izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Von den Kolonien zur geeinten Nation

Sozialkonflikte der Gründerzeit



Durch Gesetze auf lokaler Ebene wurden die Schwarzen daran gehindert, ihre nun verbrieften Rechte wahrzunehmen, und Rassentrennung bestimmte ihren Alltag; so wurde ihnen zum Beispiel der Zugang zu Parks, Hotels und anderen öffentlichen Einrichtungen untersagt. Der Supreme Court relativierte wiederholt die Bestimmungen des 13., 14. und 15. Verfassungszusatzes, indem er die Umsetzung der Grundrechte von Afroamerikanern den Einzelstaaten überließ. 1896 entschied der Oberste Gerichtshof im Fall "Plessy gegen Ferguson", dass eine Rassentrennung rechtmäßig sei, wenn Schwarzen gleichwertige Einrichtungen als Alternativen zu denjenigen für Weiße angeboten würden. Diese als "Getrennt aber gleich" bezeichnete Doktrin (separate but equal) führte zu einer generellen Rechtfertigung der Rassentrennung (segregation) in den USA.

Die Gewalt gegen Schwarze in Form von Lynchmorden nahm in den Südstaaten derweil ein erschreckendes Ausmaß an. Die 1909 gegründete National Association for the Advancement of Colored People (NAACP, bis heute die älteste Bürgerrechtsbewegung mit noch rd. 500 000 Mitgliedern) versuchte, die Rechte der Schwarzen durch Musterprozesse einzuklagen und konnte erhebliche Erfolge für sich verbuchen. Eine große Binnenmigration von Afroamerikanern in die Städte des Nordens setzte ein – zwischen 1890 und 1910 waren es etwa 200 000 –, führte zu Ghettobildungen und auch dort zu ersten Rassenunruhen.

Zeitgleich erlebte die Nation eine rapide Industrialisierung, verbunden mit einer verbesserten Infrastruktur und Kommunikation, die wiederum die kontinentale Expansion begleitete. Laissez-faire-Pragmatismus und harscher Materialismus kennzeichneten nunmehr das sogenannte Vergoldete Zeitalter (Gilded Age) der amerikanischen Gründerzeit, dessen Namen auf einen Roman von Mark Twain und Charles Dudley Warner zurückging. Massive Einwanderungswellen seit den 1890er-Jahren, Probleme der Urbanisierung und Arbeitskämpfe sowie weit verbreitete Korruption führten zu einem angespannten sozialen Klima.

Als die amerikanische Zensusbehörde 1890 mit der Besiedlung der Pazifikregion die Zeit der frontier für abgeschlossen erklärte, bedeutete dies für viele Amerikaner das Ende einer Ära. Einerseits schien nun das "Sicherheitsventil" weggefallen zu sein, durch eine Abwanderung in den Westen Sozialkonflikte in den Ballungsgebieten zu entschärfen. Andererseits war fraglich, welche Entwicklung der Kontinent nach dem Abschluss dieser territorialen Expansion nehmen würde. Als 1893 eine schwere Wirtschaftskrise das Land heimsuchte, wurde der Ruf nach neuen Absatzmärkten für die heimische Überproduktion industrieller und agrarischer Produkte laut. Dafür boten sich nahe liegende Regionen in Mittel- und Südamerika sowie Ostasien an, wo US-Firmen schon seit längerer Zeit präsent waren. Immer mehr Stimmen plädierten für den Aufbau einer großen Handelsmarine und einer sie schützenden starken Flotte – und damit für einen Imperialismus, der dem europäischen ähnelte, aber durch den spezifisch amerikanischen Sendungsgedanken ergänzt wurde.

Auseinandersetzung mit Spanien

Der 1898 ausbrechende Spanisch-Amerikanische Krieg kam vielen Befürwortern dieses Imperialismus entgegen. Schon länger waren die spanischen Herrschaftsmethoden auf Kuba Gegenstand der Kritik gewesen, und die nationalistische Presse hatte ein Eingreifen gefordert. Nach der Explosion des US-Kriegsschiffs "Maine" im Februar 1898 im Hafen von Havanna, bei der 260 Menschen umkamen, wurde der spanischen Seite umgehend die Schuld an diesem Unglück gegeben. Der republikanische Präsident William McKinley (1897-1901) bat daraufhin den Kongress, einer Intervention auf Kuba zuzustimmen. Dieser forderte die spanische Regierung auf, ihre Streitkräfte zurückzuziehen, und betonte dabei, dass die USA nicht vorhätten, Kuba zu annektieren. Nachdem die USA eine Seeblockade um Kuba errichtet hatten, erklärte Spanien den Vereinigten Staaten jedoch den Krieg, und Ende Juni begann die US-amerikanische Invasion in Kuba. Sie wurde in kurzer Zeit erfolgreich abgeschlossen, nachdem die dortige spanische Flotte zerstört worden war. Im Dezember 1898 musste Spanien im Frieden von Paris die Philippinen, Puerto Rico und die Insel Guam gegen eine Zahlung von 20 Millionen US-Dollar den USA überlassen und alle Ansprüche auf Kuba aufgeben, wo bis 1902 US-Streitkräfte und danach Flottenstützpunkte verblieben. Ferner behielten sich die USA das Recht einer Intervention im Falle der Gefährdung amerikanischen Lebens und Eigentums vor. Trotz vorheriger Beteuerungen des Kongresses, es nicht annektieren zu wollen, wurde Kuba nun zu einem Protektorat der Vereinigten Staaten, wenngleich mit eigener Verfassung und Regierung.

Der Spanisch-Amerikanische Krieg hatte die globale außenpolitische Bedeutung der Vereinigten Staaten schlagartig verändert: Im Pazifik waren Stützpunkte und mit den Philippinen nach erbitterten Kämpfen sogar ein größerer territorialer Gewinn hinzugekommen. Gegenüber Mittel- und Südamerika hatten die USA deutlich dokumentiert, dass sie militärisch in der Lage und gewillt waren, in bestimmten Fällen zu intervenieren. Gegenüber Asien wurde der Weg eines "informellen Imperialismus" eingeschlagen, der im Gegensatz zu den europäischen Rivalen nicht das Land mit Truppen, sondern den enormen Markt des asiatischen Festlandes, allen voran Chinas, mit US-Dollars erobern wollte. Gleichwohl blieb es teilweise bei Visionen; so überstieg zum Beispiel der Anteil der Exporte nach China am US-amerikanischen Gesamtexportvolumen im ganzen 20. Jahrhundert keine drei Prozent. Innenpolitisch trug der Spanisch-Amerikanische Krieg nicht nur zu einer nationalistischen Aufbruchstimmung bei, sondern auch zu einer anti-imperialistischen Bewegung, die innerhalb der Bevölkerung Befürworter eines allgemeinen Isolationismus aktivierte. Die parallelen Strömungen von Globalisierungsdrang und Isolationismus sollten noch über Jahrzehnte bis zum Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg die Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der US-Außenpolitik bestimmen.