BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Deutschland 1945-1949

13.7.2005 | Von:

Wirtschaftsentwicklung von 1945 bis 1949

Wäre der Industrieplan vom März 1946 realisiert worden, hätte das die Beseitigung von 1800 Fabriken bedeutet sowie - entsprechend den Quotenfestlegungen für die einzelnen Produktionszweige - die Reduzierung der gesamten Produktionsmöglichkeiten auf den Stand des Krisenjahres 1932. Die spektakulären Demontagen, etwa der "Reichswerke Hermann Göring" in Salzgitter, die bis in die fünfziger Jahre andauerten, wurden auf deutscher Seite mit Erbitterung als mutwillige Vernichtung von Arbeitsplätzen in einer Zeit wirtschaftlicher Not begriffen, gegen die die Arbeiter mit Parolen wie "Vernunft statt Gewalt" und "Wir wollen keine Bettler sein ... lasst uns unsere Arbeitsstätte" demonstrierten.

Im August 1947 wurde ein revidierter Industrieplan für die Bizone veröffentlicht; er lockerte manche Produktionsbehinderungen, aber er zog immer noch nicht die Konsequenzen aus der ökonomischen Lage Deutschlands: Wenn das Land sich nicht durch den Export von Industriegütern ernähren konnte, blieb es auf Hilfe von außen angewiesen. Die endgültige Demontageliste vom Oktober 1947 umfasste 682 Betriebe, von denen 496 in der britischen und 166 in der amerikanischen Zone lagen. Für die französische Zone wurde im November eine Liste mit 236 deutschen Werken bekanntgegeben. Trotz weiterer Erleichterungen in den folgenden Jahren wurden die Demontagen in den Westzonen teilweise bis 1951 fortgesetzt.

Die unmittelbare Folgewirkung der Demontagen lag für die Deutschen eher im Bereich des Psychologischen, in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Für die Volkswirtschaft hatte die Vernichtung der Industriekapazitäten dagegen kurzfristig kaum Auswirkungen. Der Mangel an Rohstoffen und das zusammengebrochene Verkehrs- und Transportsystem hätten in den ersten Nachkriegsjahren die Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten gar nicht erlaubt. Außerdem hatten die Alliierten das deutsche Industriepotenzial bei weitem unterschätzt. Das Ausmaß der Kriegszerstörungen war nämlich geringer, die Kapazitäten waren hingegen in viel höherem Ausmaß während des Krieges erweitert worden, als die alliierten Planer angenommen hatten.

Für die Empfänger waren die demontierten Industrieanlagen oft wertlos: Entweder waren sie unsachgemäß abgebaut und abtransportiert worden, oder die inzwischen veralteten Fabriken arbeiteten unrentabel. In Westdeutschland konnten dagegen schon ab 1949 die demontierten Anlagen durch moderne und rationell arbeitende Werke ersetzt werden - nicht zuletzt mit amerikanischer Hilfe. Eines der Geheimnisse des "Wirtschaftswunders" der fünfziger Jahre lag also in der ökonomisch sinnlosen Demontagepolitik der Alliierten und im durch ihre Hilfe ermöglichten modernisierten Wiederaufbau.

Hilfsprogramme für Europa

Aber noch während deutsche Fabrikanlagen zerlegt und abtransportiert wurden, vollzog sich in Amerika endgültig die Wende zu einer neuen Deutschlandpolitik. In einer berühmt gewordenen Rede propagierte der amerikanische Außenminister George C. Marshall im Juni 1947 vor Studenten der Harvard-Universität ein umfassendes Hilfsprogramm für Europa, das im folgenden Jahr in die Tat umgesetzt wurde.

Weniger Nächstenliebe als Einsicht in ökonomische Notwendigkeiten und in eine langfristige politische und wirtschaftliche Strategie hatten Amerikas Politiker zu der Hilfsaktion des European Recovery Program (ERP) - wie die offizielle Bezeichnung des Marshall-Plans lautete - bewogen. An die Stelle punktueller Unterstützungsmaßnahmen trat nun die Strategie, durch Kredite die Volkswirtschaften Westeuropas zu eigener Güterproduktion zu befähigen. Gleichzeitig wurden die Empfänger gezwungen, ihre Volkswirtschaften aufeinander abzustimmen. Damit sollten ein für allemal die Kriegsfolgen überwunden werden. Der Marshall-Plan bezweckte auch die Abwehr kommunistischer Einflüsse auf die notleidende Bevölkerung Europas durch wirtschaftliche Immunisierung; Ziel war ebenso die langfristige Sicherung von Absatzmärkten für die amerikanische Wirtschaft. Die amerikanischen Politiker erwiesen sich insofern als gute Kaufleute, als sie zunächst hohe Investitionen und Verluste nicht scheuten, und sie vertrauten auf die Überlegenheit des kapitalistischen Systems.

