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izpb USA

20.3.2014 | Von:
Stormy-Annika Mildner
Julia Howald

Die US-amerikanische Wirtschaft

Das Ende des American Dream?

Die US-amerikanische Gesellschaft und Wirtschaft fußt auf dem American Dream, dem Glauben, dass es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen und die soziale Leiter nach oben klettern kann. Mit der Finanz-und Wirtschaftskrise ist dieser Traum jedoch ins Wanken geraten.
Noch Ende 2000 betrug der Anteil der Arbeitslosen an der zivilen Bevölkerung laut dem BLS weniger als vier Prozent, was nach heutigem Standard einer Vollbeschäftigung gleichkommt. Gerade im Dienstleistungssektor wurden viele neue Stellen geschaffen. Gründe für die positive Beschäftigungsentwicklung waren die anhaltend starke Konjunktur im Zeitraum 1993 bis 2000, die vergleichsweise flexible Arbeitsmarktverfassung und die Flexibilität und Mobilität der Beschäftigten.
Als die US-Wirtschaft 2000/01 nach dem Platzen der New-Economy-Blase und den Terroranschlägen vom 11. September in eine Rezession rutschte, stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an. Im Juni 2003 erreichte sie einen Stand von 6,3 Prozent und sank auch dann kaum, als das Wirtschaftswachstum bereits wieder angezogen hatte – ein Phänomen, das als Jobless Recovery bezeichnet wurde.

US-Arbeitsmarkt - JahresdurchschnittswerteUS-Arbeitsmarkt - Jahresdurchschnittswerte
Auch nach der jüngsten Krise gestaltet sich die Erholung am Arbeitsmarkt mühsam und langwierig. Im Juli 2013 lag die Arbeitslosigkeit bei 7,4 Prozent. In einigen Bundesstaaten ist sie noch deutlich höher (z. B. Illinois 9,2 %, Michigan 8,8 %). Damit verharrt die Arbeitslosigkeit seit Ende der Krise trotz wirtschaftlichen Wachstums auf einem für die USA untypisch hohen Niveau. Ungewöhnlich für das Land ist auch der hohe Anteil der Langzeitarbeitslosen. Im Juli 2013 waren 37 Prozent der Arbeitslosen bereits für mindestens 27 Wochen ohne Job. Nimmt man diejenigen hinzu, die bereits nicht mehr nach Arbeit suchen, sowie diejenigen, die unterbeschäftigt sind, aber eigentlich eine Vollzeitstelle wollen (Unterbeschäftigungsquote), lag die Arbeitslosigkeit im Juli 2013 bei 14 Prozent.

Analysten sind sich uneinig, ob die Ursachen für die hohe Arbeitslosigkeit konjunkturell (den Auf- und Abschwüngen der Wirtschaft folgend), friktionell (Sucharbeitslosigkeit) oder auch strukturell (Defizite in den Rahmenbedingungen) sind. Ein wichtiger Grund für die schlechte Arbeitsmarktsituation liegt dem Fed-Ökonomen Murat Tasci zufolge in der niedrigeren Jobumschlagsrate: Noch in den 1990er-Jahren wechselten die Amerikaner deutlich häufiger ihre Arbeitsstelle. Heute sind sie stärker lokal gebunden, unter anderem aufgrund der hohen Hypotheken, die auf vielen Häusern lasten, und der schwachen Nachfrage am Immobilienmarkt. Während im Jahr 1985 noch 20,2 Prozent der Amerikaner für eine neue Arbeitsstelle an einen anderen Wohnort zogen, lag dieser Anteil zwischen 2010 und 2011 nur noch bei 11,6 Prozent.

Quellentext

Wer gilt als arbeitslos in den USA?

