Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

4.5.2020 | Von:
Nikolaus von Twickel

Dokumentation: Der Umgang mit Covid-19 in den "Volks­re­pu­bli­ken"

Die Separatisten in der Ostukraine reagierten sehr zögerlich und uneinheitlich auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie, obwohl die Bevölkerung dort aufgrund des Altersdurchschitts als besonders gefährdet gilt. Es gibt auch keine verlässlichen Zahlen zu Infizierten.

Bei einem Besucher eines Marktes in der "Volksrepublik" Luhansk wird vorsichtshalber die Temperatur gemessen.Kampf gegen das Coronavirus in der Ukraine: Bei einem Besucher eines Marktes in der "Volksrepublik" Luhansk wird vorsichtshalber die Temperatur gemessen. (© picture-alliance, Photoshot)

Zusammenfassung

Im Osten der Ukraine liegt eine der gefähr­dets­ten Regio­nen für die Coronapan­de­mie über­haupt. In den von Russ­land abhän­gi­gen "Volks­re­pu­bli­ken" sind fast 50 Prozent der Ein­woh­ner im Ren­ten­al­ter – so viele wie wohl nir­gends sonst auf der Welt.

In den von Russ­land kon­trol­lier­ten "Volks­re­pu­bli­ken" in den ukrai­ni­schen Regio­nen Donezk und Luhansk könnte die Seuche ver­hee­rende Aus­wir­kun­gen haben. Bisher (Stand 27. April) gibt es dort gerade mal 148 bestä­tigte Fälle – 78 in Donezk und 70 in Luhansk – und drei Tote. Bei einer ange­nom­me­nen Bevöl­ke­rungs­zahl von 2,5 Mil­lio­nen (die genaue Zahl ist wegen des großen Exodus seit Kon­flikt­be­ginn unbe­kannt) ent­spricht das 6 Fällen pro 100.000 Ein­woh­ner. Zum Ver­gleich: In der Ukraine sind es 22 Fälle pro 100.000, in Russ­land 55. Aber das Risiko eines unkon­trol­lier­ba­ren Aus­bruchs ist groß.

Zum einen ist die Bevöl­ke­rung extrem über­al­tert. Offi­zi­ell leben in den zwei "Repu­bli­ken" mehr als eine Million Rentner, fast 50 Prozent der Ein­woh­ner – wahr­schein­lich Welt­re­kord. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land beträgt der Anteil der über 65-Jäh­­ri­gen 22 Prozent, in der Ukraine sind es zwi­schen 20 und 25 Prozent. Diese Alters­struk­tur ist eine direkte Folge des seit 2014 andau­ern­den Kon­flikts mit Russ­land und der von Moskau orga­ni­sier­ten Macht­über­nahme der Sepa­ra­tis­ten im selben Jahr – beides hat viele arbeits­fä­hige Men­schen zum Wegzug genö­tigt, während Alte und Kranke oft zurück­blie­ben.

Gleich­zei­tig sind die Gesund­heits­sys­teme vor Ort von Krieg und Armut aus­ge­zehrt, Ärzte ver­die­nen umge­rech­net weniger als 150 Euro im Monat, was zu einem mas­si­ven Brain-Drain geführt hat: Die "Gesund­heits­mi­nis­te­rin­nen" in Donezk und Luhansk klagen offen darüber, dass ihnen jeweils 5.000 Ärzte fehlen. In den Kran­ken­häu­sern sind Schutz­klei­dung und Masken Man­gel­ware.

Aber damit nicht genug. Die Sepa­ra­tis­ten wei­ger­ten sich wochen­lang, ange­mes­sen auf die Gefahr zu reagie­ren. Teil­weise tun sie es immer noch. Während in der Ukraine und Russ­land Kin­der­gär­ten, Schulen und Uni­ver­si­tä­ten ab Mitte März geschlos­sen wurden, ging das Leben in den "Volks­re­pu­bli­ken" zunächst weiter wie bisher. Die De-facto-Behör­­den wurden nicht müde zu betonen, dass es bei ihnen keinen ein­zi­gen bestä­tig­ten Coro­na­fall gebe.

