izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Von den Kolonien zur geeinten Nation

Revolution und Unabhängigkeitskrieg



Am 4. Juli 1776 nahm der in Philadelphia tagende Kongress die von dem Juristen Thomas Jefferson aus Virginia vorbereitete Unabhängigkeitserklärung ohne Gegenstimmen (bei Enthaltung New Yorks) an. Dieses zentrale Dokument der US-amerikanischen Nationalgeschichte stellte in seiner Präambel das Vorgehen der Revolutionäre in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang und begründete die Werte Gleichheit und Freiheit aus dem Naturrecht; die auf der Zustimmung der Regierten beruhende Regierung muss diese Rechte schützen; kommt sie ihrer Verpflichtung nicht nach, kann sie abgeschafft und durch eine neue ersetzt werden.

Zum Zeitpunkt, als die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde, war allerdings jeder sechste der insgesamt drei Millionen Einwohner der 13 Kolonien versklavt. Die Amerikanische Revolution mit ihrem Anspruch auf Gleichheit aller Menschen stellte damit ein gesellschaftliches Paradoxon dar: Auf der einen Seite war die neue Nation in vieler Hinsicht die freieste der Welt, andererseits besaß sie weltweit die meisten Sklaven. Der Kernsatz der Unabhängigkeitserklärung, "all men are created equal", besaß offensichtlich keine universelle Gültigkeit. Auch die Unterzeichner der Erklärung, allen voran Thomas Jefferson (selbst ein Sklavenhalter), waren sich dieses fatalen Widerspruchs bewusst, nahmen ihn aber mit Rücksicht auf die südlichen Kolonien in Kauf. Desgleichen waren weder die amerikanischen Ureinwohner noch Frauen in dieses Gleichheitspostulat eingeschlossen.

Quellentext

The Declaration of Independence – die Unabhängigkeitserklärung (4. Juli 1776, Auszüge)

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. – That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, – That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. […]

We, therefore, the Representatives of the united States of America, in General Congress, Assembled, appealing to the Supreme Judge of the world for the rectitude of our intentions, do, in the Name, and by Authority of the good People of these Colonies, solemnly publish and declare, That these United Colonies are, and of Right ought to be Free and Independent States; that they are Absolved from all Allegiance to the British Crown, and that all political connection between them and the State of Great Britain, is and ought to be totally dissolved […]

Quelle: http://www.archives.gov/exhibits/charters/declaration_transcript.html

Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn immer irgendeine Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glückes geboten zu sein scheint. […]

Daher tun wir, die in einem gemeinsamen Kongress versammelten Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika, […] feierlich kund, dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen; dass sie von jeglicher Treuepflicht gegen die britische Krone entbunden sind, und dass jegliche politische Verbindung zwischen ihnen und dem Staate Großbritannien vollständig gelöst ist und bleiben soll […].

Hartmut Wasser, Die USA – der unbekannte Partner, Ferdinand Schoeningh Verlag, Paderborn 1983, Seite 38 ff.


Nach der Präambel der Unabhängigkeitserklärung folgte eine detaillierte Auflistung der "Sünden", die nach Meinung der Kolonisten den Herrschaftsmissbrauch des englischen Königs belegten. Abschließend wurde die Trennung vom Mutterland als ein Prozess der göttlichen Vorsehung interpretiert. In der ersten Phase des anschließend beginnenden Unabhängigkeitskrieges nahmen die britischen Truppen New York (1776) und Philadelphia (1777) ein, was eine rasche Niederlage der Kolonisten vermuten ließ. Der amerikanische Sieg von Saratoga im Staate New York im Herbst 1777 leitete jedoch eine Wende ein und veranlasste Frankreich Anfang 1778, die Vereinigten Staaten diplomatisch anzuerkennen und im Juni 1778 seinerseits England den Krieg zu erklären; dies auch in der Hoffnung, dadurch die im Siebenjährigen Krieg verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Der Unabhängigkeitskampf weitete sich so zu einem internationalen Konflikt aus und verschärfte sich durch das Eingreifen Spaniens und der Niederlande auf Seiten der Revolutionäre im folgenden Jahr noch weiter. Parallel dazu erlebten die Vereinigten Staaten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen den rebellierenden "Patrioten" und den etwa 100 000 Loyalisten, die treu zum Mutterland standen.

