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Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 1)

Ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik 1945 bis 1961

Wirtschaftsordnung

Wiichtigste Voraussetzung einer marktwirtschaftlich-sozialstaatlichen Ordnung war nach Ansicht Ludwig Erhards und seiner Anhänger ein funktionierender Leistungswettbewerb, der andere als marktkonforme oder aus sozialen Gründen gebotene staatliche Eingriffe ebenso ausschloß wie privatwirtschaftlichen Dirigismus. Unmittelbar nach der Amtsübernahme ging Bundeswirtschaftsminister Erhard deshalb daran, dafür den gesetzlichen Rahmen zu schaffen.

Der Streit mit der Industrie um eine Anti-Kartell-Gesetzgebung konzentrierte sich bald auf die Frage, ob ein prinzipielles Kartellverbot angestrebt werden sollte oder lediglich, wie die Industrie wünschte, eine Mißbrauchsregelung für den Fall, daß Kartelle sich nicht an die gesetzlichen Vorschriften hielten oder den Wettbewerb völlig unterbanden.

Wegen des anhaltenden Streits zwischen Erhard und der Industrie konnte das "Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen" erst 1957 im Bundestag verabschiedet werden. Ungeachtet eines generellen Kartellverbots wurden zahlreiche Ausnahmen erlaubt: Konditionen-, Strukturkrisen-, Rationalisierungs-, Export- und Importkartelle; alle anderen Kartelle bedurften der Genehmigung des Wirtschaftsministers. Beide Seiten hatten also Abstriche hinnehmen müssen.

Aufgrund seines Kompromißcharakters und weil es keine Handhabe gegen Unternehmenszusammenschlüsse bot, vermochte das Kartellgesetz den in den sechziger Jahren einsetzenden Rekonzentrationsprozeß nicht nennenswert zu stören. Daß die westdeutsche Industrie in den folgenden Jahrzehnten dennoch wettbewerblich organisiert und damit im großen und ganzen auch wettbewerbsfähig blieb, war eher dem internationalen Konkurrenzdruck zu verdanken. Obgleich die Rede vom "Grundgesetz" der Sozialen Marktwirtschaft vor diesem Hintergrund übertrieben erscheint, dürfte die langanhaltende öffentliche Debatte das ordnungspolitische Selbstverständnis der Bundesrepublik entscheidend geprägt haben.

Durchschnittliche Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts von annähernd acht Prozent könnten den Eindruck einer wirtschaftlichen Dynamik entstehen lassen, die keinerlei steuernder Eingriffe bedurft hätte. Konjunkturfördernde Maßnahmen waren in den fünfziger Jahren in der Tat kaum erforderlich, konjunkturdämpfende allerdings sehr wohl: Die große Herausforderung bestand in der "Meisterung der Hochkonjunktur", wollte man den gewohnten, große wirtschaftliche und soziale Probleme erzeugenden Zyklus von Boom, Abschwung, Krise und Aufschwung endlich überwinden. Der Bundeswirtschaftsminister suchte dieser Aufgabe in Zusammenarbeit mit der Bank deutscher Länder bzw. der Bundesbank durch eine Kombination steuer-, kredit- und geldpolitischer Maßnahmen gerecht zu werden.

Flankiert wurden die Aktivitäten durch die berühmten Erhardschen "Maßhalteappelle". Von den Gewerkschaften forderte er Zurückhaltung bei den Löhnen, von den Unternehmern bei den Preisen, von den Verbrauchern beim Konsum. Zweimal, 1956 und 1961, waren diese Versuche einer "antizyklischen" Konjunkturpolitik "mit erhobenem Zeigefinger" erfolgreich. Dennoch blieb Erhard, seinem demonstrativ zur Schau getragenen Optimismus zum Trotz, besorgt, daß im "gleichen Maße, in dem durch die Mehrung des Wohlstands die soziale Sicherheit aus eigener Kraft sich verbessert und die Gleichförmigkeit einer nicht mehr von Risiken bedrohten, ständigen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung das Gespenst sozialer Notstände gebannt hat, der Schrei nach immer mehr kollektiver Sicherheit nur immer lauter erschallt."