izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Von den Kolonien zur geeinten Nation

Nord-Süd-Konflikt



Zwischen 1840 und 1860 erlebte die US-amerikanische Industrie ein stetiges und in einigen Bereichen außerordentliches Wachstum. 1860 erreichten ihre Erzeugnisse erstmalig den Wert der landwirtschaftlichen Produktion. Vor allem im Nordosten schritt die Industrialisierung schneller voran als in den anderen Landesteilen. Dort entstand eine Industrieregion mit guter Infrastruktur, in der die verschiedenen Produktionszweige effektiv miteinander verbunden waren, gesteuert von einer einflussreichen Klasse von Industriekapitalisten, die zunehmend erhebliches politisches Gewicht erhielt. Der Urbanisierungsprozess, der gravierende politisch-soziale Veränderungen mit sich brachte, wurde dadurch enorm beschleunigt. Bis 1860 lebten bereits 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in Städten mit mehr als 2 500 Einwohnern, während es 1810 noch sechs Prozent gewesen waren. Im gleichen Zeitraum war auch ein Wandel in der Verteilung der Arbeitskräfte eingetreten: Es gingen inzwischen mehr als doppelt so viele Menschen nicht-landwirtschaftlicher Tätigkeit nach (45 statt 21 Prozent).

Eine wahre Revolution hatte im Transportwesen stattgefunden. Speziell der Ausbau der Eisenbahnwege trieb die Industrialisierung und die Erschließung von Binnenmärkten voran. Bereits 1860 hatten die USA ein größeres Schienennetz als alle anderen Länder der Welt zusammen.

Wirtschaftliche Ursachen

Eine dominierende Rolle in der US-Wirtschaft zwischen 1815 und 1860 spielte die Baumwolle. Die Südstaaten bauten sie an, der Nordosten (teilweise auch England) verarbeitete sie in seinen Manufakturen und Fabriken zu Kleidung und versorgte seinerseits den Süden mit den hergestellten Waren. Reeder der Ostküste dominierten den Baumwolltransport nach England. Durch die immense Nachfrage nach Rohbaumwolle seitens Englands, Frankreichs und des eigenen amerikanischen Nordostens erlebte auch der Süden einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Vor allem die technische Vervollkommnung der Baumwollentkörnungsmaschine setzte die Arbeitskraft der Sklaven frei zur Kultivierung immer größerer Nutzflächen für den Anbau. Rasch breitete sich king cotton von den Küstenstaaten bis nach Texas aus. Um die Jahrhundertmitte, als die Südstaaten über 300 000 Tonnen Rohbaumwolle produzierten, betrug der entsprechende Anteil der USA am Weltmarkt sieben Achtel. Da der Anbau in Monokultur den Boden nach einiger Zeit unfruchtbar werden ließ, mussten neue Bodenflächen erschlossen werden. Das dadurch geschürte Verlangen nach Expansion hatte Folgen für die nationale Politik der Südstaaten.

Im Zentrum des Ringens zwischen Norden und Süden stand zweifellos die Sklaverei, aber sie war nicht die einzige Ursache des Nord-Süd-Gegensatzes. Vielmehr verbanden sich ökonomische, politisch-ideologische und kulturelle Faktoren zu einem Problemknäuel, das durch Ausgleichsbemühungen und Kompromisse letztlich nicht mehr entwirrt werden konnte. Während sich im Norden seit den 1820er-Jahren eine zunehmend komplexe und diversifizierte Wirtschaft entwickelt hatte, in der die Bedeutung des agrarischen Sektors allmählich zugunsten von Industrialisierung und Handel abnahm, bewahrte der Baumwollanbau im Süden den agrarischen Charakter der gesamten Region. Die Pflanzer dachten und handelten durchaus als Unternehmer, wobei Sklaven für sie zugleich Arbeitskräfte und Kapital waren, eine "Ressource", die im Zuge des Baumwollbooms knapp und teuer wurde. Auch kulturell blieb der Süden stärker der Vergangenheit verhaftet. Weiße Südstaatler schlossen sich zunehmend enger zusammen, um ihre überlieferten Werte und Ideale zu verteidigen.

