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Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 1)

Ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik 1945 bis 1961

Europäische und weltwirtschaftliche Integration

Zum Abschluß dieses Kapitels soll noch der Anteil der internationalen Zusammenarbeit am "Wirtschaftswunder" in der Bundesrepublik Deutschland untersucht werden. Obwohl eine exakte Quantifizierung nicht möglich ist, kann doch kein Zweifel bestehen, daß ohne die Bereitschaft der Vereinigten Staaten und der westeuropäischen Staaten, dem einstigen Kriegsgegner zu helfen, ein Aufschwung in diesem Ausmaß und in diesem Tempo kaum denkbar gewesen wäre.

Die Wiederaufbauhilfe setzte ein mit dem vom damaligen amerikanischen Außenminister George Marshall initiierten European Recovery Program, einem Hilfsprogramm für Europa. Aus diesem Programm erhielt Westdeutschland zwischen 1948 und 1952 insgesamt 1,4 Milliarden Dollar, entsprechend 10 Prozent des Gesamtvolumens. Dieser Beitrag wurde für Einkäufe in den USA - hauptsächlich Nahrungs- und Futtermittel sowie Industrierohstoffe - verwendet; 1949 wurden auf diese Weise über ein Drittel, 1950 immerhin noch fast ein Fünftel aller westdeutschen Importe finanziert. Noch wichtiger dürfte indes der psychologische Effekt der nach ihrem Initiator benannten Marshallhilfe gewesen sein, vermittelte sie den Westdeutschen doch erstmals nach Kriegsende die Gewißheit, zum "Westen" zu gehören.

Der Beitrag der OEEC, die ursprünglich gegründet worden war, um die Verteilung der Marshallplanmittel zu regeln, bestand vor allem darin, daß sie die koordinierte Befreiung des Handels von Mengenbeschränkungen und, mit Hilfe der unter ihrem Dach operierenden Europäischen Zahlungsunion, die gemeinsame Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedsländern erlaubte: Hatte bis zu diesem Zeitpunkt jeder Staat auf eine ausgeglichene Zahlungsbilanz mit jedem seiner Handelspartner geachtet, war es nun möglich, sämtliche Schulden und Guthaben innerhalb der EZU gegeneinander zu verrechnen.

Für eine Wiederbelebung des Handelsverkehrs in Westeuropa war dies unerläßlich, und die Bundesrepublik, die vom Außenhandel abhängig war, profitierte davon: 1950 kamen 52,4 Prozent der Importe aus Westeuropa, 1960 waren es 54 Prozent; die Zahlen für die Exporte - 72 bzw. 63,5 Prozent - unterstreichen die Bedeutung des westeuropäischen Marktes sogar noch eindrucksvoller. Obwohl diese Orientierung langfristig auch Nachteile in sich barg, weil sie das Engagement auf anderen wichtigen Märkten bremste, war sie für die Rückkehr Westdeutschlands in den Kreis der Wirtschaftsmächte lebenswichtig. Nicht vergessen werden darf ferner, daß die bereits erwähnte Zahlungsbilanzkrise von 1950/51 nur dank der Hilfe der EZU so rasch überwunden werden konnte.

War die OEEC erfolgreich bemüht, die Kooperation auf dem Gebiet des Handels- und Zahlungsverkehrs zu intensivieren, wurde 1952 mit dem Inkrafttreten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) ein anderer Weg eingeschlagen: die supranationale Lenkung der Montanindustrien Frankreichs, Westdeutschlands, Italiens und der Benelux-Staaten durch eine "Hohe Behörde", an die jedes Mitgliedsland bestimmte wirtschaftspolitische Kompetenzen abtrat. Die EGKS sollte "die rationellste Verteilung der Erzeugung auf dem höchsten Leistungsstande sichern", wie es im Vertrag hieß, und auf diese Weise zur Ausweitung der Wirtschaft, zur Steigerung der Beschäftigung und zur Erhöhung des Lebensstandards beitragen. Obwohl ihre Effekte auf die Produktion kaum exakt zu quantifizieren sind, läßt sich doch feststellen, daß Westdeutschland seinen Anteil an der Steinkohlen- bzw. an der Rohstahlerzeugung Westeuropas zwischen 1948 und 1957 von 22 auf 28 bzw. von 14,6 auf 29,8 Prozent steigern konnte. Diese Zahlen blieben zwar deutlich hinter denen von 1937 - 35,6 bzw. 40,2 Prozent - zurück, doch wären ohne die EGKS und die damit verbundene Aufhebung der alliierten Restriktionen für die Stahlproduktion mit Sicherheit nicht einmal diese Marken in so kurzer Zeit erreicht worden.