Der Arbeitslosenquote in den USA liegt eine andere Erhebungsmethode zugrunde als in Deutschland. Denn sie basiert nicht, wie dies in der Bundesrepublik der Fall ist, auf einer flächendeckenden Erhebung, sondern auf einer monatlichen Befragung repräsentativer Haushalte („Current Population Survey“). Dabei werden nur diejenigen als arbeitslos erfasst, die in den vier Wochen vor der Umfrage aktiv nach Arbeit gesucht haben. Um dagegen als erwerbstätig aufgeführt zu werden, muss eine Person lediglich in der Woche der Befragung gegen Bezahlung in einem fremden Unternehmen oder im eigenen Unternehmen gearbeitet haben – die Wochenarbeitsstunden spielen dabei keine Rolle, es kann also sein, dass die Person nur für eine Stunde gearbeitet hat. Auch als erwerbstätig zählen Personen, die mindestens 15 Stunden in der Woche der Befragung unbezahlt in einem Familienunternehmen gearbeitet haben. Und diejenigen Personen, die in der Woche der Befragung nicht gearbeitet haben (beispielsweise wegen schlechten Wetters, Krankheit, Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub), aber sonst einen Job haben, werden ebenfalls als erwerbstätig gezählt, egal ob sie während dieser Zeit bezahlt wurden und/oder auf der Suche nach einer anderen Arbeit waren oder nicht. Die US-amerikanische Arbeitslosenquote gibt somit kein sehr genaues Bild darüber ab, wie viele Menschen tatsächlich vollbeschäftigt sind, und die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein als die offiziellen Raten vermitteln.
Neben der gesunkenen Mobilität liegt ein weiterer Grund in der hohen Produktivität – der Menge der Waren und Dienstleistungen, die eine Arbeitskraft in einer Arbeitsstunde herstellen kann. Sie ist eine Stärke der US-Wirtschaft, führt aber auch dazu, dass weniger Arbeitskräfte gerade auch im produzierenden Gewerbe gebraucht werden. Im Dienstleistungssektor sind darüber hinaus während der Wirtschafts- und Finanzkrise viele Jobs im Niedriglohnsegment wegrationalisiert worden.
Zwei weitere Trends sind besorgniserregend: die steigende Armut und die wachsende Einkommensungleichheit. Über die Entwicklung der Einkommen gibt das Medianeinkommen der Bevölkerung Auskunft, also der Wert, der die Menge aller Einkommen in zwei Hälften teilt. Nachdem das Medianeinkommen seit den 1960er-Jahren (mit wenigen Ausnahmen in Rezessionsjahren) kontinuierlich gestiegen war, ging es im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise zurück. 2011 sank es laut dem U.S. Census Bureau um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und lag damit um 8,1 Prozent niedriger als 2007, im letzten Jahr vor der Finanz- und Wirtschaftskrise.
Auch die Einkommensungleichheit ist weiter gestiegen (siehe Grafik Seite 56). Der Gini-Koeffizient, welcher die Einkommensungleichheit in einem Land misst, lag in den USA im Jahr 2010 laut der OECD bei 0,38 (nach Steuern und Übertragungen). Ein Koeffizient von 0 bedeutet, dass die Einkommen absolut gleich verteilt sind. Bei einem Koeffizienten von 1 würde nur eine Person das komplette Einkommen im Land erhalten. Von den OECD-Ländern hatte nur Mexiko einen höheren Gini-Index (0,47). In Frankreich beispielsweise lag er im selben Jahr bei 0,30, in Deutschland bei 0,29 und in der Tschechischen Republik, dem Land mit der geringsten Einkommensungleichheit innerhalb der OECD, bei 0,26.
Hinzu kommt ein bereits seit den 1970er-Jahren wachsender Anteil armer Menschen. 46,2 Millionen US-Amerikaner (15 % der Bevölkerung) lebten im Jahr 2011 laut dem U.S. Census Bureau unterhalb der Armutsgrenze, der höchste Stand seit 1993. Vor allem betroffen sind Kinder und Angehörige ethnischer Minderheiten: Im Jahr 2011 waren 21,9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, 27,6 Prozent aller Afroamerikaner und 25,3 Prozent aller Latinos arm. Besonders gravierend ist die Armut im Süden der USA.