Der wirtschaftliche Interessengegensatz zwischen Nord und Süd zeigte sich auch in der Zollgesetzgebung. Der Norden, bemüht, seine Industrien vor der Flut der englischen Produkte zu schützen, trat für eine Schutzzollpolitik ein und verstand es, diese Art der Gesetzgebung auch im Kongress durchzusetzen. Die hohen Zölle benachteiligten jedoch eindeutig den exportorientierten Süden, der jetzt auf seine importierten Fertigwaren einen hohen Zoll zahlen oder sie im Nordosten relativ teuer erstehen musste.

Kontroverse um die Sklaverei

Die Sklaverei bewirkte letztlich, dass diese Unterschiede zu einem unüberbrückbaren Gegensatz wurden, der sich in einem unerbittlichen Verschleißkrieg zwischen beiden Regionen entladen sollte.

1850 gab es 2,5 Millionen Sklaven im US-amerikanischen Süden, die zum überwiegenden Teil im Baumwollanbau, aber auch im Tabak-, Zucker- und Reisanbau beschäftigt waren.

Gegen das brutale Ausbeutungssystem der Sklaverei wandten sich immer mehr Menschen in den Nordstaaten, die sogenannten Abolitionisten. Aus ihren Reihen wurde auch die organisierte Fluchthilfe unterstützt, die bis zum Bürgerkrieg mehr als 60 000 Sklaven den Weg in die Freiheit ermöglichte.

Quellentext

Die Sklavenfrage in den USA

Schwarze haben ein hartes Leben auf den Plantagen der Südstaaten: Feldsklaven müssen zehn oder mehr Stunden täglich in der sengenden Sonne härteste Arbeit verrichten. Nach der Mechanisierung des Baumwollanbaus in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts werden ihre Lebensbedingungen immer schlimmer: Die Farmen werden größer, und die Arbeiter werden nicht mehr von ihren Besitzern beaufsichtigt, sondern häufig von Aufsehern, die am Gewinn beteiligt sind. Sie zwingen die Feldsklaven, möglichst schnell zu schuften, und sparen dabei nicht mit Peitschenhieben; da die Schwarzen nicht ihr Eigentum sind, sehen sie keinen Grund, sie schonend zu behandeln. Wer es wagt aufzubegehren, darf getötet werden, ohne dass der Täter dafür verurteilt wird.

Wer als Haussklave – zum Beispiel Diener, Köchin oder Kindermädchen – eingesetzt wird, hat es etwas leichter. Aber auch diese Schwarzen sind völlig der Willkür ihrer Herren preisgegeben und haben keine Kontrolle über ihr Leben [...]. Sie zählen genauso zum Besitz ihres Herren wie der Hausrat, und ihr Besitzer kann sie verkaufen, wie und wohin er möchte; [...] 300 Dollar kostet ein Feldarbeiter zunächst, doch als 1808 der weitere Import von Sklaven verboten wird, steigen die Preise für ein Menschenleben bis auf 1 000 Dollar. Deshalb können sich wenige Menschen im Süden mehrere Sklaven leisten und nur eine kleine Elite von Pflanzern hat mehrere Hundert schwarze Arbeitskräfte.

Dem Gesetz nach ist Sklaverei sozusagen erblich: Die Kinder einer Sklavin sind automatisch ebenfalls Sklaven. Auch wenn der Vater ihr weißer Besitzer ist, was oft genug vorkommt. Doch es gibt Auswege aus der Sklaverei. Manche schaffen die Flucht nach Norden, in die Freiheit. Andere werden nach dem Tod des Besitzers freigelassen, wenn dieser das so im Testament festgelegt hat. Oder sie bekommen die Erlaubnis, sich freizukaufen. Doch das glückt nur wenigen. [...]

Während schwarze Sklaven in manchen Gegenden des Südens mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen, gibt es im Norden nur wenige Afroamerikaner – keine Sklaven, sondern Freie. [...]
Im Norden ist die Sklaverei von Beginn an unwichtig, denn hier brauchte man nicht die Muskelkraft von ungelernten Feldarbeitern, sondern vor allem Handwerker, Baumeister, Ingenieure, Drucker, Juristen. [...]

