izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Von den Kolonien zur geeinten Nation

Zeit der Expansion



Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war für die Vereinigten Staaten eine Phase immensen Wachstums von Territorium, Bevölkerung und Wirtschaft. Um das föderale Element zu betonen, sollten die territoriale Expansion und die Erschließung neuen Bodens nicht mit einer westlichen Ausdehnung der schon bestehenden Einzelstaaten, sondern vielmehr mit der Gründung neuer Staaten einhergehen. Bereits 1787 hatte der Kongress die "Nordwest-Ordinanz" für das Gebiet nordwestlich des Ohio-Flusses verabschiedet: Sie bestimmte, dass eine Zweikammer-Legislative eingerichtet werden sollte, sobald sich 5 000 freie Männer in einem bestimmten Gebiet angesiedelt hätten. Wenn dieses Territorium 60 000 Einwohner zählte und eine republikanische Verfassung verabschiedet worden war, konnte es sodann als gleichberechtigtes Mitglied in den Staatenbund aufgenommen werden. Die Ordinanz verfügte, dass das große Territorium nördlich und südlich des Ohio-Flusses frei von Sklaverei bleiben sollte.

Die Besiedlung westlich der Appalachen schritt nun schnell voran: Um die Jahrhundertwende wurden Vermont (1791), Kentucky (1792), Tennessee (1796) und Ohio (1803) in die Union aufgenommen.

Territoriale Zugewinne

Bevor die weitere Besiedlung des Landes vonstatten gehen konnte, schien es erforderlich, die noch verbliebenen europäischen Mächte in Nordamerika möglichst friedlich zu verdrängen: 1803 konnte Thomas Jefferson als dritter Präsident der USA (1801-1809) von Frankreich gegen die Summe von 15 Millionen US-Dollar das große "Louisiana"-Gebiet – die riesige Landmasse zwischen Mississippi und Rocky Mountains – erwerben und so eine Verdopplung des Territoriums der Vereinigten Staaten erzielen. Das nun zwischen Spanien und den USA umstrittene West-Florida (die heutigen Staaten Alabama und Louisiana sowie der südliche Teil Mississippis) wurde 1810 annektiert. Im "Zweiten Unabhängigkeitskrieg" gegen England (1812-1815) wurde zwar die Hauptstadt Washington besetzt und niedergebrannt, es gelang jedoch wiederum, die Briten zu vertreiben und im Frieden von Gent den Vorkriegszustand wiederherzustellen. Dieser Sieg führte zu einer dauerhaften internationalen Verankerung der Souveränität der Vereinigten Staaten.

Ost-Florida kam 1819 gegen eine Kaufsumme von fünf Millionen US-Dollar an Spanien in den Besitz der USA. Im dabei geschlossenen Vertrag wurde nun auch erstmals der gesamte spanisch-amerikanische Grenzverlauf vom Golf von Mexiko bis zum Pazifik bestimmt. Nach dem Verzicht der USA auf Texas ließ Spanien Ansprüche auf Gebiete nördlich des 42. Breitengrades zwischen den Rocky Mountains und dem Pazifik fallen. Damit geriet das ganze Territorium nördlich von Kalifornien in die US-amerikanische Einflusssphäre. Mit dieser spanisch-amerikanischen Übereinkunft war nach Süden hin eine neue transkontinentale Grenze der Vereinigten Staaten entstanden; das 1803 erworbene "Louisiana"-Gebiet hatte erstmalig eine südwestliche Begrenzung erhalten.

Die Chronologie der weiteren Aufnahme neuer Staaten in die Union belegt die schnelle Expansion: Zwischen 1816 und 1821 kamen Indiana (1816), Mississippi (1817), Illinois (1818), Alabama (1819), Maine (1820) und Missouri (1821) hinzu. Durchschnittlich wuchs die Union nach dem Frieden von 1815 bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1861 alle drei Jahre um einen neuen Einzelstaat.