Mit Hilfe der amerikanischen Devisen konnten Rohstoffe importiert werden. Die Teilnahme am Marshall-Plan war auch - noch vor der Gründung der Bundesrepublik - der erste Schritt zur Integration Westdeutschlands in das westliche Wirtschaftssystem. Zusammen mit den schon früher gewährten Unterstützungen zur Überwindung der unmittelbaren Not flossen bis 1952, dem Ende der ERP-Ära, rund drei Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Ohne diese Hilfe hätte das deutsche "Wirtschaftswunder" zum mindesten länger auf sich warten lassen. Selbst unter Berücksichtigung der amerikanischen Eigeninteressen muss man die wirtschaftliche Hilfe des Marshall-Planes sehr hoch einschätzen.

Die Einladung an Deutschland zur Teilnahme am Marshall-Plan, bedeutete für die Westzonen die Chance zur wirtschaftlichen Erholung. Dass sich die sowjetische Besatzungszone, ebenso wie die Tschechoslowakei, auf Druck Moskaus nicht beteiligen durfte, hatte schwerwiegende Folgen: Sie wurde aus dem Wirtschaftssystem der Westzonen endgültig ausgegrenzt.

Quellentext

Umsetzung des Marshall-Plans

[...] Als man untersucht habe, welche Dinge Europa nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte, sei klar geworden, "daß die sichtbare Verwüstung wohl weniger gravierend ist als die Tatsache, daß das gesamte Gefüge der europäischen Wirtschaft zerrissen wurde". In seiner Rede an der Harvard-Universität am 5. Juni 1947 leitete der damalige US-Außenminister, Fünf-Sterne-General und spätere Friedensnobelpreisträger, George Marshall, aus dieser Erkenntnis eine Strategie ab, für die heute der Begriff Hilfe zur Selbsthilfe gilt: Bevor die USA ihre Kassen öffneten, so Marshall, müssten sich die Europäer gemeinsam "darüber einigen, welcher Bedarf konkret besteht und welche Initiativen sie selbst ergreifen wollen. Es wäre weder angemessen noch nutzbringend, wenn die USA einseitig ein Programm zum wirtschaftlichen Wiederaufbau entwürfen. Das ist die Sache der Europäer."