Die Wirtschaft der Südstaaten ist abhängig von den Ernten, die zum großen Teil nach Europa verkauft werden. Und von den Sklaven, denn man braucht viele billige Arbeitskräfte, um auf den riesigen Feldern Tabak und Baumwolle anzubauen. Ohne die vielen Schwarzen könnten die weißen Pflanzer ihren herrschaftlichen Lebensstil nicht beibehalten. Sie [...] können sich nicht vorstellen, sie abzuschaffen und auf ihre vielen Diener zu verzichten. [...]
Ab 1840 ist die Sklaverei das wichtigste Thema in der Politik. [...]

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca-Cola, Campus Verlag, Frankfurt / M. 2005, Seite 69 ff.


Im Kontext des Abolitionismus entwickelte sich die erste amerikanische Frauenbewegung. Frauen besaßen einen starken Anteil an der Gründung abolitionistischer Zweigorganisationen, Führungspositionen wurden ihnen aber vorerst noch verwehrt. Als 1840 einer Gruppe von weiblichen Delegierten auf dem internationalen Anti-Sklaverei-Kongress in London der Zutritt verweigert wurde, mobilisierte dies viele Frauen in den Vereinigten Staaten. 1848 verabschiedete der erste Frauenrechts-Konvent in Seneca Falls, New York, eine Deklaration (Declaration of Sentiments), in der unter Bezugnahme auf die Unabhängigkeitserklärung festgestellt wurde, dass "alle Männer und Frauen gleich geboren sind". Auf der Konferenz wurde auch die Einführung des Wahlrechts für Frauen verlangt. Erfüllt wurde diese Forderung allerdings erst mit dem 19. Verfassungszusatz von 1920.

Die Südstaaten sahen in den Abolitionisten die Stimme des Nordens schlechthin und reagierten, indem sie das System der Sklaverei verteidigten und als einen integralen Bestandteil ihrer Kultur definierten: Anders als in der "Lohnsklaverei" des industrialisierten Nordens, wo Arbeiter in ihren Augen unter ebenfalls unwürdigen Bedingungen arbeiteten und in Elendsquartieren der Großstädte hausten, würden Sklaven im Süden – so die Argumentation – humaner behandelt, da ihnen Nahrung garantiert werde sowie Unterkunft und medizinische Versorgung zustehe; außerdem seien Hochkulturen wie die der Griechen und Römer ohne Sklaverei undenkbar gewesen.

Seit der Amerikanischen Revolution gab es immer wieder Stimmen, die ein harmonisches Zusammenleben zwischen Weiß und Schwarz in den Vereinigten Staaten grundsätzlich für unmöglich hielten und daher für eine generelle "Rückführung" aller Schwarzen oder zumindest der freien Afroamerikaner nach Afrika plädierten. Die 1816 gegründete American Colonization Society kaufte zu diesem Zweck Land an der Westküste Afrikas und nannte es "Liberia". Zu Beginn des Bürgerkrieges 1861 lebten dort rund 12 000 freiwillig zurückgekehrte Afroamerikaner.

Zunehmende Polarisierung

Die Kontroverse über die moralisch-ethische Dimension der Sklaverei gewann fortlaufend an Schärfe. Politische Kompromisse, wie der Fugitive Slave Act von 1850, der die Rückführung von in den Norden geflohenen Sklaven in den Süden erleichtern und Strafen für Fluchthelfer verschärfen sollte, wurden im Norden leidenschaftlich diskutiert.
Weiteren Zündstoff lieferte die neue Kompromissformel des sogenannten Kansas-Nebraska Act von 1854. Er gestattete den Einzelstaaten, über ihren Status in puncto Sklaverei künftig selbst zu entscheiden, und dehnte diese Entscheidungsfreiheit auch auf die neu hinzugewonnenen Gebiete aus. Das Gesetz annullierte damit den Missouri-Kompromiss von 1820, der den Territorien nördlich des 36. Breitengrades mit Ausnahme von Missouri Sklaverei untersagt hatte.

Es löste eine enorme politische Polarisierung und neue Konstellationen aus. Im Norden führte der Widerstand dagegen im selben Jahr zur Bildung der Republikanischen Partei, deren äußerst heterogene Mitgliederschaft primär das Ziel einte, die weitere Ausbreitung der Sklaverei zu verhindern. Bereits zwei Jahre darauf beteiligten sich die Republikaner wohlorganisiert am Präsidentschaftswahlkampf. Ihr Kandidat John Charles Frémont, der zuvor zur Symbolfigur für die Erschließung des Westens geworden war, unterlag allerdings dem demokratischen Kandidaten James Buchanan (1857-1861). Während die nationalen Parteien vor dem Kansas-Nebraska-Gesetz bemüht gewesen waren, innerparteiliche Kämpfe von nördlichen und südlichen Fraktionen zu schlichten, demonstrierte diese Wahl, dass ein Zweiparteiensystem mit einer politischen Polarisierung um die Sklavenfrage entstanden war: Die Demokraten gewannen ihre politische Stärke durch den Süden, die Republikaner die ihre durch den Norden.