Das nationale Selbstbewusstsein dieser Zeit fand in der Außenpolitik ihren Niederschlag. In seiner Jahresbotschaft an den Kongress von 1823 wandte sich Präsident James Monroe (1817-1825) gegen jeden weiteren kolonialen Anspruch europäischer Mächte in der westlichen Hemisphäre; solche Unternehmungen würden fortan als eine Gefährdung der Sicherheit der Vereinigten Staaten interpretiert werden. Die USA würden sich im Gegenzug nicht in die Angelegenheiten der europäischen Mächte einmischen. Diese Botschaft, später als "Monroe-Doktrin" bezeichnet, entfaltete erst seit Ende des 19. Jahrhunderts ihre eigentliche außenpolitische Bedeutung und wurde im 20. Jahrhundert als Leitsatz US-amerikanischer Außenpolitik international bekannt.

Quellentext

Monroe-Doktrin vom 2. Dezember 1823

[…] Abs. 48. […] An den Kriegen der europäischen Mächte um ihre eigenen Angelegenheiten haben wir nie teilgenommen, noch verträgt sich eine solche Handlungsweise mit unserer Politik. Nur wenn in unsere Rechte eingegriffen wird, oder sie ernstlich bedroht sind, nehmen wir Kränkungen übel oder treffen Vorbereitungen zu unserer Verteidigung. Mit den Wandlungen, die auf dieser Hemisphäre vor sich gehen, sind wir notwendiger Weise […] verbunden. Das politische System der verbündeten Mächte ist in dieser Hinsicht grundverschieden von dem Amerikas. Dieser Unterschied rührt von demjenigen her, der zwischen ihren bezüglichen Regierungen besteht. […]

Wir schulden es […] der Aufrichtigkeit und den freundschaftlichen zwischen den Vereinigten Staaten und jenen Mächten bestehenden Beziehungen, zu erklären, dass wir jedweden Versuch ihrerseits, ihr System auf irgend welchen Teil dieser Hemisphäre auszudehnen, als gefährlich für unseren Frieden und unsere Sicherheit ansehen würden. In die bestehenden Kolonien oder Dependenzen irgend einer europäischen Macht haben wir uns nicht eingemischt und werden wir uns nicht einmischen. Aber wir könnten einen Eingriff seitens einer europäischen Macht in die Regierungen, die ihre Selbstständigkeit erklärt und sie aufrecht erhalten haben, und deren Unabhängigkeit wir nach großer Überlegung und auf Grund gerechter Prinzipien anerkannt haben, zu dem Zwecke sie zu unterdrücken oder in irgend einer Weise ihr Schicksal zu bestimmen, in keinem anderen Lichte denn als Kundgebung eines unfreundlichen Verhaltens gegenüber den Vereinigten Staaten ansehen. […]

Herbert Schambeck u. a. (Hg.), Dokumente zur Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Duncker & Humblot, Berlin 2007, Seite 302 ff.


Die Nordwestgrenze der Vereinigten Staaten wurde festgelegt, als Großbritannien 1846 das Oregon-Gebiet südlich des 49. Breitengrades, im Übrigen den weitaus fruchtbareren und größeren Teil, den USA zuerkannte. Im Süden lud Mexiko, nachdem es 1821 die Unabhängigkeit erlangt hatte, amerikanische Siedler ein, das nur spärlich besiedelte Texas zu kultivieren. 1835 lebten bereits 35 000 US-Amerikaner in Texas. Ein Jahr später erklärten sie nach einem erfolgreichen Aufstand ihre Unabhängigkeit, die umgehend von den Vereinigten Staaten anerkannt wurde, aber aufgrund des Widerstandes nordstaatlicher Politiker vorerst noch nicht zur Aufnahme in die Union führte.

In den 1840er-Jahren wurde die Landerschließung durch das Schlagwort "Manifest Destiny" ideologisch untermauert. Demzufolge war es das "offenkundige Schicksal" oder die "Bestimmung" der Vereinigten Staaten, als "Reich der Freiheit" mit einer vorbildhaften Demokratie den ganzen nordamerikanischen Kontinent vom Atlantik bis zum Pazifik missionarisch in Besitz zu nehmen. In dieser Stimmungslage erfolgte Ende 1845 die Aufnahme von Texas als 28. Einzelstaat in die Union. Dies führte zum Krieg mit Mexiko, das erst im Vertrag von Guadalupe Hidalgo vom Februar 1848 auf Kalifornien und New Mexico verzichtete und den Rio Grande als Grenzfluss zu Texas anerkannte.

