izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Gesellschaftsstruktur der USA

Multiethnische Gesellschaft

Afroamerikanische Bevölkerung

Eines der zentralen Probleme der US-Gesellschaft, sowohl in sozial-materieller als auch in kultureller und vielfach auch mentaler Hinsicht, ist die nach wie vor deutliche Kluft zwischen Schwarz und Weiß. Trotz großer Fortschritte in den letzten Jahrzehnten – etwa durch gezielte Quotenregelung und Vorzugsbehandlungen von Minoritäten im Rahmen verschiedener Regierungsprogramme zum Abbau von Benachteiligungen – werden Afroamerikaner vielerorts noch immer diskriminiert. In Bildungseinrichtungen und wichtigen Positionen des öffentlichen Lebens sind sie nach wie vor unterrepräsentiert.
Zwar ist eine selbstbewusste schwarze Mittelschicht entstanden, die in vielen Bezirken harmonisch mit Weißen zusammenlebt und -arbeitet – eine Entwicklung, die letztendlich auf die Aktivitäten der Bürgerrechtsbewegung zurückzuführen ist. Doch problematisch bleiben nach wie vor die oft ausweglose soziale Situation der schwarzen Unterschichten und deren negative Wahrnehmung durch Weiße sowie zum Teil auch durch die schwarze Mittel- und Oberschicht.

Was wurde aus dem Traum?Was wurde aus dem Traum? (© Thema: Martin Luther King, „He Had a Dream“, in: DIE ZEIT Nr. 35 vom 22. August 2013)
Ebenso wie im "weißen Amerika" ist die Einkommensverteilung innerhalb der afroamerikanischen Einwohnerschaft ungleichgewichtiger geworden: Während 6,5 Prozent ihrer Spitzenverdiener über ein durchschnittliches Jahreseinkommen von über 100 000 Dollar verfügen, verdienen die zum unteren Viertel der Skala Gehörenden lediglich 15 000 Dollar im Jahr. Wie explosiv die soziale Situation verarmter schwarzer Unterschichten wirken kann, dokumentierten die Unruhen in Los Angeles von 1992. Nach dem Freispruch von vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King misshandelt hatten und dabei gefilmt worden waren, hielten gewaltsame Ausschreitungen mehrere Tage an und kosteten 38 Menschen das Leben. Insgesamt 3 700 Gebäude wurden niedergebrannt und 4 000 Personen inhaftiert.

Um den fortbestehenden rassistischen Tendenzen entgegenzuwirken, setzte Präsident Clinton 1997 eine Untersuchungskommission ein, deren Ergebnisse zu einer Erhöhung der Zuwendungen für minderprivilegierte ethnische Gruppierungen wie die Hispano- und Afroamerikaner führten. Außerdem wurde beschlossen, ein Netzwerk von hate crime-Meldegruppen zu etablieren.

In den letzten Jahrzehnten hat die schwarze Bevölkerung mehr als je zuvor Einfluss auf die politische und kulturelle Entwicklung im Land gewonnen. Ihr Ausbildungsstand, gemessen an High School-Abschlüssen, hat sich seit den 1960er-Jahren stetig verbessert. Besaßen 1965 nur 27 Prozent aller Schwarzen (51 Prozent bei Weißen) einen High School-Abschluss, so stieg ihr Prozentsatz bis 2013 auf ca. 85 (88 bei Weißen). Auch in der US-amerikanischen Populärkultur, insbesondere in Sport und Musik, nehmen sie einen hohen Rang ein. Viele schwarze Künstler und Literaten – wie die Nobelpreisträgerin von 1994, Toni Morrison – genießen auch weltweit großes Ansehen. Und die politischen Parteien müssen das afroamerikanische Wählerpotenzial ins Kalkül ziehen, wollen sie erfolgreich sein. Die steigende soziale Akzeptanz der schwarzen Bevölkerung wird durch Umfragen belegt: Während 1958 nur 38 Prozent der Befragten bereit gewesen waren, einen afroamerikanischen Präsidenten zu akzeptieren, waren dies 1990 bereits 84 Prozent der Befragten, und 2008 wurde Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt.

