Deutschland 1945-1949

13.7.2005 | Von:

Wirtschaftsentwicklung von 1945 bis 1949

Das Datum des "Tages X" war so lang wie möglich auch vor den deutschen Politikern geheimgehalten worden. Trotzdem wurde, weil alle ahnten, was bevorstand, in den Tagen vor dem 20. Juni in den Läden nichts mehr angeboten. Während die Geschäftsleute ihre Waren horteten, versuchte jeder, für seine wertlosen Reichsmark noch irgendetwas zu erhandeln. Nach dem 20. Juni 1948 änderte sich die Situation schlagartig. Die Lager wurden geöffnet, die Schaufenster waren gefüllt. Die Preise stiegen. Der Schwarze Markt brach zusammen.

Die Währungsreform begünstigte einseitig die Besitzer von Sachwerten und kam einer weitgehenden Enteignung der Geldwertbesitzer gleich, weil das Eigentum an Grund und Boden, an Produktionsmitteln und Waren von der Neuordnung unberührt blieb. Trotz der Beteuerungen aller Parteien, dass ein gerechter Lastenausgleich zu den dringlichsten Aufgaben gehöre, dauerte es aber noch Jahre, bis die ärgsten Härten durch entsprechende Gesetze gemildert wurden. Zur gleichmäßigen Verteilung von Kriegs- und Kriegsfolgelasten und zur Linderung sozialer Härten trat im September 1952 in der Bundesrepublik Deutschland das Lastenausgleichsgesetz in Kraft, das vor allem durch Abgaben auf Grund- und Immobilienbesitz Aufbaudarlehen für Ausgebombte, Siedlungshilfe für Flüchtlinge, Investitionshilfen zur Existenzgründung ermöglichte (vgl. auch "Informationen zur politischen Bildung" Nr. 256 "Deutschland in den fünfziger Jahren").

In der sowjetischen Zone gab es drei Tage später eine eigene Währungsreform: Sie war improvisiert als Reaktion auf den Westen. Da neue Banknoten in der SBZ nicht zur Verfügung standen, wurden die alten Reichsmark-Scheine mit Coupons überklebt. Im Volksmund hieß das Geld deshalb "Tapetenmark". Die Währungsreform war in der Ostzone, da die dortige Besatzungsmacht schon 1945 Sparguthaben stillgelegt und damit etwa siebzig Milliarden Reichsmark aus dem Verkehr gezogen hatte, weniger dringlich gewesen. Sie machte aber die Spaltung Deutschlands umso deutlicher und endgültig sichtbar. Denn gleichzeitig mit der Währungsreform waren in der Bizone auch die Weichen für eine andere Wirtschaftsordnung gestellt worden.

Start in die Marktwirtschaft

Während in der sowjetischen Zone die Aufgabe der Zentralverwaltungswirtschaft mit staatlich gelenkten Produktionsplänen, Preisen und Löhnen gar nicht zur Debatte stand, bekannte sich die Bizone zur wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft. Das erschien 1948 als atemberaubendes Experiment, das von vielen mit Argwohn und Skepsis beobachtet wurde. Verantwortlich für den kühnen Schritt war Ludwig Erhard, der im März 1948 auf Vorschlag der FDP mit den Stimmen der CDU/CSU vom Frankfurter Wirtschaftsrat zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt worden war, zum "Wirtschaftsminister" der Bizone also. Vom Wirtschaftsrat, dem Bizonen-Parlament, ließ sich Erhard im Juni 1948 die nötigen Vollmachten zum Abbau der Zwangswirtschaft geben, in Gestalt eines "Gesetzes über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform". Es trat 1948 zugleich mit der Währungsreform in Kraft und war eines der eigenartigsten Gesetze, die in der Ära des Bizonen-Parlaments verabschiedet wurden, weil es mehr ein in die Zukunft weisendes Programm als ein in Paragraphen gekleideter Normenkatalog war.

Quellentext

Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform, 24. Juni 1948

Aus dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft hat sich ein Zustand ergeben, der die wirtschaftlichen Energien gelähmt, sie in eine dem Gemeinwohl schädliche Richtung gelenkt und zu großen sozialen Ungerechtigkeiten geführt hat.