Erschreckend ist zudem, dass viele Amerikaner trotz Beschäftigung arm sind. Als working poor gelten laut Definition des BLS diejenigen, die für mindestens 27 Wochen innerhalb des Jahres Arbeit hatten oder als aktiv arbeitssuchend registriert waren und unterhalb der Armutsgrenze lebten. Laut dem BLS gab es im Jahr 2011 in den USA 10,4 Millionen Erwerbsarme. Davon hatten 4,4 Millionen in der Regel einen Vollzeitjob. Der Anteil der working poor an der Erwerbsbevölkerung lag 2011 bei sieben Prozent.
Am Problem der Arbeitsarmut ändert auch der gesetzlich festgeschriebene Mindestlohn (federal minimum wage) nichts, den es im Gegensatz zu Deutschland in den USA gibt. Er wurde 1938 durch den Fair Labor Standards Act (FLSA) eingeführt und lag damals bei 25 US-Cent pro Stunde; seitdem wurde er insgesamt 22-mal angehoben und beträgt seit Juli 2009 7,25 US-Dollar, was im internationalen Vergleich eher gering ist. Umgerechnet in Euro zum Jahresdurchschnittskurs 2012 liegt er laut einer Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung bei 5,64 Euro und somit deutlich unter dem weltweiten Spitzenreiter Australien (12,86 Euro). Im Vergleich zu den EU-Mitgliedstaaten liegen die USA zwischen Großbritannien (7,63 Euro) und Slowenien (4,53 Euro).
Etwa 130 Millionen Arbeitnehmer (84 % der Erwerbsbevölkerung) fallen laut dem US-Arbeitsministerium unter den FLSA. Es gibt jedoch auch Ausnahmen für bestimmte Gruppen von Angestellten: Für Arbeitnehmer unter 20 Jahren, Studierende, Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen sowie Angestellte in Berufen, in denen Trinkgelder üblich sind, sind niedrigere Löhne (subminimum wages) möglich. Etwa 3,6 Millionen US-amerikanische Angestellte arbeiten zum nationalen Mindestlohn von 7,25 US-Dollar oder gegen weniger Bezahlung.

Armut in den USAArmut in den USA
Die hohe Arbeitslosigkeit sowie die wachsende Einkommensungleichheit und Armut verunsichern zunehmend die Bevölkerung. Statt vom American Dream wird nun häufig vom New Normal gesprochen, einer neuen, ärmeren Wirklichkeit für einen Großteil der in den Vereinigten Staaten lebenden Menschen. Eine Studie der OECD zur sozialen Mobilität ergab, dass der gesellschaftliche bzw. berufliche Erfolg in den USA inzwischen stark von der sozialen Herkunft abhängt.
Zwar hat die Finanz- und Wirtschaftskrise den Trend zu steigenden Einkommensungleichheiten durchaus verstärkt, doch ist dieser kein neues Phänomen. Treibende Kräfte sind der technische Fortschritt und die Automatisierung von Routinetätigkeiten verbunden mit der Nachfrage nach hochqualifizierten Beschäftigten, der sich verschärfende globale Wettbewerb und die internationale Verflechtung der USA, der sinkende Einfluss der US-Gewerkschaften sowie die steuerliche Begünstigung der oberen Einkommensgruppen.
Zur Einkommensungleichheit in den USA haben auch Defizite im US-Bildungssystem beigetragen. 2005/06 schafften es laut dem Wirtschaftsverband U.S. Chamber of Commerce gut 30 Prozent aller amerikanischen Schülerinnen und Schüler nicht, in den vorgesehenen vier Jahren einen Highschool-Abschluss zu erwerben; unter den Afroamerikanern lag diese Quote sogar bei rund 50 Prozent. In der Länderliste der OECD über den Anteil von Personen mit Hochschulabschluss lagen die USA 2009 mit 37,8 Prozent auf Platz 15 und damit unter dem OECD-weiten Durchschnitt von 38,6 Prozent bei ersten Universitäts- und Fachhochschulabschlüssen. 80 bis 90 Millionen US-Amerikanern, etwa der Hälfte aller Arbeitskräfte, fehlen die notwendigen Qualifikationen für einen Arbeitsplatz, dessen Entgelt den Lebensunterhalt einer Familie ermöglicht.
Wie gut sind Menschen in den USA abgesichert, die nur gering verdienen oder keine Arbeit haben? Arbeitslosenhilfe bekommen zunächst nur diejenigen, die unverschuldet arbeitslos sind – was dies genau bedeutet und wie lang der Anspruch gilt, definieren die Gesetze der Einzelstaaten. In den meisten Staaten haben Arbeitslose für maximal 26 Wochen Anspruch auf reguläre Arbeitslosenhilfe. Jene, die innerhalb dieser Zeit keinen Job fanden, bekamen bis vor Kurzem Geld über das bundesstaatliche Programm Emergency Unemployment Compensation (EUC). Es wurde 2008 – also während der Krise – eingeführt und mehrmals verlängert; im Zuge von Haushaltskürzungen lief es Ende 2013 aus. Ob das Programm nochmals verlängert wird, ist ungewiss. Die Demokraten im Kongress bemühen sich zwar um die Neuauflage des Programms, doch steht ihnen die starke Opposition der Republikaner gegenüber.

