Deutschland in den 50er Jahren

27.12.2002 | Von:

Kultur im Wiederaufbau (Teil 2)

Bildung und Kultur in der DDR

Politisch-ideologische Bildung und Erziehung

Grundprinzip der DDR-Schule war die Einheit von wissenschaftlich-fachlicher Bildung und politisch-ideologischer Erziehung. Bereits in den antifaschistisch-demokratischen Umerziehungsprogrammen der Moskauer Exil-Kommunisten hatte die "Erziehung der Erzieher" eine zentrale Stelle eingenommen. Da von den bei Kriegsende in der SBZ erfaßten Lehrkräften etwa 72 Prozent Mitglieder der NSDAP gewesen waren und so für eine Weiterbeschäftigung meist nicht in Frage kamen, fehlten trotz der wiedereingestellten, von den Nazis verfolgten Kollegen circa 40000 Lehrerinnen und Lehrer. In einer gezielten und erfolgreichen Kampagne warb die SED neue Lehrkräfte an. Diese meist jungen "Neu-Lehrer", insgesamt mehr als vierzigtausend, waren in den Jahren 1945 bis 1947 zum Teil ohne jegliche pädagogische Vorbildung oder nach zwei- bis acht Monatslehrgängen (im Volksmund als "Schnellbleiche" bezeichnet) an die Schulen gekommen. Sie waren politisch und sozial hoch motiviert und notwendigerweise zunächst unzureichend qualifiziert. Heute sind weniger ihre pädagogischen Fähigkeiten als ihre fachlichen Leistungen umstritten.

Konflikte dieser "Lehrer der ersten Stunde" mit den etablierten Lehrern sowie mit den Absolventen der Pädagogischen Fakultäten (aufgelöst 1955), den Instituten für Lehrerbildung (Unterstufe), den Pädagogischen Instituten (Mittelstufe), den Universitäten und der Pädagogischen Hochschule Potsdam (Oberstufe) waren vorprogrammiert.

Um den ökonomisch benötigten und auch von vielen Frauen erstrebten hohen Grad der Erwerbstätigkeit (der Anteil der weiblichen Erwerbstätigkeit betrug im Verhältnis zu den Gesamtberufstätigen in den Jahren 1955 44 Prozent, 1960 45 Prozent) garantieren zu können, mußte ein komplexes Kinderbetreuungssystem geschaffen werden. Die "Vorschulerziehung" fand statt in den Kindertageskrippen, die Säuglinge ab der zehnten Lebenswoche aufnahmen, und in den Kindergärten, in denen die Kinder von drei bis sechs Jahren betreut wurden. Während der Bedarf an Kinderkrippenplätzen in den fünfziger Jahren stets höher war, als Plätze vorhanden waren, konnte für die Kindergärten eher ein den Wünschen entsprechender Versorgungsgrad erreicht werden.

Kinder- und Jugendorganisationen

Die politischen Kinder- und Jugendorganisationen der Jungen Pioniere und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit ihren Erziehern, den Pionierleitern und den FDJ-Sekretären, nahmen im Bildungs- und Erziehungssystem einen wichtigen Platz ein.

Sie stellten eine Art paralleles Erziehungssystem zur Schule dar und orientierten sich in Organisationsform und äußerer Erscheinung (uniformierte Kleidung) am sowjetischen Vorbild. Sie boten sowohl im Rahmen der Schule als auch im außerschulischen Bereich als kulturelle und sportliche Freizeitorganisationen vielfältige Einflußmöglichkeiten auf die Heranwachsenden. Der erreichte hohe Organisationsgrad war Ergebnis starker Indoktrination ("freiwilliger Zwang") und der Tatsache, daß Nichtmitgliedschaft verschiedene Nachteile haben konnte. So erhielt man beispielsweise schlechtere Beurteilungen wegen mangelnder "gesellschaftlicher Arbeit" oder wurde von bestimmten Gemeinschaftserlebnissen ausgeschlossen, für einen Studienantrag wirkte sich dies in jedem Falle negativ aus. Allerdings gab es auch das verbreitete Phänomen formaler Mitgliedschaft.

Beide Organisationen verfügten über eigene Zeitungen und ein vielfältiges Freizeitangebot in Sportstätten, Schulungs- und Begegnungseinrichtungen (Pionierhäuser, FDJ-Clubs) sowie Ferienlagern. In der 1948 gegründeten Pionierorganisation waren 1952 von allen schulpflichtigen Kindern 62 Prozent Mitglied, 1959 bereits 84,3 Prozent.

Um eine "systematische sozialistische Erziehung" durchzuführen, erfolgte eine Gliederung der Organisation in "Jungpioniere" (6 bis 9jährige) und "Thälmann-Pioniere" (10 bis 14jährige). Nach einer Art Lehrplan wurden die Inhalte und Tätigkeiten (Singen und Spielen, Altstoffsammeln u.ä.) vorgeschrieben, sie sollten die Pioniere zu "Helfern der Werktätigen" erziehen. Blaues (Jungpioniere) oder rotes (Thälmannpioniere) Halstuch, Pioniergruß, Appelle, Friedens- und Heimatlieder wirkten ritualbildend. Festgeschrieben wurden die politischen und moralischen Ziele in den 1960 verabschiedeten "Zehn Geboten" der Jung-Pioniere, die Patriotismus, Friedensliebe, Elternliebe, Internationalismus sowie Eigenschaften wie Fleiß, Wahrheitsliebe, Hilfsbereitschaft, und sportliche Aktivität propagierten.

