Deutschland 1945-1949

13.7.2005 | Von:

Wirtschaftsentwicklung von 1945 bis 1949

Währungsreform

Der Keller der früheren Frankfurter Reichsbankhauptstelle barg im Frühjahr 1948 eines der bestgehüteten Geheimnisse der drei Westzonen. In stählernen Kisten wurde dort das neue Geld bis zum streng geheimen Tag X, an dem die Währungsreform in Kraft treten sollte, versteckt. Gedruckt waren die Geldzeichen in den USA, ab November 1947 wurden sie nach Deutschland transportiert. Vom 11. bis 15. Juni 1948 wurden sie dann - militärisch bewacht und unter größer Geheimhaltung - von Frankfurt am Main aus mit Lastwagen zu den elf Landeszentralbanken der drei Westzonen gebracht.

Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Währungsreform wurde von den Siegern ganz unterschiedlich beurteilt. Am wenigsten Interesse hatte die Sowjetische Militäradministration, weil sie gleichnach der Besetzung in ihrer Zone durch Stillegen der Bankkonten das Problem der Überliquidität in den Griff bekommen hatte. Jedoch auch die Briten und Franzosen sahen das Währungsproblem nicht als vordringlich an, weil zu Beginn der Besatzungszeit die ökonomische Gesundung Deutschlands keineswegs in ihrem Katalog der Prioritäten stand.

Alleingang der Westmächte

Bis zum Januar 1948 wurde auf Außenminister- und Kontrollratsebene noch über eine vierzonale Währungsreform verhandelt. Als sich die Alliierten schließlich über den Notendruck und andere Details einig waren, scheiterte die Verständigung daran, dass die Sowjetische Besatzungsmacht eine deutsche Zentralbank und eine zentrale Finanzverwaltung für alle vier Zonen forderte. Das wollten die Amerikaner angesichts der unterschiedlichen Entwicklung der Wirtschaftssysteme nicht mehr konzedieren. Die Entscheidung war tatsächlich im Herbst 1947, als die Amerikaner in New York und Washington das neue Geld zu drucken begannen, schon gefallen, und zwar zugunsten einer Währungsreform nur auf dem Territorium, das die drei Westmächte kontrollierten. Definitiv entschlossen sich die Westmächte unter Führung der USA im März 1948, die sowjetische Besatzungszone nicht mehr in gemeinsame Währungsreformpläne einzubeziehen. Dadurch, dass die sowjetischen Vertreter am 20. März 1948 durchihren demonstrativen Auszug aus dem Alliierten Kontrollrat dieses Instrument der gemeinsamen Verantwortung der Sieger über Deutschland funktionslos machten, ersparten sie den Amerikanern die Peinlichkeit der Erklärung, dass die westliche Seite an einer einvernehmlichen Lösung nicht mehr interessiert war, weil sie in Anbetracht der faktischen Teilung Deutschlands - im Frühjahr 1948 - die Weststaatsgründung mit allen Kräften vorantrieb.

Der amerikanische und der britische Militärgouverneur hatten sich im Oktober 1947 über die Struktur einer Zentralbank für die Bizone geeinigt. Nachdem die französische Militärregierung ebenfalls zugestimmt hatte, konnte am 1. März 1948 die "Bank deutscher Länder" als Zentralbank für die drei Westzonen errichtet werden. Als Vorgängerin der Deutschen Bundesbank wurde sie zwar von den Alliierten gegründet, sie war aber die erste trizonale deutsche Institution und eine wesentliche Voraussetzung zur Durchführung der Währungsreform.

Vorbereitungen

Auf deutscher Seite beschäftigte sich ein Expertengremium in Bad Homburg seit Oktober 1947 mit Plänen zur Geldreform. Diese "Sonderstelle Geld und Kredit" war vom Wirtschaftsrat, dem Parlament der Bizone in Frankfurt, ins Leben gerufen worden. Als Ergebnis wurde im April 1948 der "Homburger Plan" zur Neuordnung des Geldwesens präsentiert.

Aber die Konzepte der Militärregierungen waren längst fertig, sie waren radikaler und vor allem konsequenter in der Liquidierung der Reichsschuld. Die Überlegungen der Westmächte basierten auf dem Cohn-Goldsmith-Dodge-Plan, den drei amerikanische Experten bereits 1946 ausgearbeitet hatten. Die Quintessenz dieses Plans bestand im Abwertungsverhältnis zehn zu eins und in der Koppelung des Geldschnitts mit einem Lastenausgleich, der Gerechtigkeit zwischen Sachwertbesitzern und den durch Krieg, Flucht und Vertreibung Verarmten schaffen sollte. Der Lastenausgleich sollte durch Zwangshypotheken und Kapitalabgaben derjenigen in Gang gesetzt und finanziert werden, die heil, das heißt ohne Verlust von Haus, Hof und anderem Sachbesitz, davongekommen waren.

