Deutschland in den 50er Jahren

27.12.2002 | Von:

Kultur im Wiederaufbau (Teil 2)

Bildung und Kultur in der DDR

Kunstpolitik

Kultur und Künste sollten nach den Vorstellungen der SED vorrangig eine bewußtseinsbildende Rolle bei der Realisierung der politischen und gesellschaftlichen Aufgaben spielen. Ein "weiter" Kulturbegriff zielte auf die "Einheit von geistiger und materieller Kultur". In der Verfassung von 1949 war ein freier Zugang zu Kultur- und Bildungseinrichtungen verankert.

Mit dem "Aufbau des Sozialismus" (1952) proklamierte die SED auch das Ziel, eine deutsche, sozialistische Kultur und Kunst zu schaffen. Als deren allein verbindliche künstlerische "Schaffensmethode" übernahm sie aus der Sowjetunion den "Sozialistischen Realismus", der seit dem Ersten Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller 1934 zur Grundlage der sowjetischen Künste und Kultur erklärt worden war. Unter Sozialistischem Realismus wurde eine wahrheitsgetreue, konkret-historische Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären bzw. sozialistischen Entwicklung verstanden. Um seine richtige bzw. falsche Interpretation drehten sich seit dem ZK-Beschluß über den "Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kultur" (1951) alle künstlerischen Auseinandersetzungen und kulturellen Kampagnen in den fünfziger Jahren. Als zentrale Kategorien des "Sozialistischen Realismus" galten: Parteilichkeit, Volksverbundenheit, soziale Typisierung, Tradition und Neuerertum.

Für die Kulturpolitik der SED spielte das Selbstdarstellungskonzept von der "Literaturgesellschaft" eine Schlüsselrolle. Johannes R. Becher, der prominente kommunistische Dichter, der aus der sowjetischen Emigration zurückgekehrt und seit 1954 erster Kulturminister der DDR war, hatte dieses Konzept auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongreß 1956 vorgestellt. Es war ein utopischer Modellentwurf, der eine "harmonische Gemeinschaft von Kunst und Volk" anstrebte. In dieser Konzeption wurde der Traditionspflege ein Logenplatz zugewiesen. Insbesondere die deutsche Klassik, aber auch die als "fortschrittlich" qualifizierte Literatur und Kunst anderer Jahrhunderte (auch anderer Länder) sollten zusammen mit der neu entstehenden Kunst den "goldenen Fond" der sozialistischen DDR-Kultur bilden, deren Herausbildung seit 1957 verstärkt gefördert wurde.

Die 1954 in Weimar begründeten "Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur", die Forschungs- und Editionsarbeit leisteten und einen auch international anerkannten Ort geistig-kultureller Begegnung und musealer Präsentation darstellten, sollten dieses Konzept professionell unterstützen. Jubiläen und Gedenkveranstaltungen, etwa 1955 zum Schillergedenkjahr mit dem umstrittenen Auftreten Thomas Manns in beiden deutschen Staaten, hoben das Prestige der DDR.

Geist und Macht

Trotz der Behauptung der SED, daß in der DDR die uralte antagonistische Gegenüberstellung von Geist und Macht in ein harmonisches Verhältnis beider übergegangen sei, blieb eine Grundspannung zwischen der Partei, den staatlichen Kultur- und Verwaltungsinstitutionen sowie den Künstlern und Intellektuellen bestehen. Auch gegenüber dem bereits 1945 als "überparteiliche" Intelligenzorganisation gegründeten "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" (ab 1958 Deutscher Kulturbund), der sich dem Humanismus und dem Antifaschismus verschrieben hatte, existierte ein latentes Mißtrauen. Zunächst noch gesamtdeutsch orientiert, wollte er die künstlerische, wissenschaftliche und technische Elite an "die Seite der Arbeiterklasse" führen. In seiner Arbeit wie in den neu geschaffenen Institutionen und Organisationen Akademie der Künste (1950), Schriftstellerverband (1952), Verband Bildender Künstler (1952), Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler traten ernste Konflikte zwischen dem demokratischen Anspruch und der autoritären Durchsetzung der kulturpolitischen Maximen auf.

Die parteipolitische Reglementierung und Disziplinierung erstreckte sich dabei nicht nur auf die Partei-Intellektuellen wie Johannes R. Becher, Hanns Eisler, Anna Seghers oder Stephan Hermlin, sondern sie betraf auch alle anderen: Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Peter Huchel, Stefan Heym oder Ernst Busch. Sie konnten sich nur in heftigen Auseinandersetzungen gegen die engen kulturpolitischen Auffassungen behaupten. Dies war für die betroffenen Künstlerinnen und Künstler oft mit parteipolitischen Reglementierungen und Disziplinierungen sowie schweren Schaffenskrisen verbunden. Zugleich verstand es die SED, sie durch ein geschicktes System von materiellen und ideellen Privilegien an das "sozialistische Experiment" zu binden. Dazu gehörten die seit 1949 alljährlich verliehenen hochdotierten Nationalpreise in drei Klassen für Kunst und Literatur, Wissenschaft und Technik, weitere Kunst-Auszeichnungen, besondere Versorgungssysteme und Reisemöglichkeiten.