Die FDJ erreichte bei den 14- bis 25jährigen nie einen so hohen Organisationsgrad, in den Jahren 1950 bis 1958 blieb er stets unter 50 Prozent. 1946 als "überparteilich" gegründet, wurde dieser Anspruch seit 1948 nicht mehr aufrechterhalten. 1952 erkannte die FDJ die führende Rolle der SED an und erklärte sich 1957 zur "sozialistischen Jugendorganisation" der DDR. In sogenannten Grundorganisationen (nach dem Muster der SED) in Betrieben, Hochschulen und Schulen sowie verschiedenen Einrichtungen organisiert, uniformiert in Blauhemden, startete die FDJ zahlreiche politische, ökonomische und kulturelle Mobilisierungskampagnen, mit denen sie sich als "zuverlässige Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse" inszenierte.

In "Jugendobjekten" wurden FDJ-Brigaden bei wichtigen ökonomischen Bauvorhaben (zum Beispiel Talsperrenbau in Sosa 1949 bis 1951, Bau von Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt, 1951 bis 1954, Meliorationsarbeiten in der Altmärkischen Wische 1958 bis 1960) eingesetzt. In jährlich stattfindenden "Messen der Meister von Morgen" konnten technisch und wissenschaftlich begabte Schüler, Lehrlinge und Studierende in einen Wettbewerb treten.

Die politische Schulung erfolgte unter anderem in "Zirkeln junger Sozialisten", in denen ein "Abzeichen für gutes Wissen" in Gold, Silber oder Bronze erworben werden konnte.

Im Hochschulbereich und an den Oberschulen hatte die FDJ 1952/53 zu einer "ideologischen Schlacht" gegen die (evangelischen) Jungen Gemeinden aufgerufen, in deren Verlauf über 300 junge Menschen von Hochschulen und Oberschulen verwiesen wurden. Ein Teil dieser Repressionen wurde nach dem 17. Juni 1953 wieder rückgängig gemacht. Die mit dieser Kampagne verbundene Auflösung der Studentenräte beendete endgültig letzte Ansätze einer pluralen Interessenvertretung der Studierenden. Ein umfangreiches Schulungssystem für die Mitglieder und eine stetig zunehmende Schar von hauptamtlichen FDJ-Funktionären sorgten für allseitige Präsenz im DDR-Alltag.

Wichtiges Anliegen der FDJ war auch die "sozialistische Wehrerziehung", für die sie mit der 1952 gegründeten "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST) in der "wehrsportlichen Erziehung und vormilitärischen Ausbildung" zusammenarbeitete. In der GST konnten Jugendliche ab 14 Jahren sogenannte "Wehrsportarten" (Wehrkampfsport, Sportschießen, Sporttauchen, Flugsport, Fallschirmspringen u.ä.) praktizieren, sie wurden mit den "militärpolitischen Grundsätzen" der DDR bekannt gemacht und erhielten die Möglichkeit, begehrte Führerscheine fast kostenlos zu erwerben.

Jugendweihe

Ein wesentliches Element der politisch-ideologischen Bemühungen um Kinder und Jugendliche war die gegen die Kirchen gerichtete atheistische Erziehung. Mit der erstmals 1955 durchgeführten Jugendweihe gelang es der SED, eine besondere Form des Übergangs der Jugendlichen zum Erwachsenenalter zu schaffen. Als weltliche Alternative zur evangelischen Konfirmation angelegt, fanden im sogenannten Jugendweihejahr (dem achten Schuljahr) für die Vierzehnjährigen "Jugendstunden" statt, in denen wissenschaftlich-technische, philosophische, aber auch moralische und kulturelle Themen behandelt wurden. Ein attraktives Exkursionsprogramm (Sternwarten, Museen, Gedenkstätten) und Einblicke in die Arbeitswelt der Erwachsenen (Betriebe, Baustellen und LPG) gehörten ebenfalls zu diesem Ausbildungspensum. Die eigentliche Jugendweihefeier, deren Ablauf die Orientierung an den Konfirmationsfeiern deutlich offenbarte (Gesang, Ansprache, Gelöbnis) stand am Abschluß dieses gemeinschafts- und bewußtseinsbildenden Prozesses. Unter der Devise "Wissen ist besser als Glauben" (1957) stand auch das Buch "Weltall-Erde-Mensch" (mit einem Vorwort von Walter Ulbricht), das als eine Art Handbuch Beiträge zur marxistisch-leninistischen Weltanschauung, aus Wissenschaft und Technik sowie Geschichte und Philosophie vereinte. Es wurde allen überreicht, die an der Jugendweihe teilnahmen.

Von anfänglich zögerlicher Teilnahme, die zwar formal freiwillig war, jedoch durch intensive Werbung bei Schülern und Eltern, durch massiv nötigende Agitation und psychischen Druck in der Schule und in der Pionierorganisation unterstützt wurde, erhöhte sich der Prozentsatz der Teilnehmer von 17,7 Prozent im Jahre 1955 auf 44,1 Prozent im Jahre 1958. Eine offensive Großkampagne ließ im Jahre 1959 die Teilnehmerzahl auf beachtliche 80,4 Prozent ansteigen. Dieser hohe Anteil kam durch verschiedene Faktoren zustande: erheblicher Druck und eine konzentrierte Beeinflussung von Elternhaus und Schule, die schlaue Taktik der SED, doppelte Teilnehmerschaft von Jugendweihe und Konfirmation zuzulassen (im Unterschied dazu verbot die Kirche dies bis in die sechziger Jahre hinein). Die SED konnte die Durchsetzung dieses traditionell-atheistischen und zunehmend sozialistischen Rituals als Erfolg ihrer Anti-Kirchenpolitik werten.