Drückend bleiben die Lebensumstände der schwarzen Unterschichten und das damit verbundene gesellschaftliche Gefahrenpotenzial. Im Jahr 2010 lag der Anteil der Afroamerikaner an der unter der Armutsgrenze lebenden Bevölkerung bei 27,4 Prozent. Fast die Hälfte davon waren Kinder und Jugendliche. Der Anteil allein erziehender schwarzer Mütter lag 2011 bei ca. 68 Prozent im Vergleich zu 29 Prozent bei Weißen.

Angesichts dessen ist eine Verbesserung der Bildungs- und Ausbildungschancen eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft, um eine gesellschaftliche Integration zu fördern, Kriminalität und Bandentum zu reduzieren sowie der Drogenproblematik zu begegnen. Zusätzlich kompliziert wird diese Aufgabe jedoch durch neue Zuwanderungsströme, die in den Problemzonen der Großstädte für neue Spannungsfelder sorgen. 2013 protestierten Tausende gegen den Freispruch eines Mannes, der als Mitglied einer Bürgerwehr am 26. Februar 2012 in Sanford, Florida den unbewaffneten Teenager Trayvon Martin erschossen hatte. Das Thema der Rassenbeziehungen in den USA wird sicherlich auch künftig ein zentrales gesellschaftliches Problemfeld bleiben.

Hispanoamerikanische Bevölkerung

Die Ursachen für die starke und wachsende Präsenz der hispanoamerikanischen Bevölkerung in den USA sind vielfältig. Sie ist unter anderem durch die Gebietserweiterungen im 19. Jahrhundert bedingt, welche mexikanische Bevölkerungsgruppen in das US-amerikanische Territorium einbezogen; des Weiteren durch die Arbeitsmigrationen während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, die Kubanische Revolution von 1959 sowie die politische Instabilität in Zentral- und Südamerika in Verbindung mit dortigen negativen wirtschaftlichen Entwicklungen.

Die hispanoamerikanische Bevölkerung ist seit 2000 die größte ethnische Minorität des Landes. 2010 stellte sie mit rund 50 Millionen Menschen 16,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihre Gruppe zeigt ein heterogenes Profil, was allein schon durch die verschiedenen Herkunftsgebiete zu erklären ist: 63 Prozent stammen aus Mexiko (Chicanos), 8,6 aus Zentral- und Südamerika, 9,2 aus Puerto Rico, sieben aus dem karibischen Raum und 3,5 Prozent aus Kuba. Zusätzlich weist die hispanoamerikanische Bevölkerungsgruppe unterschiedliche Charakteristika in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht auf. Ähnlich wie bei Afroamerikanern ist jedoch eine hohe Armutsrate zu verzeichnen.

Der Ausbildungsstand der Hispanoamerikanerinnen und -amerikaner ist nach wie vor tendenziell niedrig; nur knapp die Hälfte von ihnen verfügt über einen Highschool-Abschluss. Da die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sich auf Personen mit einem höheren Schul- und Hochschulabschluss konzentriert, wird sich ihre Situation, besonders bei neu Eingewanderten, nach Einschätzung des US-amerikanischen Zensusbüros in Zukunft eher verschlechtern als verbessern.
Nach den Prognosen dieser Behörde wird sich der hispanoamerikanische Bevölkerungsanteil bis zum Jahr 2050 auf über 100 Millionen verdoppeln. Die Gründe für diesen rapiden Anstieg liegen in hohen Geburtenraten und einer anhaltend hohen Zuwanderung, die allein zwischen 1990 und 1994 nahezu zwei Millionen Menschen in die Vereinigten Staaten brachte. Die höchsten hispanoamerikanischen Bevölkerungsanteile gibt es in Kalifornien, Texas, New York und Florida.

Asiatische/Pazifische Bevölkerungsgruppe

Im Jahr 2010 lebten etwa 14,6 Millionen Menschen asiatischer und pazifischer Abstammung in den USA. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt damit 4,8 Prozent und wächst – maßgeblich durch Neuzuwanderungen – seit 1990 jährlich um ca. zwei Prozent. Die Gruppe der Asian Americans ist äußerst heterogen und unterscheidet sich durch eine Vielzahl von Sprachen, Kulturen sowie den Zeitpunkt ihrer Einwanderung und den damit in Verbindung stehenden Assimilationsgrad. Sie lebt mehrheitlich in den drei Bundesstaaten Kalifornien, New York und Hawaii und dort hauptsächlich (zu 94 Prozent) in Großstädten.