Die territoriale Expansion der Vereinigten Staaten hatte damit im Zeitraum von 1845 bis 1849 ihren Höhepunkt erreicht. Mit mehr als drei Millionen Quadratkilometern Gebietszuwachs hatten sich die USA innerhalb kurzer Zeit um zwei Drittel vergrößert und das riesige Gebiet der heutigen Staaten Arizona, Kalifornien, Nevada, Texas und Utah sowie Teile von New Mexico, Colorado und Wyoming als Siedlungsland hinzugewonnen. Durch den Kaufvertrag von 1853, in dem die USA von Mexiko südliche Teile Arizonas und New Mexicos für den Bau der Eisenbahnlinie zum Pazifik erstanden, und den Kauf Alaskas von Russland 1867 waren dann die kontinentalen Grenzen der Vereinigten Staaten endgültig geschaffen.

Besiedlung und Immigration

Die Erschließung und Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents vom Atlantik bis zum Pazifik vollzog sich in drei Etappen, wenn auch mit fließenden Übergängen: Zunächst wagten sich Trapper, Pelzjäger und Fallensteller in noch unerschlossene Gebiete vor. Der mit wahrem Pioniergeist vorangetriebene Siedlungsbereich zwischen Wildnis und euro-amerikanischer Zivilisation, die frontier, hat für die amerikanische Gesellschaft bis heute einen hohen symbolischen Stellenwert behalten.

Ihnen folgten Ansiedler, die ohne formale staatliche Zustimmung Land urbar machten (squatters), aber oft nur vorübergehend blieben, um schließlich in der dritten Etappe von Farmern abgelöst zu werden. Es entstanden nun dauerhafte Niederlassungen mit Kirchen, Schulen, Banken und Behörden sowie einer lokalen Ordnungsgewalt, dem Sheriff. Parallel zu dieser Ackerbau-frontier gab es riesige Grasflure, auf denen Rancher ihr Vieh weideten, wobei es vereinzelt zu Kleinkriegen zwischen Viehzüchtern und Farmern kam.

Schon die ersten Trapper hatten bei ihren Erkundungen nach Edelmetallvorkommen Ausschau gehalten und ihr Wissen weitergegeben. So gab es sehr bald auch eine Bergbau-frontier mit chaotisch-kurzlebigen Minenstädten, die eruptionsartig mit Einwohnerzahlen von mehreren Tausend boomten, dann aber nach Ausbeutung der Minen zu teilweise heute noch existierenden ghost towns wurden.

Die Besiedlung verlief wellenartig. Eine der größten Binnenwanderungswellen setzte nach dem Frieden von 1815 ein, als die Nationalbevölkerung etwa 8,5 Millionen Menschen zählte. Die Aussicht, im Westen "sein Glück zu machen", führte zur schnellen Landerschließung. Während noch 1810 nur jeder siebte Amerikaner westlich der Appalachen lebte, war es ein Jahrzehnt später bereits jeder vierte. 1815 hatten diese Pioniere 4 000 Quadratkilometer bundeseigenen Landes erworben; nur vier Jahre später hatte sich diese Zahl verfünffacht. Der Public Land Act von 1820, der das Mindestareal für eine Farm von 160 acres (ca. 64 Hektar) auf 80 halbierte und den Bodenmindestpreis erheblich reduzierte, erleichterte den Erwerb von Farmland. Das Familienfarm-Gesetz (Homestead Act) von 1862 hatte später die weitestgreifenden Konsequenzen für die Westwärtsbewegung: Jedem Siedler wurden gegen eine geringe Gebühr 160 acres auf Dauer zugesprochen, sobald er dieses Areal fünf Jahre bewirtschaftet hatte.

