Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

1.11.2007 | Von:
Felix Gerdes

Aktuelle Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen

Senegalesische Auswanderung galt bisher als primär innerafrikanische Migration. Die Entwicklung der Rücküberweisungen, die gesunkene Attraktivität der Zielländer Elfenbeinküste und Gabun sowie die stark gesunkenen Preise für eine Fahrt nach Europa über die Kanaren sprechen jedoch dafür, dass sich hier in den letzten Jahren ein Umschwung vollzogen hat. [1]

Steuerung der Auswanderung

Die Steuerung dieses Migrationsflusses stellt sowohl Europa als auch den Senegal vor Herausforderungen. Auf europäischer Seite sind Maßnahmen, die allein auf eine Abschottung abzielen, wenig Erfolg versprechend, da sie bislang hauptsächlich eine Verschiebung der Migrationsrouten zur Folge gehabt haben. Eine vollständige Grenzsicherung Europas, die alte wie neue Schlupflöcher abdeckt, bedeutete kaum tragbare Kosten. Vermehrten Abschiebungen stehen kaum aufhebbare juristische und administrative Hürden sowie moralische Bedenken entgegen.

Dem Senegal stehen grundsätzlich die Optionen offen, Migranten für den internationalen Arbeitsmarkt zu produzieren oder insbesondere qualifizierte Arbeit für die einheimische Wirtschaft, insbesondere den Gesundheitssektor, zur Verfügung zu stellen. Die Regierung setzt, zumindest vorübergehend, auf eine Entlastung des einheimischen Arbeitsmarktes durch Emigration und Rücküberweisungen. Sie erwartet des Weiteren mittelfristig positive Effekte durch Weiterqualifizierung im Ausland (ungeachtet der Tatsache, dass ein großer Teil der qualifizierten Migranten keinen angemessenen Arbeitsplatz im Zielland findet) und Investitionen durch Rückkehrer. Die potenziell negativen Auswirkungen der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte ("Brain Drain") haben bislang kaum Eingang in die politische Diskussion gefunden. Auch fehlt im Senegal der politische Wille, die Verwaltung zu professionalisieren und elitäre Strukturen abzuschaffen, um mehr qualifizierte Arbeitsplätze im Inland zu schaffen, die für rückkehrende Migranten attraktiv wären.

Angesichts des Bedarfs europäischer Länder an qualifizierten Fachkräften liegt eine Erleichterung der Migration im Rahmen von Abkommen im beiderseitigen Interesse. Eine Erleichterung des Zuzugs für Fachkräfte bedeutet allerdings nicht unbedingt eine abnehmende Migrationsbereitschaft unqualifizierter Arbeitskräfte. Aufgrund wachsender Migrantennetzwerke ist ebenso gut eine Zunahme der Migration letzterer Personengruppe möglich. Insbesondere in Südeuropa besteht durchaus eine große Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften. Wenn dennoch ein Interesse an der Eindämmung der Migration besteht, ist die Förderung von Einkommensmöglichkeiten im Herkunftsland, vor allem in arbeitsintensiven Bereichen wie Fischerei und Landwirtschaft, sinnvoll. Subventionen für die europäische Agrarwirtschaft sind weiterhin ein starkes Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung des Senegal.

Anstieg der Rücküberweisungen

Als zweite Tendenz werden voraussichtlich auch die Rücküberweisungen weiter ansteigen, was sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann. [2] Von den Rücküberweisungen profitiert aufgrund vermehrten privaten Wohnungsbaus insbesondere der seit einigen Jahren hohe Wachstumsraten verzeichnende Bausektor. Hierdurch wird zum einen der Arbeitsmarkt entlastet. Zum anderen wird in Baufirmen investiert und dort vermehrt Kapital gebildet. Es wäre dennoch von Vorteil, Rücküberweisungen verstärkt in produktive Sektoren zu leiten. Nahezu alle Migranten sind daran interessiert, erwirtschaftete Mittel rentabel im Herkunftsland zu investieren. Die Mehrheit der Migranten hat das Scheitern eigener wirtschaftlicher Projekte im Senegal erlebt. [3] Gründe hierfür sind unter anderem die auf gegenseitige Unterstützung ausgelegten Sozialstrukturen, aufgrund derer regelmäßig bei Notfällen (Krankheit, drohender Schulabbruch etc.) geschäftliche Gelder konsumptiv verwendet werden. Hinzu kommen administrative Hürden bzw. ein allgemein defizitäres institutionelles Umfeld. Um das Potenzial der Migranten für die wirtschaftliche Entwicklung einzusetzen, bedarf es einer Verbesserung sowohl der Betreuung für Rückkehrer als auch der allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Politisch unterstützte Anlagefonds für Branchen mit komparativen Kostenvorteilen wären eine Möglichkeit, im Ausland erwirtschaftete Mittel verstärkt profitabel zu investieren. Aufgrund des relativ geringen Vertrauens von Auslandssenegalesen in die Verwaltung von Finanzen durch den Staat wären internationale Kontrollen und Bürgschaften (ähnlich der bereits für Investitionen in Entwicklungsländern existierenden) sinnvoll.