Herausforderung Schuldenberg

Ausgaben und Einnahmen des Staates 2012Ausgaben und Einnahmen des Staates 2012
Präsident Obama hat von seinem Vorgänger einen riesigen Schuldenberg geerbt. Seit der Jahrtausendwende ist die Verschuldung der USA massiv gewachsen. Allein in den letzten acht Jahren hat sie sich laut der für den Haushalt zuständigen Bundesbehörde OMB von 7,9 Billionen US-Dollar (2005) auf derzeit gut 16,7 Billionen US-Dollar (Stand August 2013) verdoppelt. Die staatliche Gesamtverschuldung erreichte im Haushaltsjahr 2012 ein Niveau von 103 Prozent des BIP.
Verantwortlich für diesen Trend sind mehrere Faktoren, darunter die enormen Aufwendungen im US-Verteidigungsetat für die Kriege in Afghanistan und im Irak. Sie trugen zwischen 2001 und 2012 mit etwa 1,4 Billionen US-Dollar zur Staatsverschuldung bei, wie ein Bericht des Congressional Research Service (CRS) darlegt. Die unter der Bush-Regierung veranlassten Steuersenkungen für US-Amerikaner aller Einkommensklassen sorgten ebenfalls maßgeblich dafür, dass sich der in den Clinton-Jahren erwirtschaftete Haushaltsüberschuss wieder in ein Defizit verwandelte. Nach einer Hochrechnung des Congressional Budget Office (CBO) bewirkten die Steuersenkungen von 2002 bis 2011 einen Anstieg der Staatsschulden um 1,75 Billionen US-Dollar. Nicht zuletzt ist die hohe Verschuldung auch eine Konsequenz der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Stabilitäts- und Konjunkturpakete von 2008 und 2009 ergaben zusammen mit den staatlichen Rettungsmaßnahmen für Banken und die Automobilindustrie insgesamt weitere 1,7 Billionen US-Dollar an Schulden. Obendrein ließen steigende Staatsausgaben für Sozialprogramme wie die Arbeitslosenhilfe – bei gleichzeitig sinkenden Steuereinnahmen – die Schuldenlast wachsen.
Die Verschuldung hat ein Niveau erreicht, das zu einer Belastungsprobe für den Staat geworden ist. In kaum einem anderen Politikfeld zeigt sich jedoch die politische Handlungsunfähigkeit so sehr wie in der Haushaltspolitik. Seit Jahren ist es dem Kongress nicht mehr gelungen, einen Haushalt pünktlich zu verabschieden. Oftmals wird die Regierungstätigkeit nur mit Übergangshaushalten finanziert.