1830 lebte bereits ein Drittel der nun fast 14 Millionen Einwohner zählenden amerikanischen Bevölkerung westlich der Appalachen, und in den 1840er-Jahren verloren die Staaten zwischen den Appalachen und dem Mississippi bereits ihren frontier-Charakter. Eine natürliche Grenze der Wanderungsbewegung mit landwirtschaftlicher Erschließung hatten lange Zeit die westlich von Arkansas beginnenden trockenen Präriegebiete, die Great Plains, gebildet. Doch die Westwärtsbewegung machte nun einen großen Sprung und verschaffte sich durch die von Trappern und Forschungsreisenden erschlossenen Routen (trails) – die berühmteste unter ihnen war der "Oregon Trail" – Zugang zum Fernen Westen.

Durch Goldfunde in Kalifornien wurde der legendäre Goldrausch von 1849 ausgelöst und ließ allein im ersten Jahr 80 000 Menschen dorthin strömen. Die Westwärtsbewegung wurde nun auch verstärkt in diese Region ausgedehnt; nur drei Jahre später war die dortige Bevölkerungszahl bereits um das Dreifache gestiegen.

Auswirkungen auf die Urbevölkerung

Die Erschließung des Westens war untrennbar mit der Vertreibung und teilweisen Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner (Native Americans) verbunden. Kriege und Kontakt mit bislang unbekannten Krankheitserregern dezimierten ihre Population im heutigen Gebiet der USA von ursprünglich mehreren Millionen auf etwa 500 000. Der Versuch der Bundesregierung, westlich von Arkansas und Missouri territoriale Grenzen zwischen ihnen und den Siedlern festzulegen, wurde aufgegeben, als der Siedlerstrom dorthin zu stark anschwoll; danach erwarb die Regierung in Verträgen, die die Ureinwohner benachteiligten, gegen ein geringes Entgelt weiträumige Landflächen.

Nach damals vorherrschender Meinung erschien es zwecklos, die amerikanische Urbevölkerung "zivilisieren" zu wollen. Demzufolge verfügte ein Bundesgesetz 1830 die Vertreibung aller noch im Osten befindlichen Ureinwohner in Gebiete westlich des Mississippi. Hauptsächlich davon betroffen waren die Cherokee, Chickasaw, Choctaw, Creek und Seminolen, die bislang in South Carolina, Georgia und Florida unter dem Schutz der Bundesregierung gelebt hatten. Ihre Versuche, sich juristisch gegen die Umsiedlung zu wehren, blieben erfolglos. 1837 richtete die Bundesregierung für sie ein Territorium zwischen dem Missouri und dem Red River im heutigen Oklahoma ein. Insgesamt wurde ihnen nur ein Drittel ihres ursprünglichen Landes westlich des Mississippi zugestanden, dessen Bodenqualität zudem wesentlich schlechter war. 1838 wurden die restlichen 17 000 Cherokee, von Bundessoldaten bewacht, in das "Indianerterritorium" zwangsumgesiedelt. Etwa 4 000 von ihnen verstarben auf der entbehrungsreichen 2000 Kilometer langen Strecke, die als "Weg der Tränen" (Trail of Tears) in die Geschichte eingegangen ist. Um 1840 galt das Gebiet östlich des Mississippi für die Siedler als nahezu "befriedet". Aber auch westlich des Flusses sollten Native Americans nicht lange vor dem unermüdlichen Ansturm der Siedler sicher sein; sie wurden in zunehmend kleinere Reservate verbannt. Die geschätzte Zahl der indianischen Urbevölkerung nahm von 1845 bis 1860 von 150 000 auf 35 000 ab.

Quellentext

Der letzte Kampf der Sioux

[...] Vor dem Bürgerkrieg ist das Land westlich des Mississippi noch Indianerland. Über die Great Plains, den schier endlosen grasbewachsenen Ebenen im Herzen des Kontinents, ziehen Büffelherden, die oft Hunderttausende von Tieren umfassen. Von ihnen leben die Sioux und die vielen anderen Stämme im Westen. Beunruhigt erleben sie, wie immer mehr Siedler den Mississippi überqueren, von Kalifornien aus Männer auf der Suche nach Bodenschätzen ins Herz des Kontinents gelangen und Cowboys von Texas aus nach Norden reiten.