Covid-19 Maß­nah­men in den "Volks­re­pu­bli­ken"

Qua­ran­tä­ne­re­geln wurden in Donezk ab Mitte März ein­ge­führt, Schüler und Stu­den­ten mussten ab 19. März zu Hause bleiben. In Luhansk wurden zunächst prak­tisch gar keine Maß­nah­men ein­ge­führt. Erst am 28. März wurden plötz­lich Restau­rants, Läden, Theater und Museen geschlos­sen, Schulen und Uni­ver­si­tä­ten ab 30. März. Dafür dürfen in Donezk Restau­rants und Cafés bis auf wei­te­res offen­blei­ben – jeden­falls tags­über bis 18:00 Uhr. Kin­der­gär­ten bleiben wei­ter­hin geöff­net.

Bei Grenz­schlie­ßun­gen han­del­ten die Sepa­ra­tis­ten auch zöger­lich und unein­heit­lich. Während die Über­gänge von der "DNR" zu den regie­rungs­kon­trol­lier­ten Gebie­ten an der "Kon­takt­li­nie" sowie nach Russ­land schritt­weise ab 17. März geschlos­sen wurden, schloss die "LNR" den ein­zi­gen Über­gang in die regie­rungs­kon­trol­lierte Ukraine, die Fuß­gän­ger­brü­cke in Stany­zia Luhanska, am 23. März. Noch bis Februar zählten die Ver­ein­ten Natio­nen hier knapp eine Million Über­tritte pro Monat – über­wie­gend Rentner, die sich ihre ukrai­ni­schen Pen­sio­nen auf regie­rungs­kon­trol­lier­tem Gebiet aus­zah­len ließen.

Die Über­gänge zwi­schen der "LNR" und den rus­si­schen Grenz­or­ten Donezk und Gukowo blieben dagegen weiter offen. Als ihre Schlie­ßung am 8. April ange­kün­digt wurde, hieß es, dass Busse mit Ein­hei­mi­schen, die ihre neuen rus­si­schen Pässe in der benach­bar­ten Region Rostow abholen, aus­ge­nom­men seien. Erst zwei Tage später erkannte man, dass das wohl keine gute Idee war und teilte mit, dass das Staats­bür­ger­schafts­pro­gramm erstmal aus­ge­setzt sei.

Befürch­tun­gen, dass die Qua­ran­tä­ne­vor­ga­ben der Sepa­ra­tis­ten nicht oder nur teil­weise ein­ge­hal­ten werden, bestä­tig­ten sich am 5. April, als sowohl in Donezk als auch in Luhansk die "Gesund­heits­mi­nis­te­rin­nen" besorgt mit­teil­ten, dass mehrere infi­zierte Bewoh­ner trotz Fiebers wei­ter­hin zur Arbeit gegan­gen seien. In der "LNR" wurden dar­auf­hin mehrere Städte kom­plett abge­rie­gelt. Die "DNR" zog es vor, gar nicht erst mit­zu­tei­len, wo die Erkrank­ten leben. Ab 27. April wurde dann die Region am Asow­schen Meer abge­rie­gelt – wohl um eine Ver­brei­tung unter Urlau­bern während der bevor­ste­hen­den Mai­fei­er­tage zu ver­hin­dern.

Wie viele Covid-19 Infi­zierte gibt es wirk­lich?

Wie hoch die Zahl der Infi­zier­ten wirk­lich ist, das ist auch in "nor­ma­len" Ländern schwer fest­zu­stel­len. Aber da die "Volks­re­pu­bli­ken" der Ost­ukraine nicht bekannt dafür sind, dass sie bereit­wil­lig über eigene Pro­bleme berich­ten, wird über die Glaub­wür­dig­keit der Zahlen viel spe­ku­liert. So erklärte der ukrai­ni­sche Geheim­dienst SBU am 4. April, dass in der "LNR" bereits 13 Men­schen mit Ver­dacht auf Coro­na­vi­rus gestor­ben seien.

Und noch einen großen Unter­schied gibt es zwi­schen den beiden "Volks­re­pu­bli­ken", die zwar beide prak­tisch kom­plett von Moskau abhän­gig sind, sich aber kaum mit­ein­an­der abspre­chen. In Donezk hat Sepa­ra­tis­ten­chef Denis Puschi­lin in meh­re­ren Anspra­chen und Inter­views bei der Bevöl­ke­rung um Ver­ständ­nis für die Maß­nah­men gewor­ben. In Luhansk beschränkt sich sein Kollege Leonid Pas­set­sch­nik dagegen auf wenige Erklä­run­gen auf seiner Home­page sowie auf Twitter. Die Absage der für 9. Mai geplan­ten Sie­ges­pa­ra­den zum 75. Jah­res­ta­ges des Endes des Zweiten Welt­kriegs teilten beide Sepa­ra­tis­ten­füh­rer erst mit, als der russische Präsident Wladimir Putin sich am 16. April dazu durch­ge­run­gen hatte.