Haushaltsdefizit und Verschuldung der USA in Prozent des BIPHaushaltsdefizit und Verschuldung der USA in Prozent des BIP
Dabei sind sich Demokraten und Republikaner durchaus einig, dass gespart werden muss, um nachkommende Generationen nicht übermäßig zu belasten. Der Staat greift automatisch via Kapitalmarkt auf die Reserven, also den Kapitalstock der USA zu. Damit verringert er jedoch den Betrag, der Unternehmen für Investitionen zur Verfügung steht, und schwächt so das potenzielle Wachstum der Volkswirtschaft.
Überdies ist nicht garantiert, dass Investitionen des Staates automatisch dem langfristigen Wachstum dienen: Betritt der Staat als Kreditnehmer die Kapitalmärkte, treibt er durch seine zusätzliche Nachfrage die Kreditzinsen nach oben und riskiert dabei, private Investitionstätigkeit zu verdrängen. Da staatliche Investitionen oft ineffizienter sind als private, kann langfristig niedrigeres Wachstum die Folge sein. Dies war in den 1980er-Jahren zu beobachten, als das Investitionsniveau aufgrund der steigenden Kreditzinsen deutlich zurückging.
Zudem stellen die stetig steigenden Zinszahlungen eine ausgesprochen unproduktive Verwendung von Kapital dar und erhöhen die Abhängigkeit vom Ausland. Im Dezember 2012 lag der im Ausland gehaltene Anteil an den gesamten US-Staatsanleihen (16,4 Billionen US-Dollar) laut dem US-Finanzministerium bei 33,9 Prozent (5574 Milliarden US-Dollar). Davon entfielen allein auf China knapp 22 Prozent (rund 1220 Milliarden US-Dollar).
Es muss also gespart werden. Höchst umstritten ist aber das Wie: Während die Demokraten das Defizit größtenteils durch Steuererhöhungen abbauen und Kürzungen im Sozialbereich begrenzen wollen, lehnen die Republikaner höhere Steuern kategorisch ab und setzen auf eine konsequente Verringerung der Ausgaben. Dabei geht es allerdings nicht allein um den Umfang des Haushalts, sondern auch um die Verteilung. So nutzen die Republikaner den Etat, um Präsident Obamas Reformagenda zu torpedieren. Besonders die Regulierungsbehörden, die in Zukunft stärker über die Finanzmärkte wachen sollen, sowie die Ministerien und die Umweltbehörde, die mit der Umsetzung von Obamas Klimaagenda betraut sind, sind ihnen ein Dorn im Auge. Zudem versuchten die Republikaner immer wieder, die Umsetzung der Gesundheitsreform zu verhindern, indem sie die dafür notwendigen Ausgaben blockierten.

2010 setzte Präsident Obama eine Kommission ein, die Kürzungsvorschläge erarbeiten sollte. Der von ihr vorgelegte Bericht scheiterte allerdings, da ihm nicht die notwendige Mehrheit der Kommission (14 der 18 Mitglieder) zustimmte. Der Budgetstreit spitzte sich zu, als sich Republikaner und Demokraten im Frühjahr 2011 nicht auf einen Haushalt für das laufende Fiskaljahr 2011 einigen konnten und damit Anfang April fast die Einstellung der Regierungstätigkeit riskierten. Schon im Sommer 2011 eskalierte die Haushaltskontroverse erneut. Erst in letzter Minute verabschiedete der Kongress Anfang August den Budget Control Act. Ohne diesen Kompromiss wären die USA zumindest teilweise zahlungsunfähig gewesen, denn die Regierung hatte bereits die rechtlich festgeschriebene Schuldengrenze überschritten.
Im Budget Control Act verständigten sich beide Parteien darauf, die Schuldenobergrenze von 14,29 Billionen auf 16,4 Billionen US-Dollar anzuheben. Im Gegenzug sollten zeitlich gestaffelte Ausgabenkürzungen in den nächsten zehn Jahren 917 Milliarden US-Dollar einsparen. Diese betreffen Ermessensausgaben, insbesondere Infrastrukturentwicklung, Energiepolitik, Bildung und Forschung sowie Gesundheit. Pflichtausgaben wie die Gesundheitsprogramme "Medicare" und "Medicaid" wurden zunächst nicht angetastet.
Zudem wurde ein paritätisch besetzter Ausschuss beauftragt, bis Ende November 2011 Sparvorschläge in Höhe von weiteren 1,2 Billionen Dollar zu erarbeiten. Die Mitglieder zerstritten sich allerdings derart, dass sie noch vor Ablauf der Frist ihre Verhandlungen abbrachen. Und auch die im Falle eines Scheiterns drohenden automatischen Pauschalkürzungen bei allen Haushaltstiteln – inklusive der Sozialprogramme und des Verteidigungsetats – (der sogenannte Sequester) konnten die Kompromissbereitschaft nicht fördern.
Zum Jahreswechsel 2012/13 stand die US-Regierung dann vor einer dreifachen Herausforderung (die sogenannte fiskalpolitische Klippe "fiscal cliff"). Ende 2012 sollten zahlreiche Steuervergünstigungen auslaufen. Im Januar 2013 sollte zudem der Sequester in Kraft treten. Und schließlich wurde erwartet, dass die USA spätestens Anfang 2013 die gesetzlich festgeschriebene Schuldenobergrenze überschreiten würden. Erst in letzter Minute einigte sich der Kongress auf den American Taxpayer Relief Act of 2012 (ATRA). Kernstück des Gesetzes sind Steuererhöhungen für Spitzenverdiener, während die unter der Bush-Administration eingeführten Steuererleichterungen für den Großteil der Bevölkerung beibehalten werden. Der Beginn des Sequesters wurde um zwei Monate nach hinten verschoben; er trat schließlich Anfang März 2013 in Kraft Am 23. Januar einigte sich der Kongress darauf, die Schuldengrenze temporär auszusetzen.
Gespräch zwischen Demokraten und Republikanern vor dem AbgrundGespräch zwischen Demokraten und Republikanern vor dem Abgrund (© Klaus Stuttmann)