Die Geldreform soll diese unheilvolle Entwicklung überwinden helfen, indem sie die natürliche Beziehung zwischen Leistung und Gegenleistung wiederherstellt, damit den Bezieher von Arbeitseinkommen zum bevorzugten Käufer macht und so die Voraussetzungen für eine Steigerung der Arbeitsleistung und der Produktion schafft.
Indem die Kaufkraft im wesentlichen auf den Betrag der in der laufenden Erzeugung entstehenden Arbeitseinkommen beschränkt wird, wird die bisher durch die großen Geldhorte aufgeblähte Nachfrage auf ihr berechtigtes Ausmaß zurückgeführt. Zugleich wird das Warenangebot durch Auflösung der gehorteten Bestände vergrößert. Die bisherigen inflationistischen Tendenzen werden unterbunden.
Das aus der Vergangenheit stammende, kaum noch wirksame Zwangssystem kann daher, insbesondere unter Berücksichtigung des anlaufenden Marshall-Plans, aufgelockert, der Markt stärker zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit in Erzeugung und Verteilung eingesetzt werden. Die wirtschaftlichen und sozialen Notwendigkeiten gehen somit Hand in Hand, da eine bessere Versorgung der breiten Massen nicht ohne Anspannung aller produktiven Kräfte, eine vollständige Ausnutzung aller produktiven Kräfte nicht ohne bessere Versorgung der breiten Massen möglich ist. Daraus folgt, daß die Wirtschaftspolitik wirtschaftliche und soziale Gesichtspunkte in gleicher Weise in Betracht zu ziehen hat.
Die Auflockerung des staatlichen Warenverteilungs- und Preisfestsetzungssystems findet ihre Grenze dort, wo es darauf ankommt,
1. den Schutz des wirtschaftlich Schwächeren zu gewährleisten,
2. die Durchführung von Wirtschaftsprogrammen im öffentlichen Interesse sicherzustellen,
3. die Ausnutzung einer Mangellage durch monopolistische Einflüsse zu unterbinden.
Um die damit umrissenen Aufgaben zu erfüllen [...], bedarf die Wirtschaftsverwaltung [...] ausreichender Eingriffsmöglichkeiten, die eine schnell und nachdrücklich wirkende Lenkung der vorher nicht übersehbaren wirtschaftlichen Vorgänge im Rahmen der nachfolgenden Leitsätze und zu deren Verwirklichung gestatten.

Leitsätze

I.
1. Der Freigabe aus der Bewirtschaftung ist vor ihrer Beibehaltung der Vorzug zu geben.
2. Die Hauptnahrungsmittel und die Rohstoffe, die eine wesentliche Grundlage für die gewerbliche und landwirtschaftliche Gütererzeugung bilden, sind zur Erzielung eines planmäßigen Einsatzes dieser Güter weiterhin zu bewirtschaften.
3. Die Freigabe von Getreide und Getreideerzeugnissen, Milch und Milcherzeugnissen, Kartoffeln, Fleisch und Fett, von Kohle, Eisen, Stahl aus der Bewirtschaftung bedarf in jedem Falle der vorherigen Genehmigung durch den Wirtschaftsrat.
4. Textilwaren, die der Bekleidung dienen, Schuhe und Seifen können als für den unmittelbaren menschlichen Bedarf lebensnotwendig einer Verbrauchsregelung unterworfen bleiben. [...]
6. Die Einschaltung des Behördenapparates bei der Durchführung der Bewirtschaftung ist auf ein Mindestmaß einzuschränken. An die Stelle des Bezugscheinsystems mit individueller Bedürfnisprüfung tritt die allgemeine Bezugskarte (Punktkarte), die je nach der Vorratslage durch allgemeine Aufrufe zum Bezuge der bewirtschafteten Güter berechtigt. [...]
II.
1. Der Freigabe der Preise ist vor der behördlichen Festsetzung der Vorzug zu geben.
2. Die Preise für die Hauptnahrungsmittel und die Rohstoffe, die eine wesentliche Grundlage für die gewerbliche und landwirtschaftliche Gütererzeugung bilden, sowie die Mieten und Verkehrstarife sind behördlich festzusetzen.
3. Die Festsetzung und die Freigabe der Preise für Getreide und Getreideerzeugnisse, Milch und Milcherzeugnisse, Kartoffeln, Fleisch und Fett, für Kohle, Eisen, Stahl, Gas und Elektrizität bedarf der vorherigen Genehmigung durch den Wirtschaftsrat.
4. Wo Preise behördlich gebunden werden, sind sie als Höchstpreise festzusetzen. [...]
5. Alle Preise - auch die freigegebenen - sind behördlich zu überwachen. Wer Höchstpreise überschreitet oder wirtschaftliche Überlegenheit oder ein im Verhältnis zur Nachfrage geringes Angebot mißbraucht oder wer Waren zurückbehält in der Absicht, die Preise zu steigern, ist streng zu bestrafen, [...]
III.
Soweit der Staat den Verkehr mit Waren und Leistungen nicht regelt, ist dem Grundsatz des Leistungswettbewerbs Geltung zu verschaffen. Bilden sich wirtschaftliche Monopole, so sind sie zu beseitigen und bis dahin staatlicher Aufsicht zu unterstellen. [...]
Klaus-Jörg Ruhl (Hg.), Neubeginn und Restauration. München 1982, S. 430 ff.