Zwar sind den Einheimischen in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Rechte an den Great Plains, dem Prärieland vor den Rocky Mountains, zugesichert worden. Aber wie üblich halten sich weder die landhungrigen Siedler noch die Regierung in Washington lange an die Vereinbarungen. Die kriegerischen Stämme des Westens denken nicht daran, ihr Land kampflos aufzugeben. Von 1860 bis 1880 toben im Westen fast ununterbrochene Indianerkriege. Um den Ureinwohnern die Lebensgrundlage zu entziehen, schlachten die US-Armee und Westmänner wie Buffalo Bill systematisch die Büffelherden ab.

1867 stimmen die Comanchen, Kiowa, Arapaho und Cheyenne entmutigt zu, sich ins Ödland von Oklahoma umsiedeln zu lassen. Doch die Sioux, die die Great Plains dominieren, geben nicht auf. Besonders heftig tobt der Kampf um die Blacks Hills in North Dakota. Sie sind den Sioux heilig, doch als in dieser Gegend Gold gefunden wird, fallen Schwärme von Glücksrittern dort ein. Eine der ersten Gruppen von Goldsuchern wird von Lieutenant-Colonel George A. Custer (1839-1876) geführt, einem draufgängerischen, eitlen Offizier, der nicht gerade für seine militärischen Fähigkeiten bekannt ist. Die Sioux antworten mit Gewalt, und die Gefechte wachsen sich zum Großen Sioux-Krieg aus, der fünfzehn Monate dauert und fast den ganzen Westen erfasst. Im berühmten Kampf am Little Bighorn River 1876 bekommt Custer und mit ihm die U.S. Army die Quittung: Als er mit nur 210 Männern auf ein Hauptlager der Sioux stößt, macht der legendäre Häuptling Tatanka Yotanka, besser bekannt unter dem Namen Sitting Bull (1831-1890), mit 2 500 Kriegern die kleine Gruppe restlos nieder.

Es bleibt einer der wenigen Siege der eingeborenen Stämme gegen die vordringenden Siedler. Auch die Sioux müssen ihr Land schließlich aufgeben und in ein unwirtliches Reservat ziehen. [...] Noch wesentlich länger, fast fünfzehn Jahre, hält der Apachenhäuptling Goyathlay (oder Geronimo) seinen Widerstand im Südwesten der USA durch. Als er sich 1886 ergibt und gefangengenommen wird, ist die Ära der Indianerkriege zu Ende.

In der verzweifelten Hoffnung, doch noch ihr Land zurückzugewinnen und ihre vielen toten Familienmitglieder und Freunde wiederzuerwecken, folgen viele Indianer in dieser Zeit der Ghost-Dance-Religion. Wie ein Fieber breitet sich der neue Glaube, der angeblich unverwundbar machen soll, von einem Reservat zum anderen aus. Die Indianer kämpfen nicht mehr, sie tanzen nur noch bis zur Erschöpfung. Doch die Regierung ist misstrauisch, vermutet Widerstand hinter diesen eigenartigen Geistertänzen. In dieser Stimmung kommt es 1890 bei Wounded Knee in South Dakota zu einem letzten Massaker: US-Soldaten ermorden rund 350 friedliche indianische Männer, Frauen und Kinder. Nun hat sich gezeigt, dass der Geistertanz nicht unverwundbar macht, und auch die letzte Hoffnung ist dahin. Von den ursprünglich einmal vier Millionen Ureinwohnern sind gerade einmal 250 000 übrig geblieben, die sich immer apathischer in ihr Schicksal fügen. Die Regierung versucht eifrig und mit wechselndem Erfolg, sie zu "amerikanisieren" oder zu "zivilisieren". Was darauf hinausläuft, ihre Kultur auszulöschen. Erst 1924 gestehen die Vereinigten Staaten von Amerika den ursprünglichen Bewohnern des Kontinents die Bürgerrechte zu.

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca-Cola, Campus Verlag, Frankfurt / M. 2005, Seite 96 ff.


