izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Rolle der Eliten in der Gesellschaft

Eliten in den neuen Bundesländern


Das kommunistische Herrschaftssystem der DDR hatte eine völlig andere Elitenstruktur hervorgebracht. Nicht pluralistische Funktionseliten, sondern eine hierarchisch strukturierte Monopolelite mit einer enormen Machtfülle bei einem kleinen Führungskern hatte sich herausgebildet. Diese zentralistische Monopolelite steuerte alle wichtigen Bereiche des politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Lediglich die Kirchenelite konnte sich dem Monopolanspruch teilweise entziehen, sie wurde allerdings durch eine politisch forcierte Entfremdung der Bevölkerung von der kirchlichen Tradition (Säkularisierung) zunehmend um ihren Einfluss gebracht.

Eine doktrinäre Parteischulung, eine zentral gesteuerte, politisierte Kooptation (Aufstieg über Parteikarrieren, insbesondere innerhalb der SED) und die strikte Kontrolle durch den Staatssicherheitsdienst vereinigten Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu einer ideologisch relativ homogenen Gruppe, die sich treffend mit dem Begriff "herrschende Klasse" bezeichnen lässt. Interne Differenzierungen nach Funktionsbereichen, Generationen oder Parteizugehörigkeiten waren nebenrangig. Ämterhäufung, überlange Verweildauer in den Spitzenpositionen und eine dadurch bedingte zunehmende Überalterung ("Vergreisung") waren weitere Merkmale der SED-Führung.

Die Überkonzentration der Macht widersprach nicht nur den Normen einer pluralistischen Demokratie, sondern auch den Prinzipien sozioökonomischer Effizienz: Sie produzierte an der Spitze Inkompetenz und Unbeweglichkeit; die übermäßig zusammengeballte Macht war gleichzeitig gelähmt.

Mit dem Systemwechsel nach dem Zusammenbruch der DDR gingen ein grundlegender Strukturwandel bei den Eliten und ein radikaler Austausch der Führungsschichten einher. Die wesentlichen Linien dieses Strukturwandels lassen sich idealtypisch als die Transformation einer Monopolelite in pluralistische Eliten nach westlichem Muster beschreiben. Die zentralistisch-hierarchisch strukturierte und politisch-ideologisch relativ homogene Machtelite löste sich auf, und es entstanden teilautonome und pluralistische Funktionseliten mit einer größeren Bandbreite politischer und weltanschaulicher Orientierungen. Der Strukturwandel der Elite geht einher mit der stärkeren Ausdifferenzierung der Sozialstruktur in verschiedene teilautonome Sektoren. Die zentrale Steuerung der gesellschaftlichen Teilbereiche durch das politische Machtzentrum wurde beseitigt. Wirtschaft, Massenmedien, Wissenschaft, Kultur und Justiz erlangten relative Unabhängigkeit, wurden neu geordnet, dezentralisiert und pluralisiert.

Der Strukturwandel wurde begleitet von einem fast vollständigen Austausch der Führungsschicht. Die DDR-Elite verlor – von wenigen Ausnahmen abgesehen – Ämter und Einfluss. Lediglich die politisch kaum kompromittierte Kirchenelite überstand den Umbruch nahezu unbeschadet. Von den 410 Spitzenpositionen außerhalb der Kirche, die in die Potsdamer Elitestudie einbezogen wurden, waren lediglich 11 (2,7 Prozent) von "Altkadern" aus der DDR-Elite besetzt. Ausnahmen dieser Art fanden sich insbesondere in den Massenmedien.

Elitentransfer

Westdeutsche in den Eliten der neuen BundesländerWestdeutsche in den Eliten der neuen Bundesländer (© Datenquellen: Potsdamer Elitestudie 1995; Daten für 2004 aus: P. Pasternak, Wissenschaftsumbau. Der Austausch der Deutungseliten, in: H. Bahrmann/C. Links (Hg.): Am Ziel vorbei, Berl. 2005, S. 224 f. u. R. Kollmorgen, Ostdeutschland, Wiesb. 2005, S. 207)
Die Eliten in Ostdeutschland wurden erheblich tiefgreifender ausgetauscht als die westdeutschen Eliten nach dem Zusammenbruch des NS-Systems – unter anderem, weil in den alten Bundesländern Personen mit Sachkompetenz, Führungsfähigkeit und Führungserfahrung bereitstanden, um in die neuen Führungspositionen einzurücken. Ein wichtiges Charakteristikum der Eliten in den neuen Ländern ist ihre "Durchmischung" mit Westdeutschen: 40 Prozent der Spitzenpositionen waren laut Potsdamer Studie 1995 von "Westimporten" besetzt. Elitentransfer von West nach Ost fand vor allem beim Militär, in Verwaltung und Justiz sowie in den Großunternehmen der Wirtschaft statt – Sektoren, in denen Ostdeutsche mit einer spezifischen Sachkompetenz kaum zur Verfügung standen oder, wie bei Militär und Justiz, politisch belastet waren.