Stärker als alle Parteipolitik trug ein Buch zur Standortbestimmung und Verhärtung der Fronten zwischen Nord und Süd bei: "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher Stowe schilderte eindringlich die Verwerflichkeit der Sklaverei und ihren negativen moralischen Einfluss auf die Gesellschaft. Der Roman wurde gleich nach Erscheinen Anfang der 1850er-Jahre zum Bestseller.

Die nachfolgenden Ereignisse sorgten für eine zunehmend spannungsgeladene und emotionalisierte Krisenstimmung: Im "blutenden Kansas", wo Anhänger und Gegner der Sklaverei um die Frage rangen, ob ihr Staat sklavenfrei bleiben sollte oder nicht, herrschten bereits bürgerkriegsähnliche Zustände. Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) bestimmte in der sogenannten Dred Scott-Entscheidung 1857, dass Sklaven und freie Afroamerikaner keine US-amerikanischen Staatsbürger seien und daher nicht das Recht besäßen, vor einem Bundesgericht zu klagen. Darüber hinaus sprach er dem Kongress die Kompetenz ab, über die Sklaverei in den Territorien zu entscheiden, und erklärte damit alle vorher getroffenen Kompromisse über die Sklaverei für verfassungswidrig. Im Norden verweigerten Sklavereigegner daraufhin die Anerkennung des Obersten Gerichts als letzte Instanz der Verfassungsinterpretation. Die Unruhe steigerte sich zu Aufruhr, als der Abolitionist John Brown 1859 in Harpers Ferry im heutigen West Virginia eine Sklavenrebellion zu entfachen suchte. Er wurde später zur Legende und im Lied "John Brown´s Body ..." verewigt. Zusätzlich destabilisiert wurde das politische Klima durch die Wirtschaftskrise von 1857, deren Auswirkungen den Norden stärker betrafen als den Süden.

Als schließlich 1860 der Republikaner und Sklavereigegner Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, nahm der Süden dies nicht mehr hin – schon zuvor hatten einige Südstaaten für den Fall seines Sieges mit dem Austritt aus der Union gedroht.

Bürgerkrieg (1861-1865)

Anfang 1861 bildeten die sieben Staaten des "Deep South" die "Confederate States of America" und bewiesen dem Norden am 12. April mit dem Beschuss der bundeseigenen Befestigungsanlage "Fort Sumter" im Hafen von Charleston (South Carolina) ihre Entschlossenheit, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Präsident Lincoln reagierte mit dem Aufruf an die anderen Unionsstaaten, 75 000 Freiwillige zur Unterdrückung dieser "Rebellion" bereitzustellen. Die Südstaaten Arkansas, North Carolina, Virginia und Tennessee (das 1863 jedoch zur Union zurückkehrte) kamen dieser Aufforderung nicht nach und schlossen sich den Konföderierten an, die nun Senator Jefferson Davis aus Mississippi zu ihrem eigenen Präsidenten und Richmond in Virginia zur Hauptstadt ausriefen. Die "Grenzstaaten" Missouri, Kentucky, Maryland und Delaware – die selbst Sklaverei gestatteten – verbündeten sich dagegen nach anfänglichem Zögern und inneren Auseinandersetzungen mit der Union. Somit standen den elf abtrünnigen Südstaaten 23 nördliche Einzelstaaten gegenüber.