Die Integration der sechs EGKS-Staaten wurde mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) fortgesetzt. 1957 wurden in Rom die Gründungsverträge (Römische Verträge) unterzeichnet. Im Januar 1958 traten sie in Kraft. Die EWG, die wichtigere der beiden Organisationen, erstreckte sich im Gegensatz zur EGKS auf alle Wirtschaftsbereiche, doch fehlten ihr deren ausgeprägt supranationale Entscheidungsstrukturen. Ihre Hauptziele waren der Abbau aller Hindernisse für den internen Waren- und Dienstleistungsverkehr, Freizügigkeit für Kapital und Arbeit, ein gemeinsamer Agrarmarkt, ein gemeinsamer Außenzoll sowie eine teilweise Harmonisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Teilnehmerländer. Daß es der Bundesregierung weitgehend gelang, die EWG nach ihren marktwirtschaftlichen, freihändlerischen Vorstellungen zu gestalten, spiegelte den in den fünfziger Jahren ständig wachsenden deutschen Einfluß in Westeuropa wider und war eine wichtige Voraussetzung dafür, daß die Liberalisierungspolitik in der EWG fortgesetzt werden konnte. Die Folge war ein beschleunigtes Wachstum des Handels innerhalb der Gemeinschaft. So stieg beispielsweise der Anteil der EWG-Länder am westdeutschen Export kontinuierlich von 27 auf über 40 Prozent.

Weltmarkt und Konvertibilität

Die Konzentration des Handelsaustauschs auf Westeuropa im allgemeinen, auf die EWG im besonderen stand in einem gewissen Gegensatz zur offiziellen Parole von der "Rückkehr zum Weltmarkt", so der Titel eines 1953 erschienenen Buches von Ludwig Erhard. Zwar rückte die Bundesrepublik Mitte der fünfziger Jahre auf den dritten Rang unter den Welthandelsnationen vor, zog 1958 mit Großbritannien gleich und belegte 1960 bereits den zweiten Platz hinter den USA; von einer gleichmäßigen Präsenz auf den Weltmärkten konnte dennoch keine Rede sein. Die Rückkehr auf den nordamerikanischen Markt, dessen Anteil am deutschen Export allerdings traditionellerweise niedrig war und 1960 gerade neun Prozent betrug, ging nämlich sehr langsam vonstatten; auch der frühere Anteil Lateinamerikas, Asiens und Afrikas wurde bis 1960 nicht ganz erreicht.

Der eigentliche Einbruch gegenüber der Vorkriegszeit erfolgte jedoch im Austausch mit Osteuropa. Hatte Deutschland 1937 noch 17 Prozent der Ein- und 16 Prozent der Ausfuhren mit Osteuropa abgewickelt, waren es 1960 nur noch jeweils vier Prozent. Dafür waren freilich weder das Versagen der westdeutschen Exporteure noch Qualitätsmängel verantwortlich, sondern vor allem politische Gründe: der Ost-West-Konflikt und die von den USA durchgesetzten Handelsrestriktionen gegenüber dem Ostblock. Immerhin konnte die Bundesrepublik den generellen Aufschwung im Osthandel zwischen 1953 und 1958 am besten nutzen. Ab 1957 übernahm die Bundesrepublik die Spitzenposition. Ermöglicht wurde dieser Erfolg hauptsächlich durch die auf den Investitionsgüterbedarf der dortigen Kunden zugeschnittene Produktpalette der westdeutschen Industrie.