Noch im November 1777 hatte der nun ständig tagende Kontinentalkongress die "Artikel der Konföderation" entworfen, mit denen sich die 13 Einzelstaaten zu einem festen Bund zusammenschließen wollten, den United States of America. Diesem Staatenbund sollte ein Kongress vorstehen, der autorisiert wurde, über Krieg und Frieden zu entscheiden, außenpolitische Kompetenz zu übernehmen, ein Heer und eine Flotte aufzubauen, deren Oberbefehlshaber zu ernennen und zwischenstaatliche Probleme zu lösen. Die Souveränität der Einzelstaaten sollte allerdings unangetastet bleiben. Bis März 1781 hatten alle Einzelstaaten die Artikel ratifiziert und damit ein neues Regierungssystem geschaffen.

Aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit seiner Truppen vermied Oberbefehlshaber Washington größere Schlachten und ging zu einer Art Guerillakriegführung über. Eine höhere Disziplin und eine stärkere Professionalisierung bewirkte der Umbau der Armee durch den gebürtigen Magdeburger Baron Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794), der 1777 nach Nordamerika gekommen war und aufgrund seiner Erfolge zum Generalmajor der Kontinentalarmee ernannt und 1783 amerikanischer Staatsbürger wurde.

Am 19. Oktober 1781 mussten die britischen Truppen in Yorktown (Virginia) schließlich kapitulieren. Der in Paris ausgehandelte Frieden vom September 1783 erkannte die Souveränität der Vereinigten Staaten an. Spanien erhielt für seine Unterstützung Florida zurück, und England behielt Kanada, wohin viele der Loyalisten geflohen waren.

Viele Afroamerikaner hatten im Freiheitskampf ihrer weißen Herren die Möglichkeit entdeckt, sich selbst zu emanzipieren. Sie hatten entweder für die britischen Loyalisten gekämpft oder für deren amerikanische Widersacher, die Patrioten, denen 5 000 von ihnen beigestanden hatten. Andere ergriffen, begünstigt durch die Wirren der Revolution, die Flucht. Auf diese Weise hatte sich die Anzahl freier Afroamerikaner nach der Revolution erheblich vergrößert, ohne dass dies allerdings zur Infragestellung des Sklavereisystems in den Südstaaten geführt hätte. 90 Prozent der dortigen afroamerikanischen Bevölkerung blieben versklavt. Für die nördlichen Staaten allerdings leitete die Revolution die Abschaffung der Sklaverei ein, die dort bis 1804 abgeschlossen sein sollte.

Verfassungsgebung

Nach Durchsetzung der Unabhängigkeit ging es den Amerikanern darum, das Erreichte dauerhaft zu verankern und ein Auseinanderbrechen der Kriegskoalition sowie gesellschaftliche Instabilität zu verhindern. Die Harmonisierung der einzelstaatlichen Interessen und die Schaffung eines Bundesstaates waren schwierige Aufgaben für die insgesamt 55 Delegierten – darunter Benjamin Franklin, James Madison und George Washington –, die von Mai bis September 1787 in Philadelphia zusammentraten. Das Resultat war der erste moderne Entwurf einer Gesamtstaatsverfassung, die die Prinzipien der Gewaltenteilung und der Volkssouveränität gekoppelt mit dem Staatenbundprinzip einführte (zum politischen System der USA siehe "Informationen zur politischen Bildung" Nr. 320). Nach intensiven Debatten trat die amerikanische Verfassung am 4. März 1789 in Kraft.

Zwei Jahre später wurden ihr weitere zehn Verfassungszusätze (amendments) angefügt, die sogenannte Bill of Rights, ein Grundsatzkatalog der Menschenrechte wie Religions-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie Unverletzlichkeit der Person und des Eigentums. Bis heute hat es insgesamt 27 amendments zur Verfassung gegeben, das letzte im Jahre 1992.