Geschlos­sene Grenzen und posi­tive Pro­pa­ganda

Hin­ter­grund des Zögerns ist sicher die Erkennt­nis, dass die "Volk­re­pu­bli­ken" sich lange Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men schlicht nicht leisten können. "DNR"-Chef Puschi­lin hat das offen zuge­ge­ben, als er am 3. April sagte, dass "unsere Wirt­schaft von einer Epi­de­mie sehr viel härter getrof­fen werden würde als andere Länder."

Schon die Schlie­ßung der Über­gänge zu den regie­rungs­kon­trol­lier­ten Gebie­ten hat zur Folge, dass Hun­dert­tau­sende nicht mehr ihre ukrai­ni­schen Renten abholen können, mit der sie ihre küm­mer­li­chen "repu­bli­ka­ni­schen" Pen­sio­nen in Höhe von 4,800 rus­si­sche Rubel (58 Euro) auf­bes­sern. Nicht besser sieht es für die Indus­trie­ar­bei­ter aus. Seit der 2017 bestehen­den Wirt­schafts­blo­ckade zwi­schen ihnen und der rest­li­chen Ukraine hängen die "Volks­re­pu­bli­ken" kom­plett am Tropf Russ­lands, dem ein­zi­gen Markt, wo sie ihre Kohle, Eisen- und Stahl­pro­dukte ver­kau­fen können. Aber Russ­land ist derzeit selbst in einer sich täglich ver­schlim­mern­den Krise.

Dass die Lage ernst ist, geht aus­ge­rech­net aus einem Video des eigent­lich für posi­tive Pro­pa­ganda zustän­di­gen Donez­ker "Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums" hervor. Darin erklärt Wla­di­mir Pasch­kow, ein rus­si­scher Indus­tri­el­ler, der ver­gan­ge­nes Jahr zum ein­fluss­rei­chen stell­ver­tre­ten­den Regie­rungs­chef auf­stieg, unum­wun­den dass die bis­he­ri­gen Absatz­mög­lich­kei­ten ver­siegt sind: "Wir sind eine Koh­le­re­gion, aber wir können keine Kohle ver­kau­fen". Und er fügt hinzu, dass die "DNR" lernen müsse, sich künftig selber zu ernäh­ren.

In Luhansk hat Sepa­ra­tis­ten­chef Pas­set­sch­nik die "Reor­ga­ni­sa­tion" des Koh­le­sek­tors, also die Schlie­ßung unren­ta­bler Minen, ange­kün­digt, ohne jedoch Ein­zel­hei­ten zu nennen.

Wie es für die "Volks­re­pu­bli­ken" wei­ter­ge­hen wird, ist also völlig unge­wiss. Die rus­si­schen Konvois, die noch 2019 wöchent­lich Hilfs­gü­ter und wohl auch Bargeld nach Donezk und Luhansk brach­ten, sind bereits seit dem Jah­res­wech­sel nicht mehr gesehen worden. Seitdem die Sepa­ra­tis­ten in den Jahren 2015 und 2016 die aus­län­di­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen Medi­cins sans Fron­tie­res und People in Need raus­ge­schmis­sen haben, sowie seit 2017 die Konvois des ukrai­ni­schen Olig­ar­chen Rinat Ach­me­tow nicht mehr rein­gelas­sen werden, sind das Inter­na­tio­nale Komitee vom Roten Kreuz sowie UN-Orga­ni­sa­tio­nen die ein­zi­gen, die noch Hilfs­lie­fe­run­gen senden. Beim letzten dieser Trans­porte am 3. April wurde der ört­li­che ICRC-Leiter vom "DNR"-Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­rium inter­viewt – ein höchst unge­wöhn­li­cher Vorgang. Viel­leicht ein Zeichen dafür, dass die Sepa­ra­tis­ten ahnen, dass sie künftig mehr Hilfe anneh­men müssen, die nicht aus Russ­land stammt.

Der Text erschien zuerst auf der Webseite des Zentrums Liberale Moderne unter https://libmod.de/twickel-corona-ostukraine/. Die Redaktion der Ukraine-Analysen dankt dem Autor und dem Zentrum Liberale Moderne für die Erlaubnis zum Nachdruck.

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Ukraine