Zur Unterstützung der amerikanischen, britischen und französischen Sachverständigen wurden ab April 1948 auch deutsche Experten herangezogen. Etwa fünfundzwanzig Personen an der Zahl wurden sie wie Gefangene in einem Omnibus, dessen Scheiben undurchsichtig waren, an einen von der Umwelt völlig abgeschiedenen Ort gebracht. Dort blieben sie bis Anfang Juni in Klausur (bei guter Verpflegung, aber ohne Kontakt zur Außenwelt), leisteten Formulierungshilfe bei Gesetzestexten, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen und übersetzten die notwendigen Texte, Fragebogen und Formulare ins Deutsche. Im "Konklave von Rothwesten", wie die Veranstaltung später genannt wurde, als die Beteiligten erfuhren, dass sie in der Nähe Kassels auf einem trübseligen Kasernengelände untergebracht gewesen waren, bestimmte ein junger amerikanischer Leutnant, Edward Tenenbaum, den Gang der Dinge. Nominell war er nur Assistent des Finanzberaters der US-Militärregierung, tatsächlich war er der überragende Kopf, der die amerikanischen Währungspläne zielstrebig und erfolgreich gegen deutsche (und britische oder französische) Widerstände durchsetzte.

Die deutschen Fachleute versuchten mehrfach, auch protestierend, ihre Vorstellungen zur Geltung zu bringen. Die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen veranlasste sie am 8. Juni 1948, dem Tag der Auflösung des Konklaves, zu einer Resolution, in der sie die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen klarstellten.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Währungsreform - auch im internationalen Vergleich gesehen - als außerordentlich geglückt erwies und ihr Erfolg zur Legende und als Leistung der Deutschen gefeiert wurde, ist die Resolution der "deutschen Sachverständigenkommission für die Geldreform" im nachhinein nicht ohne Reiz zu lesen. Die deutschen Experten baten nämlich anlässlich der offiziellen Verkündung der Währungsreform durch die Militärregierungen um die Verlautbarung folgender Sätze: "Die drei Besatzungsmächte tragen für die Grundsätze und Methoden der Geldreform in ihren Zonen die alleinige Verantwortung. Deutsche Sachverständige wurden auf Wunsch der Militärregierung und der deutschen politischen Stellen hinzugezogen, doch konnte ihre Arbeit im Ergebnis fast nur in technischer Hinsicht zur Geltung kommen. Alle sachlich wesentlichen Gegenvorschläge der deutschen Sachverständigen mussten [...] abgelehnt werden, da die Militärregierungen die Verantwortung für deren Verwirklichung nicht glaubten übernehmen zu können."

Durchführung

Am Abend des 18. Juni 1948 erfuhr die deutsche Öffentlichkeit die Einzelheiten der Reform. Mit dem Verfall der Reichsmark am 20. Juni 1948 waren alle Schulden des Reiches erloschen. Private Verbindlichkeiten und alle Bank- und Sparguthaben wurden im Verhältnis zehn zu eins abgewertet. Als "Kopfquote" waren sechzig Deutsche Mark in bar für jeden Einwohner der drei Westzonen - Neugeborene eingeschlossen - vorgesehen, und zwar im Umtausch gegen sechzig Reichsmark. Vierzig D-Mark wurden sofort, also am 20. Juni 1948, gegen Vorzeigen der Kennkarte und Lebensmittelkarte und Ablieferung von sechzig Reichsmark ausbezahlt. Die restlichen zwanzig D-Mark sollten innerhalb der nächsten vier Wochen ausbezahlt werden, tatsächlich wurden sie aber erst im August freigegeben, um den Markt nicht durch zu starke Kaufkraft zu belasten. Das Kleingeld blieb, auf ein Zehntel seines Nennwerts herabgesetzt, im Umlauf: Alte Einmarkscheine galten wie Zehnpfennigstücke und alte Groschen vertraten die neuen Pfennige. Neues Münzgeld blieb noch lange Mangelware.

Rein rechnerisch ergab sich nach der Umstellung der Bankguthaben und der anmeldepflichtigen Altgeldbestände eine Umtauschrelation von hundert Reichsmark zu sechs D-Mark und fünfzig Pfennigen. Das wusste man freilich erst nach Abschluss aller Prozeduren, da die Bearbeitung der Fragebogen, auf denen alle Vermögenswerte angegeben werden mussten, viel Zeit in Anspruch nahm. Wer mehr als fünftausend Reichsmark anmeldete, brauchte eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Finanzamt, und dazu wurden Steuererklärungen und Einkommensnachweise durchleuchtet. Manche Schwarzhändler und Schieber zogen es damals vor, ihr altes Geld, dessen Herkunft zu deklarieren peinliche Folgen gehabt hätte, bündelweise zu vernichten. Wer zum Beispiel tausend Reichsmark auf der Bank hatte, erhielt ohne weiteres fünfzig D-Mark, die auf ein Sperrkonto kamen. Die Entscheidung darüber, ob dieses Geld freigegeben würde, blieb zunächst offen. Zur Enttäuschung der Kontoinhaber wurden siebzig Prozent der gesperrten Guthaben schließlich gestrichen, sodass - um auf das Beispiel zurückzukommen - von tausend Reichsmark am Ende nur noch fünfundsechzig D-Mark übrigblieben.