Die Hilfe der Amerikaner war jedoch mit klaren politischen Auflagen verbunden. Der Marburger Historiker Gerd Hardach beschreibt das Strukturanpassungsprogramm: Westeuropa sollte seine Staatshaushalte sanieren, feste Wechselkurse einführen, sich ökonomisch zusammenschließen und zugleich zum Weltmarkt öffnen. Das Geld des Marshall-Plans habe "als Anreiz gedient, um die zögernden Regierungen auf den Pfad der Integration zu bringen", und es sollte auch "die Währungsrisiken auffangen, die mit der Liberalisierung des Handels und des Zahlungsverkehrs verbunden waren". Die USA gewährten 16 Staaten des alten Kontinents zwischen 1948 und 1952 knapp 14 Milliarden Dollar. In heutiger Kaufkraft gerechnet entspricht dies etwa 80 Milliarden Dollar. Rund ein Viertel ging davon an Großbritannien, ein Fünftel an Frankreich. Nach Italien war Westdeutschland mit zehn Prozent des Gesamtvolumens viertgrößter Empfänger - sollte aber als einziger das Geld später zurückzahlen. [...]
Die Amerikaner hatten für den Plan anfangs beträchtliche Lasten zu tragen: 1949 kostete sie der Beistand für Europa 2,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. [...] Seinerzeit waren die Abgeordneten des Capitols zunächst wenig erbaut über die Regierungspläne insbesondere für den ehemaligen Kriegsgegner Deutschland. Noch im März 1946 hatten die Alliierten eine andere Strategie verfolgt: Die deutsche Industrieproduktion sollte auf höchstens 75 Prozent des Standes von 1936 beschränkt bleiben, 1800 Betriebe demontiert werden. Zwischen diesem Zeitpunkt und der Rede Marshalls lag der Streit der Westmächte mit der UdSSR über den künftigen Status Deutschlands sowie der Vormarsch der Kommunisten in Ost- und Südeuropa. Marshalls Stabschef George Kennan hatte in einer Studie den ökonomischen Zusammenbruch des alten Kontinents an die Wand gemalt. Das wäre nicht nur für die Exporte der US-Wirtschaft katastrophal, meinte Kennan, sondern berge auch die Gefahr, daß die Kommunisten die Krise ausnutzten. [...] Durch finanzielle Hilfe sollten "alle freien Völker" bei der Herstellung geordneter politischer Verhältnisse unterstützt werden. Nun, da es darum ging, dem Vordringen des Kommunismus Einhalt zu gebieten, mochte auch der sparsame Kongress nicht mehr Nein sagen.
Das European Recovery Program trat im April 1948 in Kraft. Auf europäischer Seite lag seine Umsetzung in Händen der neu geschaffenen Organization for European Economic Cooperation (OEEC); Vorläuferin der heutigen OECD. Diese koordinierte zugleich die Öffnung der Grenzen auf dem Kontinent und schuf damit die Voraussetzungen für die folgende Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG).
Einen Schlußstrich unter diese erste Phase zogen Europäer und Amerikaner im Jahr 1953. Bis dahin hatten sich die deutschen Verbindlichkeiten aus dem Garioa- (Government Aid and Relief in Occupied Areas - Anm.d.Red.) und dem Marshall-Programm auf rund drei Milliarden Dollar summiert. Auf der Londoner Schuldenkonferenz wurden Deutschland zwei Drittel dieses Betrags erlassen - Vorbild für viele Entwicklungspolitiker zur Lösung der heutigen Dritte-Welt-Schuldenkrise. Das restliche Drittel zahlte die Bundesregierung bis 1966 zurück. Zinsen und Tilgungen der von den Betrieben in Anspruch genommenen Kredite flossen jedoch weiterhin voll in das ERP-Sondervermögen. [...]
Durch den revolvierenden Einsatz des Kapitals [...] kamen seither stolze Summen zustande. Zwischen 1950 und 1996 gingen aus dem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Deutschen Ausgleichsbank verwalteten ERP-Topf 100 Milliarden Mark an Unternehmen in Westdeutschland. Mit weiteren 53 Milliarden wurde seit 1990 die ostdeutsche Wirtschaft gefördert. Gleichzeitig schwoll das Vermögen selbst auf inzwischen 23 Milliarden Mark an. [...]
Verteilten Kreditanstalt und Ausgleichsbank zunächst die Gelder mit der Gießkanne, wobei allein die Größe des Empfängers (maximal 100 Millionen Mark Umsatz) als Kriterium diente, wurde der Verwendungszweck später differenziert. Heute (1996 - Anm. d. Red.) laufen zehn verschiedene Fördertöpfe unter dem ERP-Dach - von der Eigenkapital- und Ausbildungsplatzhilfe bis zum Energiesparprogramm. [...]

Roland Bunzenthal, 50 Jahre Marshall-Plan - Mythos und Motor der Marktwirtschaft, in: Frankfurter Rundschau vom 31. Mai 1997.

Zusammensetzung der ERP-Einfuhren nach WestdeutschlandZusammensetzung der ERP-Einfuhren nach Westdeutschland
Die Neuordnung der Währung war Voraussetzung der wirtschaftlichen Sanierung. Sie musste nicht nur die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Geldmenge und Volksvermögen erreichen, eine Entscheidung über das Schicksal der deutschen Währung war kaum möglich ohne eine Entscheidung über die künftige Wirtschaftsordnung. Für die wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands musste eine Währungsreform ebenfalls Konsequenzen haben; denn eine Sanierung, die nicht gleichzeitig und gleichförmig in allen Besatzungszonen durchgeführt wurde, musste zwangsläufig die Spaltung der verschiedenen Wirtschaftsgebiete vertiefen und möglicherweise zu konkurrierenden Staatsgebilden führen.