Die Verfassung der Vereinigten Staaten schuf ein Regierungssystem, das sich trotz erheblicher gesellschaftlicher Veränderungen bislang immer als flexibel genug erwiesen hat, um sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Ein komplexes Geflecht gegenseitiger Machteinschränkungen und -kontrollen (checks and balances) sorgt dafür, dass keine der drei Gewalten diktatorische Autorität gewinnen kann, sondern es immer ein Gleichgewicht der Kräfte gibt.

Aber auch die Umsetzung des föderativen Prinzips, das heißt die Aufteilung der Regierungsgewalt zwischen Bund und Einzelstaaten, sowie die durch die Bill of Rights verbrieften Grundrechte zeugen vom genuinen Misstrauen gegenüber einer Zentralmacht und einem übermächtigen Staat.

Erster Präsident dieses ersten modernen Verfassungsstaates wurde George Washington, dem es während seiner zwei Amtsperioden (1789-1797) gelang, die in der Verfassung verankerten Prinzipien in die politische Praxis umzusetzen. 1800 wurde Washington, D. C. (District of Columbia), am Potomac River zwischen Maryland und Virginia nahe der Chesapeake Bay gelegen, zur Bundeshauptstadt.

In der Anfangsphase der jungen Republik kam es rasch zu ersten politischen Interessengegensätzen: zwischen den Föderalisten und den Anti-Föderalisten. Erstere traten für eine starke Zentralgewalt und pro-britische Außenpolitik ein und repräsentierten vornehmlich die wohlhabende Klasse; die Anti-Föderalisten, später mit Thomas Jefferson an ihrer Spitze, verteidigten die Rechte der Einzelstaaten und misstrauten der Zentralgewalt. Sie plädierten für eine pro-französische Außenpolitik und verstanden sich als Vertreter der Farmer und kleineren Leute sowie als unbedingte Verfechter einer tugendhaft-demokratischen Gesellschaft. In diesem Ideal wurzelt auch das Credo der später entstandenen Demokratischen Partei.

Quellentext

Die Parteien Amerikas


Entwicklung des ParteiensystemsEntwicklung des Parteiensystems (© Michael Elfort/ Hartmut Wasser "Politische Parteien und Wahlen", in: Peter Lösche (Hg.), Länderbericht USA, Bonn 2008, S.240)
Zwar beginnen sich Jeffersons Anti-Föderalisten bald "Republikaner" zu nennen, doch mit der heutigen Republikanischen Partei haben sie nichts gemeinsam. Diese entsteht erst um 1850 als Anti-Sklaverei-Partei; für sie bürgert sich das Symbol des Elefanten ein. Die Demokratische Partei, die heute noch existiert, entsteht circa 1830 aus den Anhängern des umstrittenen Präsidenten Andrew Jackson, der sich für das einfache Volk und mehr Demokratie einsetzt. Auf ihn bezieht sich auch das etwas boshafte Symbol des Esels, das die Demokratische Partei trägt. Die Demokraten […] [sind] bis ins späte 19. Jahrhundert in den Südstaaten am stärksten.

Danach bilden sich langsam die heutigen Fronten, zwei fast gleich starke Parteien: die Demokraten als Sprecher von arbeitenden Menschen, (oft katholischen) Immigranten und Liberalen, die Republikaner als Partei der alteingesessenen protestantischen Wohlhabenden. Allerdings verwischen sich diese Unterschiede immer mehr, die Parteien und ihr Programm waren sich zeitweise zum Verwechseln ähnlich.
Andere Parteien (zum Beispiel die Sozialisten) kommen in den USA gelegentlich während Zeiten großer Unzufriedenheit auf, aber sie konnten sich bisher nie durchsetzen und verschwanden stets nach einigen Jahren wieder.

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca-Cola, Campus Verlag, Frankfurt / M. 2005, Seite 47