Das Mißtrauen der SED-Führung gegenüber den Intellektuellen und den Kunstschaffenden wurde besonders geschürt durch den Aufstand am 17. Juni 1953, in dessen Verlauf sich zwar die meisten staatsloyal verhalten, aber teilweise auch sehr entschiedene Kritik an den administrativen und stalinistischen kulturpolitischen Gängelungen geäußert hatten. Im Zusammenhang des 20. Parteitages der KPdSU kam es auch in der DDR 1956/57 zu einem kurzen "Tauwetter", das sich in Philosophie, Ästhetik sowie in den Kunstwissenschaften und in den Künsten auswirkte. Antistalinistische Thesen und Positionen von Ernst Bloch, Hans Mayer, Georg Lukács bestimmten die Auseinandersetzungen um eine Entdogmatisierung, wie sie sich zum Beispiel im "Sonntag", der kulturpolitischen Wochenzeitung des Kulturbundes, niederschlugen. Nach einem kurzen halben Jahr des "frischen Windes" (Gerhard Zwerenz) folgten zahlreiche Verhaftungen und Verurteilungen sowie andere Maßregelungen von in diesem "Tauwetter" führend Beteiligten.

In der seit 1957 geführten "ideologischen Offensive" hatten sich Partei- und Kulturfunktionäre wie Kurt Hager und Alexander Abusch, der Nachfolger Bechers, hervorgetan.

Quellentext

Sozialistischer Realismus

Beschluß des ZK der SED über den Kampf gegen den Formalismus vom 17. März 1951

Um eine realistische Kunst zu entwickeln, orientieren wir uns am Beispiel der großen sozialistischen Sowjetunion, die die fortschrittlichste Kultur der Welt geschaffen hat.

Genosse Shdanow hat 1934 wie folgt formuliert: "Genosse Stalin hat unsere Schriftsteller die Ingenieure der menschlichen Seele genannt. Was heißt das? Welche Verpflichtung legt Ihnen dieser Name auf?

Das heißt erstens, das Leben kennen …, es nicht scholastisch, nicht tot, nicht als ‚objektive Wirklichkeit‘, sondern als die Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen zu können.

Dabei muß die wahrheitsgetreue und historisch konkrete künstlerische Darstellung mit der Aufgabe verbunden werden, die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen. Das ist die Methode, die wir in der schönen Literatur und in der Literaturkritik als die Methode des sozialistischen Realismus bezeichnen."

Welche Lehren haben wir daraus für das Kulturschaffen in der Deutschen Demokratischen Republik zu ziehen? Um eine realistische Kunst zu entwickeln, "die … die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik zum Ausdruck bringt" (Entschließung des III. Parteitages der SED), müssen unsere Kunstschaffenden das Leben richtig, das heißt in seiner Vorwärtsentwicklung darstellen. Dazu ist die Kenntnis der Entwicklung des wirklichen Lebens erforderlich. Die typischen Umstände unserer Zeit, unter denen die getreue Wiedergabe typischer Charaktere erfolgen soll, sind die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik, das ist der Kampf um die Lösung der Lebensfragen unseres Volkes.

Entsprechend dieser Verhältnisse muß die wahrheitsgetreue, historisch konkrete künstlerische Darstellung mit der Aufgabe verbunden werden, die Menschen im Geiste des Kampfes für ein einheitliches, demokratisches, friedliebendes und unabhängiges Deutschland, für die Erfüllung des Fünfjahrplans, zum Kampf für den Frieden zu erziehen.

Die realistische Kunst vermittelt die Erkenntnisse der Wirklichkeit und erweckt in den Menschen Bestrebungen, die geeignet sind, sich in einer fortschrittlichen, schöpferischen Tätigkeit im Sinne der Lösung der Lebensfragen unseres Volkes zu verkörpern. […]

Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Bd. III, Berlin (Ost) 1952, S. 433-440.

Die renommierte Zeitschrift des Kulturbundes "Aufbau" wurde wegen Propagierung von Dekadenz "plötzlich" eingestellt. Sie hatte unter anderem Jean-Paul Sartre, William Faulkner und Wolfgang Koeppen veröffentlicht und vor allem zuwenig Literatur des "Sozialistischen Realismus" berücksichtigt. 1957 bedeutete auch das Ende der Kolumne "Offen gesagt" in der "Berliner Zeitung", die Stefan Heym nach dem 17. Juni 1953 als eine in der Presselandschaft der DDR singulär bleibende Form eines kritischen Journalismus entwickelt hatte. In der Folge dieses scharfen Konfrontationskurses verließen 1957 Alfred Kantorowicz und Gerhard Zwerenz, 1959 Heinar Kipphardt und Uwe Johnson, 1961 Ernst Bloch sowie 1963 Hans Mayer die DDR.

Sichtbarstes optisches Zeichen des "kulturrevolutionären" Gestaltungswillens der SED waren die in den fünfziger Jahren erbauten Kulturhäuser (insgesamt gab es 160 davon), die als "Arbeiter- und Bauern-Tempel" sowohl als Betriebskulturhäuser wie auch auf dem Lande errichtet wurden und "Stätten des geistig-kulturellen Lebens sowie der Geselligkeit und Unterhaltung" sein sollten. Durch politische und kulturelle Großveranstaltungen, Theater- und Filmaufführungen, sowie als "Heimstätten des künstlerischen Volksschaffens" wurden sie als ein wesentlicher Faktor zur Herausbildung der (kollektiven) sozialistischen Lebensweise angesehen. Oft palastartig ausgeführt, mit moderner Technik (Fernsehapparaten, die damals privat noch kaum verbreitet waren) ausgestattet, konnten sie als zentrale Orte der Feier- und Festtagsgestaltung sowie des Vergnügens von Teilen der Bevölkerung angenommen werden. Besonders in ländlichen Regionen waren sie kulturelle Anziehungspunkte.