Im Vergleich zu anderen ethnischen Minderheiten in den USA haben sie einen hohen Bildungsgrad: 90 Prozent der männlichen und 80 Prozent der weiblichen Asian Americans verfügen über einen Highschool-Abschluss. Eine mögliche Ursache liegt in der zum Teil sehr strengen Selektion, die der US-Einwanderungsbehörde bei asiatischen Immigranten unterstellt wird. Angesichts ihrer überproportionalen Präsenz an höheren Bildungseinrichtungen, ihres wirtschaftlichen Erfolgs und ihrer raschen Assimilation werden sie von offiziellen Stellen gern als vorbildliche Einwanderungsgruppe hingestellt – ein bemerkenswerter Umstand, gab es doch sowohl in der Zeit des Zweiten Weltkrieges als auch noch geraume Zeit danach eine stark rassistisch unterlegte Diskriminierung von Asiaten, die vor allem Japano-Amerikaner betraf. Ihre heutige Stellung erweckt dagegen teilweise den Neid anderer ethnischer Minderheiten, was in Ballungsgebieten auch zu Konflikten geführt hat. Allerdings liegt die Armutsrate bei der asiatisch-amerikanischen Bevölkerung mit durchschnittlich 12,1 Prozent immer noch höher als bei der weißen (9,9 Prozent).

Native Americans

Mit 2,9 Millionen (0,9 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2010) stellen die indianischen Ureinwohner (Native Americans) nur noch eine der kleinsten ethnischen Minderheiten dar, die sich wiederum aus über 500 Stämmen oder "Nationen" zusammensetzt. Doch im Vergleich zu 1970, als der Zensusbericht lediglich 800 000 Native Americans aufwies, zeigt sich eine große Steigerungsrate. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass bei der Erfassung der neuen Bevölkerungsdaten die ethnische Selbstzuordnung als Kriterium herangezogen wird: Das seit 1970 stark gewachsene indianische Selbstbewusstsein hat wohl dazu geführt, dass sich die Befragten eher zu ihrer indianischen Abstammung bekennen als früher.

Bevor im Kontext der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre auch die Rechte der amerikanischen Ureinwohner eingeklagt wurden, war die offizielle Indianerpolitik mit dem Versuch gescheitert, sie außerhalb der Reservate anzusiedeln oder aber diesen Gebieten den Sonderstatus zu nehmen. Seit den 1960er-Jahren hat sich das Prinzip der Selbstverwaltung in den Reservaten in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Stärkung durchgesetzt, nicht zuletzt durch die zunehmende Agitation indianischer Gruppen, die die Öffentlichkeit immer wieder auf ihr erlittenes Unrecht hinwiesen. 1978 wurde der American Indian Religious Freedom Act verabschiedet, der die verschiedenen religiösen Praktiken der Native Americans den anderen Religionen in den USA – vornehmlich Christentum, Judentum und Islam – gleichstellte.
Etwa 500 000 Nachkommen der indianischen Ureinwohner leben zurzeit in 314 Reservaten oder treuhänderisch verwalteten Gebieten mit einer Gesamtgröße von 6,4 Millionen Hektar (etwas weniger als die Fläche von Bayern), die in ihrer Größe, Bodenbeschaffenheit und den vorhandenen Bodenschätzen recht unterschiedlich sind. Siedlungsschwerpunkte sind Oklahoma (252 000 Menschen), Kalifornien (242 000), Arizona (204 000) und New Mexico (134 000). Nach wie vor zeigen die Statistiken ein beklemmendes Bild der indianischen Befindlichkeit: Unter allen ethnischen Minderheiten besitzt diese Gruppe die höchste Armutsrate (2010 nahezu ein Drittel), die höchste Arbeitslosenquote und die höchste Krankheitsanfälligkeit. Alkohol- und Drogenkonsum sind beträchtlich, die Selbstmordrate ist hoch.