynastien und die den Mächtigen nahe stehenden oberen Gesellschaftsschichten – die makhzen – versucht, Kontrolle über die autonomen Berber- und Arabergruppen in den bergigen Gebieten und Wüsten in Marokkos Hinterland zu erlangen. Gründung und Wachstum von Reichsstädten in West- und Nord-Marokko (vor allem Rabat, Marrakesch, Fès und Meknès) zogen Händler und Migranten aus den ländlicheren Gebieten an. Strategische Wirtschaftsinteressen der makhzen im Transsahara-Handel mit Karawanen erforderten den Aufbau von militärischen Festungen und Handelsposten im Inneren. In Regionen südlich des Atlasgebirges wurden Oasen zu Knotenpunkten für Handel und Wanderungsbewegungen. Die vielfältige ethnische Zusammensetzung der Oasen – in denen Einflüsse aus Regionen südlich der Sahara, von Berbern, Arabern und Juden zusammenflossen – ist Zeugnis einer langen Geschichte ausgeprägter Mobilität der Bevölkerung. [2]

Jahrhunderte lang existierten saisonale und zirkuläre Wanderungsbewegungen zwischen bestimmten ländlichen Gegenden – etwa des Rifgebirges und den südlichen Oasen – und den vergleichsweise feuchten Regionen sowie den Reichsstädten im westlichen und nördlichen Marokko. Der Transsahara-Handel der Karawanen verursachte beträchtliche Völkerwanderungen zwischen Regionen südlich der Sahara und Nord-Afrika. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein stellte der Sklavenhandel eine wesentliche Form erzwungener Migration nach Marokko und innerhalb des Landes dar.

Migration in der Kolonialzeit

Die Kolonisation Algeriens durch Frankreich im Jahr 1830 läutete eine Periode wirtschaftlicher und politischer Umstrukturierung ein, durch die völlig neue Migrationsmuster in der Maghreb-Region verursacht werden sollten. Der zunehmende Bedarf an Lohnarbeit auf den Farmen der französischen Kolonisten als auch in den nördlichen Städten zog eine wachsende Zahl von Migranten aus ländlichen Gebieten Marokkos an, die saisonabhängig zuwanderten bzw. zwischen Heimatland und Arbeitsort hin- und herzogen. [3]

Im Jahr 1912 wurde das französisch-spanische Protektorat über Marokko formal errichtet. Während Frankreich die Kontrolle über das Landesinnere erhielt, beschränkte sich das spanische Protektorat hauptsächlich auf die westliche Sahara und eine Zone nördlich des Rifgebirges. Die Integration bislang weitgehend autonomer Stämme aus Marokkos Hinterland in die moderne Staatsform, die Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsform, Straßenbau und andere Maßnahmen zum Aufbau der Infrastruktur sowie das rasante Wachstum der Städte entlang der Atlantikküste schufen neue Möglichkeiten der Zuwanderung aus den ländlichen in urbane Regionen.

Während des Ersten Weltkrieges wurden aufgrund eines akuten Arbeitskräftemangels in Frankreich zehntausende marokkanischer Männer für die Arbeit in Armee, Industrie und Bergbau angeworben. Nach Ende des Krieges kehrten die meisten Migranten zwar wieder in ihre Heimat zurück, doch aufgrund der stark wachsenden Wirtschaft in Frankreich setzte nach 1920 eine erneute Zuwanderung ein. Während des Zweiten Weltkrieges führte ein Arbeitskräftemangel wiederum dazu, dass Marokkaner angeworben wurden. Rund 126.000 marokkanische Männer dienten während des Zweiten Weltkrieges und danach in den Kriegen in Korea und Indochina in der französischen Armee. [4]

Fußnoten

1.
Siehe de Haas (2005).
2.
Siehe de Haas (2003) sowie Lightfoot and Miller (1996).
3.
Siehe Büchner (1986) sowie Fadloullah, Berrada and Khachani (2000).
4.
Siehe Bidwell (1973).