Durch den Bau der transkontinentalen Eisenbahn, der 1869 abgeschlossen war, strömten nun noch mehr Siedler in das Gebiet westlich des Mississippi. Die zahlreichen Farmen und die Ausrottung der Büffelherden zerstörten die Existenzgrundlagen der "Prärieindianer", die zum Teil erbitterten Widerstand gegen die Vernichtung ihrer Lebenswelt leisteten. Mehr als 30 Jahre währte dieser Kampf, darunter der Cheyenne-Arapaho-Krieg von 1861 bis 1864, die Sioux-Kriege von 1862 bis 1876 und der Apachen-Krieg von 1871 bis 1886. Die Bundesregierung insistierte auf der Einrichtung von Reservaten. So sollten die nördlichen Sioux in das Dakota-Territorium, die südlichen "Prärieindianer" nach Oklahoma und die Apachen, Navaho und Ute in Reservate des Südwestens umgesiedelt werden. Als 1876 in den von den Sioux als heilig empfundenen Black Hills in Süd-Dakota Gold gefunden wurde und die Bundesregierung die Goldsucher und Siedler schützte, kam es zu einer Koalition von Sioux und Cheyenne, die in der Schlacht am Little Bighorn River 1876 gemeinsam die gesamte Truppe von Colonel George A. Custer töteten. Dies sollte jedoch die letzte erfolgreiche Gegenwehr der Native Americans sein. Im Massaker bei Wounded Knee in Süd-Dakota, bei dem Bundestruppen 1890 über 300 wehrlose Ureinwohner, unter ihnen Frauen und Kinder, umbrachten, wurde der indigene Widerstandswille gänzlich gebrochen.

Einwanderung

Ohne die immensen Einwanderungswellen, die nach 1840 die für die Landerschließung notwendigen Arbeitskräfte in die Vereinigten Staaten brachten, wären die Besiedlung und der rapide Wirtschaftsaufschwung des Landes undenkbar gewesen. Während zwischen 1820 und 1830 lediglich 152 000 Menschen ihr Glück in der Neuen Welt suchten, wurden in den 1840er-Jahren 1,7 Millionen Neueinwanderer verbucht; um die Jahrhundertmitte war fast jeder zehnte der über 23 Millionen US-Amerikaner nicht in den Vereinigten Staaten geboren.
Bis Ende des Jahrhunderts kam der Zustrom überwiegend von den britischen Inseln und aus Nord- und Mitteleuropa. Das bei Weitem größte Kontingent zwischen 1820 – dem ersten Jahr der zahlenmäßigen Erfassung der Einwanderung durch die US-Regierung – und 1880 stellten dabei die Deutschen mit 3,1 Millionen, dann folgten die Iren mit 2,8 sowie die Engländer mit 1,9 Millionen.

Der Assimilationsprozess verlief durchaus nicht reibungslos. Etwa zwei Drittel der irischen und ein Drittel der deutschen Immigranten nach 1840 waren Katholiken, die auf eine vorwiegend vom englischen Protestantismus geprägte Aufnahmegesellschaft trafen. Daraus erwuchsen ethno-religiöse Konflikte, die zunächst in den Städten des Nordostens, wie zum Beispiel in Philadelphia (1844), und später auch im Mittelwesten zu Aufruhr führten. Spannungen entstanden aber nicht nur durch unterschiedliche Konfessionszugehörigkeiten, sondern auch durch die Bereitschaft vieler Immigranten, niedrigere Löhne als alteingesessene Arbeitskräfte zu akzeptieren und damit deren Arbeitsplätze zu gefährden.

Die deutschen Immigranten bevorzugten nach den Hafenstädten New York und Baltimore den Mittelwesten; Iren zogen vor allem in die urbanen Gebiete des Nordostens und Engländer hauptsächlich in die Staaten New York, New Jersey und Pennsylvania. Die Südstaaten wurden von den meisten Einwanderern wegen ihrer kaum entwickelten Industrie, der Sklaverei und des heißen Klimas eher gemieden. Insofern vertiefte die geografische Verteilung der Neuankömmlinge noch die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Nord und Süd. Der Westwärtswanderung in die ferneren Gebiete und zur frontier gehörten hauptsächlich gebürtige Amerikanerinnen und Amerikaner an.