Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 1)

Ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik 1945 bis 1961

"Wirtschaftswunder"

Der Durchbruch zum "selbsttragenden" Wachstum gelang in der ersten Hälfte des Jahres 1952. Charakteristisch für das folgende Jahrzehnt waren außergewöhnliche Steigerungsraten des Bruttosozialprodukts und des Außenhandels - Erfolge, die im In- und Ausland bald als "Wirtschaftswunder" apostrophiert wurden. Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard mochte diesen Begriff freilich nicht, war er doch geeignet, die eigentlichen Ursachen des Aufschwungs - dazu zählte für ihn auch sein Wirtschaftsprogramm - zu verschleiern.

Wachstum

Zwischen 1950 und 1960 stieg der Index des Bruttosozialprodukts von 100 auf 215; in Preisen von 1954 ausgedrückt, bedeutete dies einen Anstieg von 113 auf 235 Milliarden DM. Die jährlichen Steigerungsraten betrugen durchschnittlich 7,6 Prozent; ein Rekordergebnis mit 11,5 Prozent wurde 1955 erreicht. Im selben Zeitraum wuchs die Industrieproduktion um 149 Prozent, die für den Export wichtige Investitionsgüterindustrie verzeichnete sogar einen Zuwachs von über 220 Prozent. Die Investitionen stiegen von 1952 bis 1960 um 120 Prozent. Der Wert der Aus- und Einfuhren verdoppelte sich von 17 auf 37 bzw. 16 auf 31 Milliarden DM.

Dieses außergewöhnliche Wachstum läßt sich folgendermaßen erklären: Die Währungs- und Wirtschaftsreform hatte ihm den Boden bereitet, die Exporterfolge aufgrund des internationalen Korea-Booms gaben ihm die wesentlichen Impulse, und die Investitionen verliehen ihm Beständigkeit. Daß die Bundesrepublik die Chance, welche der Export Anfang der fünfziger Jahre bot, auch tatsächlich nutzen konnte, verdankte sie ihrer auf die spezifischen Weltmarktbedürfnisse zugeschnittenen Industriestruktur, den großen Kapazitätsreserven sowie der großen Zahl hochqualifizierter und hochmotivierter Arbeitskräfte.

Zusätzlich profitierte die westdeutsche Industrie davon, daß die westlichen Länder während des Korea-Krieges ihre Rüstungsproduktion auf Kosten des zivilen Sektors ausbauten. Da der Wiedereinstieg in das Rüstungsgeschäft durch alliierte Verbote zunächst blockiert war, konnten sich die westdeutschen Unternehmen darauf konzentrieren, die Auslandsnachfrage nach Investitions- und Konsumgütern zu befriedigen. Ihre Produkte waren aber auch deshalb attraktiv, weil sie nicht in - überall in Westeuropa knappen - Dollars bezahlt werden mußten. So wuchs das Ausfuhrvolumen beispielsweise nach Frankreich zwischen 1952 und 1958 von 1 auf 2,1 Milliarden und nach Großbritannien von 900 Millionen auf 1,4 Milliarden DM.

Strukturwandel

Der Boom war verbunden mit Verschiebungen zwischen den und innerhalb der einzelnen Wirtschaftssektoren. Gewinnerin der Umschichtungen war die Industrie, die große Verliererin die Landwirtschaft. Dieser Strukturwandel läßt sich anhand mehrerer Indikatoren verdeutlichen: Während der Anteil der Landwirtschaft an der Beschäftigung von 24 auf 14 Prozent sank, verbesserte sich die Industrie von 43 auf 48 Prozent und der Dienstleistungssektor von 33 auf 38 Prozent. Noch deutlicher wird die Dominanz der Industrie, vergleicht man die Produktionsentwicklung. Hier verzeichnete die Industrie zwischen 1950 und 1963 einen Zuwachs von 185 Prozent, Handel und Verkehr brachten es immerhin auf 126 Prozent, während die Landwirtschaft mit lediglich 43 Prozent klar zurücklag. Damit konnte die Industrie ihren Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 47,3 im Jahr 1950 auf 55,6 im Jahr 1960 erhöhen; insbesondere die verarbeitenden Sparten - an der Spitze die Chemieindustrie, der Maschinenbau, die Automobilindustrie und die Elektrotechnik - avancierten nach Bedeutung und Wachstumstempo zum "Motor der Expansion" (Gerold Ambrosius) der westdeutschen Wirtschaft. Das "Wirtschaftswunder" war in der Bundesrepublik also in erster Linie ein "Industriewunder".