An dieser Situation hat sich zwischen 1995 und 2004 nichts Wesentliches verändert: Alle ostdeutschen Soldaten unterstanden weiterhin dem Kommando von Westgeneralen. Die an der Frankfurter Börse notierten ostdeutschen Großunternehmen wurden von Westdeutschen gelenkt, und auch die Vorsitzenden Richter in Ostdeutschland kamen mit wenigen Ausnahmen aus dem Westen. Unter den Staatssekretären der ostdeutschen Landesregierungen war der Anteil der Westdeutschen etwas zurückgegangen, betrug aber immer noch 74 Prozent. Der Westanteil bei den Gewerkschaftsführern lässt sich in den beiden Jahren nicht miteinander vergleichen, weil sich die Zahlen von 1995 nur auf 10 Spitzenfunktionäre, 2004 aber auf alle 25 Landes- und Bezirksvorsitzenden beziehen. Von diesen kam etwa die Hälfte aus den neuen Ländern. Im wissenschaftlichen Bereich vollzog sich sogar eine weitere "Verwestlichung": 1995 war die Hälfte der Universitätsrektoren aus den alten Ländern zugewandert, dieser Anteil ist im folgenden Jahrzehnt auf vier Fünftel angestiegen. Im Mediensektor gab es weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Funkmedien und Presse. Die neu aufgebauten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten wurden von westdeutschen Intendanten geleitet, und auch unter den neuen Fernsehdirektoren, Hörfunkdirektoren und Chefredakteuren gab es nur zwei Ostdeutsche.

Lediglich im zentralen politischen Bereich wird die ostdeutsche Bevölkerung hauptsächlich durch Ostdeutsche vertreten. Seit der friedlichen Revolution stammt eine deutliche Mehrheit der Ministerpräsidenten, Ministerinnen und Minister aus den neuen Bundesländern. Wenn bei der Potsdamer Elitestudie der Anteil der Westdeutschen im Jahr 1995 niedriger liegt als im Jahr 2004, dann hat das methodische Ursachen: 1995 wurden erheblich mehr, nämlich 171 Politikerinnen und Politiker zur Elite gezählt, während 2004 nur die 57 Spitzenpositionen in den Landesregierungen erfasst wurden. Im Führungspersonal auf niedrigeren Leitungsebenen sind Westdeutsche aber nicht so stark vertreten wie unter den Eliten.

Die neuen Bundesländer dürften von der Sachkompetenz und Erfahrung der Westdeutschen profitiert haben; vermutlich hat der Transfer die effiziente Modernisierung der ostdeutschen Sozialstruktur gefördert. So haben zum Beispiel erfahrene westdeutsche Spitzenpolitiker als demokratisch gewählte Ministerpräsidenten erfolgreich in den neuen Ländern regiert – Kurt Biedenkopf in Sachsen (1990-2002) und Bernhard Vogel in Thüringen (1992-2003). Andererseits wird der Umbau durch das Vorrücken von Westdeutschen in die Osteliten von Konflikten zwischen Ostdeutschen und "Westlern" belastet, weil damit das in den neuen Ländern weitverbreitete Gefühl der "Überfremdung" und "Kolonialisierung" weiter genährt wird. Zusätzlich wird dieses Gefühl noch dadurch verstärkt, dass Ostdeutsche in den Spitzenpositionen auf Bundesebene nur schwach vertreten sind. Den Wahlen von Wolfgang Thierse (SPD) zum Präsidenten des Deutschen Bundestages (1998-2005), von Angela Merkel zunächst zur Vorsitzenden der CDU (2000) und dann zur ersten deutschen Bundeskanzlerin (2005) sowie von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten (2012) kommt daher in diesem Zusammenhang hohe symbolische Bedeutung zu. Denn das Vorrücken der Ostdeutschen in die Eliten mit dem Ziel einer angemessenen proportionalen Vertretung ist offensichtlich ein langer Marsch, der noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird – möglicherweise bis die im vereinten Deutschland aufgewachsene Generation das Eliteneintrittsalter erreicht hat.