Im Rückblick erscheint das Vorgehen der Südstaaten, gemessen an ihrer klaren Unterlegenheit und den gewaltigen Menschen- und Energiereserven des industriellen Nordens, erstaunlich. Allein der Vergleich der beiden Bevölkerungen – etwa 22 Millionen im Norden gegenüber neun Millionen im Süden, einschließlich der dortigen rund vier Millionen Sklaven – verdeutlicht die Diskrepanz. Noch wichtiger war das bei Weitem überlegene nördliche Industriepotenzial mit fünfmal so vielen Fabriken sowie einer sehr gut ausgebauten Infrastruktur und fast dreimal so vielen Kilometern Eisenbahnnetz.
Kurzsichtige Südstaatenpolitiker vertrauten auf eine größere Kampfmoral ihrer Soldaten; andere erkannten zwar die ökonomische Überlegenheit des Nordens, waren aber der Ansicht, dass die auf Baumwollimporte angewiesenen europäischen Mächte den Süden unterstützen würden. Die Strategie der Südstaaten ging jedoch nicht auf. England und Frankreich importierten Rohbaumwolle zunehmend aus Ägypten und Indien und blieben aus Furcht vor möglichen Verwicklungen in den Krieg neutral.

Langfristig bedeutsamer als die quantitativ-militärische Dimension des Krieges war für beide Seiten indessen ein schlüssiges und überzeugendes politisches Konzept, das ihrem Kampf die eigentliche Stärke verleihen konnte. Für die Südstaaten war dies einfach: Sie kämpften für ihre Unabhängigkeit, den Erhalt der Sklaverei und die Verteidigung ihres Territoriums. Der Norden dagegen stritt zunächst für nur ein Prinzip: die Einheit der Nation. Doch Lincoln erkannte bald, dass sowohl an der nördlichen Heimatfront als auch im Ausland ein Krieg, der sich primär gegen die Sklaverei richtete, breitere Unterstützung finden würde.

Im September 1862 bezeichnete er neben dem Erhalt der Union demzufolge die Befreiung der Sklaven als Kriegsziel und erklärte alle Sklaven, deren Besitzer sich nach dem 1. Januar 1863 noch in Rebellion befinden sollten, für frei. Diese Proklamation wandelte den Krieg der Union gegen die Konföderation in einen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Von diplomatischer Warte aus betrachtet, zog sie auch einen endgültigen Schlussstrich unter noch mögliche Überlegungen Englands und Frankreichs, auf Seiten des Südens zu intervenieren, da die Öffentlichkeit beider Länder einen solchen Schritt nicht mitgetragen hätte. Kampfbereitschaft und Moral der Unionsarmee dagegen stiegen nun merklich an, zumal für sie jetzt auch die Rekrutierung von Schwarzen eingeführt wurde.

Im Sommer 1863 endete bei Gettysburg in Pennsylvania nach drei Tagen die größte Schlacht des Amerikanischen Bürgerkrieges mit einer Niederlage der Südstaatenarmee unter General Robert E. Lee, ein Ereignis, das Abraham Lincoln im November bei der Einweihung des dortigen Soldatenfriedhofs zum Anlass für eine berühmt gewordene Ansprache (Gettysburg Address) nahm. Im Jahr darauf wurde er für eine zweite Amtszeit wiedergewählt.

Quellentext

Lincolns Gettysburg-Rede vom 19. November 1863

Vor viermal zwanzig und sieben Jahren haben unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation ins Leben gerufen, in Freiheit geschaffen und dem Grundsatz gewidmet, daß alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun sind wir in einen gewaltigen Bürgerkrieg verstrickt, der erweisen wird, ob diese Nation – oder jede andere solcherart gebildete und ausgerichtete Nation – dauerhaft bestehen kann. Wir sind auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges zusammengekommen. Wir sind gekommen, um einen Teil davon jenen als letzte Ruhestätte zu widmen, die hier ihr Leben ließen, auf daß diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, daß wir das tun. Aber in einem tieferen Sinne können wir diesen Boden nicht widmen – können wir ihn nicht weihen – können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, ob lebend oder tot, die hier stritten, haben ihn geweiht, weit über unser Vermögen hinaus, dem irgend etwas hinzuzufügen oder etwas davon abzuziehen. Die Welt wird wenig von dem zur Kenntnis nehmen noch lange erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier vollbrachten. Uns, den Lebenden, gebührt es vielmehr, hier dem unvollendeten Werk geweiht zu werden, das jene bis hier so edel vorangebracht haben. Uns ziemt es vielmehr, uns hier der großen Aufgabe zu verschreiben, die uns noch verblieben ist; auf daß wir von diesen ehrenvollen Toten für uns eine vertiefte Hingabe an die Sache ableiten, der sie das höchste Maß an Hingabe schenkten – so daß wir hier feierlich erklären, daß diese Toten nicht umsonst gestorben sein sollen; daß diese Nation, unter Gott, eine Neugeburt der Freiheit erfahre – und daß die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk nicht aus der Welt verschwinde.