In rascher Folge wurden mit Hilfe des Leitsätzegesetzes ab 20. Juni 1948 die Preis-Rationierungsvorschriften in der Bizone aufgehoben. Nur besonders wichtige Güter blieben noch eine Zeitlang mit festgesetzten Höchstpreisen bewirtschaftet, darunter Kohle, Stahl, Düngemittel, Treibstoff. Auch für Grundnahrungsmittel und Mieten gab es noch überwachte Festpreise. Die Rationierung von Kartoffeln wurde schon im Oktober 1946 aufgehoben, Zucker blieb dagegen bis April 1950 bewirtschaftet, Benzin blieb bis 1951, Kohle bis 1952 rationiert.

In den ersten Monaten nach der Währungsreform schien es, als würden die Skeptiker recht behalten, die Erhards Kurs für falsch hielten. Solche gab es auch in den Reihen von CDU und CSU. Die Schere zwischen Löhnen und Preisen ging nach der Währungsreform erst einmal weit auf, die Leidtragenden waren die Lohnabhängigen. Die Marktwirtschaft, bei der sich Angebot und Nachfrage durch freie Preise gegenseitig regulieren, war mit dem Kaufkraftstoß zu plötzlich über die Bevölkerung hereingebrochen. Weder Käufer noch Verkäufer zeigten sich der Situation gewachsen. In den ersten Tagen waren die Läden leer gekauft worden, dann reagierten die ratlosen Konsumenten erbost gegen die Hektik, mit der die Preise in die Höhe kletterten. Ein großer Teil der Presse verlangte den Abbruch des marktwirtschaftlichen Experiments und die Entfernung des allem Anschein nach unfähigen Politikers Erhard. Im Frankfurter Wirtschaftsrat stellte die Opposition im Sommer und Herbst 1948 zweimal Misstrauensanträge gegen ihn.

Freie MarktwirtschaftFreie Marktwirtschaft
Die Gewerkschaften der britischen und amerikanischen Zone - die viereinhalb Millionen organisierte Arbeiter repräsentierten riefen schließlich im November 1948 zum Generalstreik"gegen die Anarchie auf den Warenmärkteund gegen das weitere Auseinanderklaffenvon Löhnen und Preisen" auf. Etwa neun Millionen Arbeiter folgten der Aufforderung am 12. November 1948 und demonstrierten mit einer 24-stündigen Arbeitsniederlegung gegen die Marktwirtschaft. Der Höhepunkt des Protestes war mit dieser Aktion im November 1948 erreicht. Die Auseinandersetzungen um die Wirtschaftsordnung dauerten nach wie vor an, sie standen ein halbes Jahr später im Mittelpunkt des Wahlkampfes für den ersten Deutschen Bundestag. Zu diesem Zeitpunkt war Ludwig Erhard aber schon die "Wahllokomotive" der CDU/CSU, weil sich der Erfolg der Frankfurter Wirtschaftspolitik bereits gezeigt hatte. Das westdeutsche "Wirtschaftswunder" hatte begonnen.