Genuin ostdeutsche Eliten

Die neuen, aus Ostdeutschland selbst stammenden Eliten sind überwiegend akademisch qualifizierte Aufsteiger aus Gruppen, deren Karriere in der DDR wegen einer mehr oder weniger starken Distanz zum sozialistischen System blockiert war. Gut die Hälfte von ihnen hatte vor dem Sprung an die Spitze keine Leitungsfunktion inne. Ein weiteres Drittel stammt aus den "unteren Subeliten", also aus niedrigen und daher auch wenig exponierten Leitungspositionen.

Knapp die Hälfte war zu DDR-Zeiten einer Partei beigetreten – 28 Prozent der SED und 18 Prozent einer Blockpartei; 68 Prozent von ihnen hatte jedoch in den Parteien keine Funktion übernommen. Immerhin 24 Prozent der neuen Führungsschicht hatten sich einer oppositionellen regimekritischen Bürgerrechtsbewegung angeschlossen. Die frühere Distanz von großen Teilen der neuen Elite zum DDR-System wird auch daran erkennbar, dass 58 Prozent religiös erzogen worden waren und nur 30 Prozent sozialistisch.

Unter den aus Westdeutschland stammenden Eliten dominieren die Juristen (39 Prozent) und Wirtschaftswissenschaftler (20 Prozent). Da die Ausbildung zu diesen Berufen in der DDR ideologiebefrachtet war und daher heute diskreditiert ist, stammen die neuen ostdeutschen Eliten aus anderen Studienrichtungen: 45 Prozent haben ein ideologieneutrales naturwissenschaftliches oder technisches Studium absolviert (westdeutsche Eliten: 16 Prozent), und 8 Prozent von ihnen gehören zu den wenigen in der DDR ausgebildeten Theologinnen und Theologen (westdeutsche Eliten: 2 Prozent).

Weitere vom Westen abweichende Merkmale sind der Potsdamer Elitestudie zufolge das geringere Alter und der hohe Anteil von Frauen. Mit einem Altersdurchschnitt von 47 Jahren ist die ostdeutsche Elite 7 Jahre jünger als die westdeutsche, und mit 30 Prozent sind die Frauen fast dreimal so hoch repräsentiert wie in den alten Ländern (11 Prozent). Die Parteizugehörigkeit und die politischen Einstellungen der neuen ostdeutschen Eliten zeigen, dass diese politisch deutlich weiter links stehen als die westdeutschen: CDU/CSU- und FDP-Anhänger sind unter ihnen erheblich seltener, Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen dagegen doppelt so stark vertreten; dazu kommen noch 12 Prozent PDS-Anhänger.

Die unterschiedlichen Einstellungen der Ost- und Westdeutschen zu Grundproblemen des politischen Systems, die aus Meinungsumfragen bekannt sind, finden sich auch bei den Eliten der Potsdamer Studie wieder. Ostdeutsche Eliten plädieren häufiger für die Einführung plebiszitärer Elemente (Volksbegehren und Volksentscheid) und für ein Mehr an Staat, verbunden mit höheren Erwartungen an staatliche Sozialleistungen. Sie sind also gleichzeitig basisdemokratischer und weniger liberal orientiert, fordern eine stärkere Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger an den politischen Entscheidungen und erwarten zudem vom Staat mehr regulierende Eingriffe, insbesondere zugunsten der sozial Schwachen.

Die meisten Besonderheiten der neuen ostdeutschen Eliten – Durchmischung mit Westdeutschen, größere Häufigkeit steiler Aufstiege, geringeres Alter – können als Übergangsphänomene angesehen werden. Sie dürften sich langfristig abbauen. Von größerer Beständigkeit dürfte dagegen der hohe Frauenanteil sein. Er liegt im historischen Trend und kann als Indikator einer modernen Sozialstruktur gelten. Es kommt nicht von ungefähr, dass die erste deutsche Bundeskanzlerin in der DDR aufgewachsen ist.