Jörg Nagler, Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident, 2. Aufl., C.H. Beck Verlag, München 2013, Seite 363 f.


Die endgültige Niederlage der Konföderation leitete der berüchtigte Zerstörungszug ein, den die Truppen des Nordstaatengenerals William T. Sherman im Süden unternahmen. 62 000 Soldaten sorgten mit Plünderungen und Verwüstungen für eine ungeheure Demoralisierung und zunehmende Versorgungsschwierigkeiten von Militär und Bevölkerung. Am 9. April 1865 ergab sich Lee seinem nördlichen Gegenspieler General Ulysses S. Grant, und die Südstaatenarmee kapitulierte. So endete der Sezessionskrieg, der mit 750 000 Toten (400 000 auf Seiten der Union, 350 000 im Süden) bis heute den verlustreichsten Krieg in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt.
Am 14. April 1865, fast auf den Tag genau vier Jahre nach Beginn des Krieges, fiel Lincoln bei einem Theaterbesuch in Washington, D. C., dem ersten Präsidentenmord der US-Geschichte zum Opfer. Der Attentäter John Wilkes Booth gehörte einer südstaatlichen Verschwörergruppe an, die führende Politiker des Nordens töten wollte, um die Verleihung der Bürgerrechte an die befreiten Sklaven zu verhindern.

Wiedereingliederung der Südstaaten

Der Sieg des Nordens hatte die Einheit der Nation bewahrt und vier Millionen Menschen aus der Sklaverei befreit. Die sogenannte Reconstruction, Wiederaufbau und Wiedereingliederung des Südens von 1865 bis 1877, war der Beginn eines längerfristigen Prozesses, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hineinreichen: der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Stellung, Emanzipation und Integration der befreiten Schwarzen.

Die abtrünnigen Südstaaten wurden zunächst wieder in die Union aufgenommen. Voraussetzung war, dass sie sich verpflichteten, den 13. Verfassungszusatz anzuerkennen. Dieser war im Dezember 1865 vom erstmals wieder zusammengetretenen Kongress ratifiziert worden und verbot nun offiziell die Sklaverei in den Vereinigten Staaten. An den Verfassungen der Einzelstaaten war jedoch abzulesen, wie ernst diese es mit der Sklavenemanzipation wirklich nahmen. Sie unterlag besonders in Staaten mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit wie South Carolina, Mississippi und Louisiana strengen Rechtsbeschränkungen, den sogenannten Black Codes, welche zum Teil an den gerade abgeschafften Status der Sklaverei erinnerten; so wurde zum Beispiel die freie Berufs- und Ortswahl der Schwarzen eingeschränkt.

1868 setzte die Republikanische Partei schließlich den 14. Verfassungszusatz durch, der Afroamerikanern die Staatsbürgerschaft und Bürgerrechte zusicherte. Erst im 15. Amendment von 1870 wurde den Südstaaten grundsätzlich das Recht abgesprochen, das Wahlrecht aufgrund von "Rasse, Hautfarbe oder früherer Knechtschaft" zu beschränken, wobei Frauen und Ureinwohner von diesen Regelungen allerdings immer noch ausgeschlossen blieben. Mit der Ratifikation des 14. und 15. Amendments, die Anfang des Jahres 1871 abgeschlossen war, wurden alle Südstaaten offiziell wieder in die Union eingegliedert. Parallel zu diesen politischen Maßnahmen gab es Versuche, das Los der befreiten Sklaven zu verbessern, indem ihnen etwa ein Stück Land und ein Maulesel zu dessen Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt wurden. Doch die afroamerikanischen Kleinpächter blieben meist wirtschaftlich abhängig von den ehemaligen Sklavenbesitzern. Letztlich gelang es den Südstaaten bis zum Abschluss der Reconstruction 1877, durch eine Vielzahl von Gesetzen und den Terror des weißen Geheimbundes Ku-Klux-Klan die Rechte und die Stellung von Afroamerikanern so zu beschneiden, dass sie Bürger zweiter Klasse waren.