Das dynamische Wachstum des industriellen Sektors blieb verständlicherweise nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis der einzelnen Branchen zueinander. Erwirtschafteten die vier Bereiche Bergbau und Nahrungsmittel, Grundstoff- und Produktionsgüter, Investitionsgüter und Konsumgüter 1950 jeweils etwa ein Viertel der Gesamtproduktion, kamen die Produktions- und die Investitionsgüterindustrien zehn Jahre später mit 29 bzw. 34 Prozent zusammen auf einen Anteil von fast zwei Dritteln. Überdurchschnittlich wuchsen die besonders innovationsfreudigen Branchen: die kunststoffverarbeitende Industrie, die Automobilindustrie, die Mineralölverarbeitung, die elektrotechnische und die chemische Industrie, der Fahrzeug- und der Maschinenbau. Fundierte Berechnungen haben ergeben, daß sich das Wachstum in den fünfziger Jahren etwa zur Hälfte auf technische und organisatorische Fortschritte zurückführen läßt.

Im Zeichen eines expansiven wirtschaftlichen Wiederaufbaus hingen Produktion und Beschäftigung noch eng zusammen: So stieg die Zahl der Arbeitsplätze im Maschinenbau und in der elektrotechnischen Industrie zwischen 1950 und 1960 jeweils um fast eine halbe Million; prozentual lag die kunststoffverarbeitende Industrie mit einem Zuwachs von 285 Prozent hingegen einsam an der Spitze vor der elektrotechnischen Industrie mit 173 und dem Maschinen- sowie dem Fahrzeugbau mit jeweils etwa 100 Prozent.

Technischer Fortschritt

Verglichen mit dem stürmischen Wirtschaftswachstum verlief die technologische Entwicklung unspektakulär. Technischer Fortschritt erschöpft sich nicht allein in der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien, sondern schließt auch die Verbesserung erprobter Produkte oder Verfahren und neue Kombinationen älteren Wissens ein. Charakteristisch für die westdeutsche Entwicklung in diesem Zeitraum waren technisch anspruchsvolle Produkte von hoher Qualität und langer Lebensdauer. Angesichts der bemerkenswerten Exporterfolge fehlten die erforderlichen Impulse zu einer Kurskorrektur, die notwendig gewesen wäre, um in zukunftsträchtigen High-Tech-Sparten wie der Datenverarbeitung einen Spitzenplatz und damit neue Märkte zu erobern; überdies scheiterten deutsche Ingenieure und Unternehmer bei dem Versuch, in Spitzentechnologiesektoren Fuß zu fassen, zweimal: in der Luftfahrt mit einem Senkrechtstarter und in der Kernenergie mit dem Schwerwasserreaktor. Anders als in der Zeit nach der Ölkrise konzentrierte man sich noch ganz auf energie-, rohstoff- und kapitalintensive Technologien, "Produktinnovationen" rangierten deutlich vor "Prozeßinnovationen", das heißt vor der Entwicklung neuer, kostensparender Herstellungsverfahren.

Für einen gewissen Umschwung sorgte erst der "Sputnik-Schock" von 1957. Mit dem erfolgreichen Einstieg in die unbemannte Raumfahrt zerstörte die Sowjetunion auf einen Schlag das in der westlichen Welt verbreitete Gefühl der eigenen technischen Überlegenheit. Schlagartig geriet der Rückstand in der deutschen Hochtechnologie ins öffentliche Bewußtsein der Deutschen. Die Ausgaben der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung (FuE) stiegen von 200 Millionen DM (1950) über 600 Millionen (1955) auf 1,6 Milliarden DM (1960); die öffentlichen Aufwendungen erreichten ungefähr die gleiche Höhe. Bereits zuvor hatte die Gründung des Ministeriums für Atomfragen im Jahr 1955 den Beginn einer gezielten staatlichen Technologiepolitik markiert; Förderschwerpunkte waren neben der Kernenergie die Luftfahrt- und Weltraumtechnologie. Ungeachtet dieses privaten und staatlichen Engagements herrschte in der westdeutschen Industrie bemerkenswerterweise kein Konsens über die Notwendigkeit verstärkter FuE-Aktivitäten, von dem Bereich der Reaktortechnologie einmal abgesehen.