Dass sich die USA überhaupt politische Eskapaden wie diese leisten können, liegt an ihrer besonderen Stellung in der Weltwirtschaft. Das Land wird nach wie vor als sicherer und attraktiver Standort für Investitionen bewertet, sodass die Märkte weniger empfindlich reagieren als beispielsweise im Fall der EU. Zudem hat der US-Dollar eine Sonderstellung im internationalen System. Er ist die weltweite Leitwährung, die USA zahlen ihre Importe in Dollar und verschulden sich in ihrer eigenen Währung. Anders als Ländern wie Griechenland droht den USA daher so bald keine Zahlungsbilanzkrise – zumindest solange das Vertrauen in den Dollar nicht grundsätzlich erschüttert wird.

Anfang Oktober 2013 erreichte das Haushaltsdrama einen neuen Höhepunkt. Die Regierung hatte bis Ende des Haushaltsjahres – also bis zum 30. September – Zeit, einen Haushalt für 2014 zu verabschieden oder zumindest eine Übergangsfinanzierung zu sichern. Etwa 35 Prozent des gesamten US-Staatshaushalts müssen jährlich neu genehmigt werden. In den Wochen zuvor hatte es heftige Auseinandersetzungen im Kongress gegeben, da die Republikaner das Haushaltsgesetz nutzen wollten, um das Inkrafttreten der Gesundheitsreform ("Obamacare") zum 1. Oktober in letzter Minute zu verhindern. Sie wollten den Haushalt nur verabschieden, wenn gleichzeitig beschlossen würde, die Reform ein Jahr lang auszusetzen. Der von den Demokraten dominierte Senat wie auch Präsident Obama lehnten dies ab. So kam es am 1. Oktober tatsächlich zum government shutdown: Gut 800 000 von insgesamt rund zwei Millionen Staatsbediensteten wurden in den Zwangsurlaub geschickt, Nationalparks, staatliche Zoos und Museen blieben geschlossen. Das letzte Mal hatte es dies unter Präsident Clinton gegeben, als es drei Wochen – vom 16. Dezember 1995 bis zum 6. Januar 1996 – dauerte, bis eine Einigung erzielt wurde und die Verwaltung ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte. Die Situation 2013 war besonders brenzlig, da den USA erneut die Zahlungsunfähigkeit drohte. Am 17. Oktober, wenige Stunden bevor das Land bankrott gewesen wäre, einigte sich der Kongress auf eine Aussetzung der Schuldenobergrenze bis Februar 2014. Zudem wurde ein Übergangshaushalt bis Mitte Januar 2014 verabschiedet. Und ein überparteilicher Sonderausschuss (Budget Conference Committee) wurde eingerichtet, der bis zum 13. Dezember eine langfristige Haushaltslösung im Kongress vorlegen sollte.
Mitte Dezember 2013 konnten sich Demokraten und Republikaner im Kongress auf einen Haushalt für die folgenden zwei Jahre einigen. Der erzielte Minimalkompromiss enthält eine Deckelung der Ausgaben für 2014 und 2015 auf jeweils gut eine Billion US-Dollar. Beide Seiten mussten dafür zurückstecken: Während die Demokraten beispielsweise auf die Erhöhung der Steuern für Wohlhabende verzichten mussten, gaben die Republikaner ihre Kürzungspläne in der Sozialversicherung auf. Zusätzliche Einnahmen sollen vor allem durch höhere Gebühren auf Flugtickets und durch Einsparungen bei Pensionen für Beamte und Soldaten generiert werden.