Ausbau von gefährlichen Migrationsrouten

Die europäische Politik der Abschottung führt zu einer steigenden Nutzung überaus gefährlicher Migrationswege. Mindestens 10 %, nach einigen Schätzungen sogar 40 % der Migranten sterben auf dem Seeweg zwischen der westafrikanischen Küste und den Kanarischen Inseln. Dies entspricht mindestens 3.200 Toten im Jahr 2006. Verstärkte Kontrollen und ein gestiegenes Bewusstsein der Migranten bezüglich der Gefahren haben zu einer Abnahme der Überfahrten 2007 geführt. Nichtsdestoweniger wird sich das oft menschenverachtende Geschäft des Menschenschmuggels ohne vermehrte legale Möglichkeiten zur Migration kaum dauerhaft reduzieren lassen. Projekte regulärer Arbeitsvermittlung könnten gut mit glaubhaften Informationskampagnen verbunden werden. Diese würden zur Verringerung der Migrationsbereitschaft beitragen, da ein großer Teil der Migranten aufgrund unrealistischer Erwartungen bezüglich ihrer Perspektiven auf dem europäischen Arbeitsmarkt auswandert. Angesichts der wichtigen Rolle senegalesischer Fischer in der Organisation irregulärer Überfahrten müsste auch die Problematik der Überfischung westafrikanischer Gewässer durch europäische Fangflotten, welche den Fischern ihre Existenzgrundlage entziehen, angegangen werden. Das Fischereiabkommen mit der EU ist Mitte 2006 abgelaufen, und seither dürfen europäische Flotten offiziell nicht mehr in senegalesischen Gewässern fischen. Die Verhandlungen über weitere Abkommen in diesem Bereich gestalten sich schwierig. Obwohl die Abwesenheit der europäischen Fischer sicherlich zum Wiederaufbau der Fischbestände in senegalesischen Gewässern beitragen wird, geht dadurch gleichzeitig eine wichtige Einnahmequelle der senegalesischen Regierung verloren.

Umgang mit Zuwanderung

Der Umgang mit Zuwanderung ist für den Senegal eine neue Herausforderung. Angesichts der negativen Erfahrungen senegalesischer Migranten im Ausland – insbesondere in der Elfenbeinküste – ist die positive Einstellung des Landes gegenüber Zuwanderern (die hauptsächlich aus anderen afrikanischen Staaten kommen) bemerkenswert. Im Senegal ist Zuwanderung historisch primär als symbolisch bedeutendes Phänomen betrachtet worden, anhand dessen sich die staatslegitimierende panafrikanistische Ideologie demonstrieren ließ. Dementsprechend ist das Niveau staatlicher Intervention in Ausländerfragen niedrig geblieben. Auch heute noch arbeiten zugewanderte afrikanische Migranten hauptsächlich im informellen Sektor. Der Staat hat durchaus Sorge getragen, die lukrativeren Beschäftigungsverhältnisse des formellen Arbeitsmarktes für die politisch gewichtigere einheimische Bevölkerung zu reservieren. Angesichts der zukünftig erwarteten Rückkehr qualifizierter Senegalesen aus dem Ausland sowie der höheren Investitionen im heimischen Bildungswesen (in den letzten Jahren wurden die Aufwendungen für Bildung auf 40 % des Budgets gesteigert), wird der senegalesische Staat vor der Herausfordungen stehen, ausreichende attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten für die eigene Bevölkerung zu schaffen. Ob und wie der Senegal darüber hinaus politische Maßnahmen einführen wird, die auf die Nutzung des Potenzials ausländischer Migranten, die sich im Lande aufhalten, abzielen, bleibt eine offene Frage.

Fußnoten

1.
Dieser Punkt ist umstritten. L. Marfaing (pers. comm.) und P. D. Tall (Interview in: Organisation internationale pour les migrations (2007): Senegal-Migrations, Bulletin d´Information No. 4, S. 2) vertreten eine konträre Position.
2.
Siehe Hertlein und Vadean (2006).
3.
Siehe Marfaing (2003).

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