Besondere Bedingungen galten für die innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen, die 1951 vertraglich geregelt wurden. Zum einen erstreckte sich das "Interzonenhandelsabkommen" (Berliner Abkommen) nicht auf Staaten (da seitens der Bundesrepublik Deutschland die DDR nicht als fremdes Wirtschaftsgebiet galt), sondern auf die beiden Währungsgebiete DM-West und Mark-Ost. Zum anderen sah es ausschließlich bilaterale Handelsbeziehungen vor, die mittels einer Verrechnungseinheit abgewickelt werden mußten; schließlich sollte ein zinsloser Überziehungskredit (Swing) in Höhe von 200 Millionen Verrechnungseinheiten, der allerdings fast ausnahmslos von der DDR in Anspruch genommen wurde, für einen permanenten Ausgleich der Salden sorgen. Der Handel mit der DDR unterlag den gleichen Embargorichtlinien wie der Osthandel insgesamt. Während er für die DDR mit einem Anteil von etwa 15 Prozent am gesamten Außenhandel von existentieller Bedeutung war, fiel er für die Bundesrepublik mit weniger als zwei Prozent ökonomisch kaum ins Gewicht.

Bis Anfang 1959 fehlte auch eine wichtige Voraussetzung eines ungehinderten, weltweiten Handels - die Konvertibilität der D-Mark. Die Möglichkeit eines uneingeschränkten Umtauschs einer Währung in ausländisches Geld oder in Gold ist bei "normalen" internationalen Wirtschaftsbeziehungen nichts Besonderes. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren jedoch die meisten westeuropäischen Länder von der währungspolitischen Normalität weit entfernt. Der Handel erfolgte auf "bilateraler" Basis, jede Seite erklärte sich bereit, die Währung des Partnerlandes zu einem festgelegten Wechselkurs und bis zu einer vereinbarten Höhe gegen eigene Währung anzukaufen; ergänzend wurden Abkommen über wechselseitig erwünschte Warenlieferungen getroffen. Auf Druck der USA, die möglichst schnell zum Freihandel zurückkehren wollten, hatte Großbritannien schon 1947 den Versuch gewagt, das Pfund Sterling gegenüber dem Dollar konvertibel zu machen - und war gescheitert. Erhard blieb davon jedoch unbeeindruckt; angesichts steigender Devisen- und Goldreserven der Bank Deutscher Länder, hoher Wachstumsraten und innerer Geldwertstabilität machte er sich zum unermüdlichen Fürsprecher einer raschen Rückkehr zur Konvertierbarkeit. Vor einem deutschen Alleingang schreckte er allerdings doch zurück, zumal zahlreiche Experten vor einem solchen Schritt warnten. So dauerte es bis Dezember 1958, ehe erneut Großbritannien die Initiative ergriff; die meisten anderen westeuropäischen Länder folgten umgehend.

Ganz ohne bestimmte Regeln und Institutionen, das lehrte die Erfahrung, waren ein freier Welthandel und geordnete internationale Währungsbeziehungen jedoch nicht zu verwirklichen. Die Bundesregierung trug dieser Einsicht Rechnung, indem sie den entsprechenden Organisationen beitrat: 1951 dem General Agreement on Tariffs and Trade (GATT), 1952 dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Das GATT verpflichtete seine Mitglieder dazu, alle Partnerländer handelspolitisch gleich zu behandeln (Meistbegünstigung); der IWF bemühte sich um eine stabile Währungsordnung und um ein multilaterales, handelsförderndes Zahlungssystem. In beiden Institutionen spielte die Bundesrepublik dank ihrer liberalen Handelspolitik und ihrer stabilen Währung eine wichtige Rolle.

Bedeutung des "Wirtschaftswunders"

Alles in allem war die Boom-Phase, die ja noch bis Anfang der siebziger Jahre dauerte, eine Zeit grundlegender Weichenstellungen. Die Soziale Marktwirtschaft entwickelte sich vor allem dank wachsenden Wohlstands zur allseits anerkannten Wirtschaftsordnung, ein auf Konsens angelegtes Modell der sozialpolitischen Interessenregulierung setzte sich durch, die De-Agrarisierung erhielt einen kräftigen Schub, die Verflechtung der westeuropäischen Volkswirtschaften erreichte eine neue Intensität. Das "Wunder" hatte aber auch seine Schattenseiten - es verdeckte wirtschaftsstrukturelle Fehlentwicklungen, insbesondere die "Überindustrialisierung", und förderte das Anspruchsdenken. Zu übertriebenem Stolz bestand ohnehin kein Anlaß: Der Boom war das Ergebnis gemeinsamer, zielstrebiger Aufbauarbeit, aber vor allem auch ausländischer Hilfe - und "glücklicher" Umstände.