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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Migration und Integration

Migrantengruppen


Das multiethnische Segment ist in sich ausgesprochen vielgestaltig, differenziert und dynamisch. Die verschiedenen Gruppen von Migrantinnen und Migranten unterscheiden sich nicht nur durch ihre unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Wurzeln, sondern auch durch Unterschiede im Rechtsstatus, in den Zuwanderungsmotiven und im Grad der Eingliederung in die Mehrheitsgesellschaft.

(Spät-)Aussiedler

(Spät-)Aussiedler(Spät-)Aussiedler (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 40 522; Quelle: Bundesverwaltungsamt)
(Spät-)Aussiedler und ihre Familien stellten 2011 mit 4,2 Millionen fast die Hälfte der Migrantinnen und Migranten mit deutschem Pass. Seit 1950 werden deutschstämmige Zuwanderer aus dem Osten und aus Südosteuropa nicht mehr "Flüchtlinge" oder "Vertriebene" genannt, sondern "Aussiedler", seit 1993 "Spätaussiedler". Sie sind "deutsche Volkszugehörige" im Sinne des Grundgesetzes (Art. 116) und erhalten nach ihrer Einreise die deutsche Staatsangehörigkeit. Aussiedler sind geschichtsträchtige Migranten, sie verbinden das moderne Einwanderungsland Deutschland mit seinen lange zurückliegenden Perioden als Auswanderungsland.

Fast die Hälfte der (Spät-)Aussiedler (knapp 2,4 Millionen) kommt aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Es sind in der Regel Nachkommen der deutschen Auswanderer, die seit Katharina der Großen – einer deutschen "Heiratsmigrantin" auf dem russischen Zarenthron (von 1762 bis 1796) – angeworben worden waren, um unbesiedeltes, aber fruchtbares russisches Land insbesondere an der Wolga zu kultivieren ("Wolga-Deutsche"). Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurden sie während des Zweiten Weltkrieges von Stalin als angebliche Kollaborateure verfolgt und in die asiatischen Teile seines Imperium vertrieben, besonders nach Kasachstan und Sibirien.

Die zweitgrößte Gruppe – knapp 1,5 Millionen – stellen die deutschen Minderheiten aus Polen, und 430.000 (Spät-)Aussiedler sind Remigranten aus Rumänien. Teile ihrer Vorfahren, zum Beispiel die "Siebenbürger Sachsen", waren bereits im 12. Jahrhundert vom ungarischen König als Siedler in das Gebiet des heutigen Rumänien geholt und mit Privilegien ausgestattet worden.

Die Größenordnung des Zuzugs unterliegt erheblichen Schwankungen. Zwischen 1950 und 1987 wanderten jährlich zwischen 20.000 und 60.000 Aussiedler ein. Mit dem Fall der Ausreisebeschränkungen in Osteuropa stieg ihre Zahl dann sprunghaft an: Allein zwischen 1988 und 1994 wurden fast 2 Millionen Aussiedler aufgenommen, mit dem Höhepunkt im Jahr 1990, als 397.000 Personen kamen. Politische Restriktionen – Kontingentierung auf etwa 200.000 pro Jahr und Bindung des Zuzugs an die Zustimmung zu einem Aufnahmeantrag (1990), später auch an ausreichende Deutschkenntnisse (1996) – bremsten die Zuwanderung ab. Diese Maßnahmen wurden von materiellen Zuwendungen an "deutsche Volkzugehörige" in Osteuropa begleitet, um sie zum Verbleib insbesondere in Russland und Kasachstan zu bewegen und den Aussiedlungsdruck zu mildern. Seit den 1990er-Jahren ging daraufhin die Zahl der Aussiedler kontinuierlich zurück – von über 104.000 im Jahr 1999 auf 36.000 im Jahr 2005. Seit 2006 kommen nur noch wenige Tausend pro Jahr.

Auch die Herkunftsregionen veränderten sich. Polendeutsche siedelten bereits seit den 1950er-Jahren in relativ großer Zahl über, mit einem Maximum von gut 500.000 zwischen 1988 und 1990. Seit Ende der 1990er-Jahre ist ihre Zuwanderung so gut wie abgeschlossen. Die Rumäniendeutschen nutzten den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes und zogen insbesondere in der kurzen Zeit zwischen 1989 und 2004 nach Deutschland. Auch die Russlanddeutschen profitierten von der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" im Zuge der Perestroika. Sie wanderten als letzte der drei Gruppen ein; seit 1992 stellen sie fast allein das gesamte Kontingent der Spätaussiedler. 2006 ist aber auch ihre Einwanderung so gut wie beendet.

Von den 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedlern, die seit 1950 nach Deutschland gekommen sind, leben 2011 noch 3,2 Millionen hier. In ihren Familien wurden nach der Einreise in Deutschland circa eine Million Kinder geboren.

Arbeitsmigranten

Die 20 größten Migrantengruppen nach HerkunftsländernDie 20 größten Migrantengruppen nach Herkunftsländern (© Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Datenbasis für Ausländer (linke Spalten): Ausländerzentralregister (AZR); Datenbasis für Personen mit Migrationshintergrund (rechte Spalten): Mikrozensus)
Kräftige Spuren hat die Gastarbeiterphase hinterlassen. 6 Millionen Menschen – das sind 38 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund – stammen aus früheren Anwerbestaaten. Migrantinnen und Migranten aus der Türkei (2,9 Millionen), aus den Staaten des früheren Jugoslawien (1,4 Millionen) und aus Italien (780000) belegen die Spitzenplätze in der Liste der größten Migrantengruppen (ohne Aussiedler).
Auch die früheren Gastarbeiter und ihre Nachkommen aus Griechenland (knapp 400.000), Spanien (160000), Portugal (159000) und Marokko (150000) gehören zu den 20 größten Einwanderergruppen. Die Angaben für Jugoslawien enthalten auch eine nicht genau quantifizierbare Zahl von Flüchtlingen aus den Kriegswirren beim Zerfall Jugoslawiens, und auch unter den Zuwanderern aus der Türkei sind zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere Kurden. Eine weitere Million – darunter vermutlich auch ein Teil Heiratsmigrantinnen und -migranten – machen die Einwanderer aus den wichtigsten europäischen Nachbarländern (Österreich, Niederlande, Frankreich und Vereinigtes Königreich) sowie aus den USA aus. Noch mehr, nämlich knapp 1,3 Millionen Menschen, sind aus dem postsozialistischen Osteuropa, aus Polen, Rumänien und der Ukraine, zugewandert.

Flüchtlingsgruppen

In den Migrationsstatistiken lässt sich nicht eindeutig erkennen, wie viele der 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund Flüchtlinge sind, aber sie geben dazu einige Hinweise. Alle vier Jahre fragt der Mikrozensus die 15- bis 74-jährigen Zuwanderer nach dem Hauptgrund ihrer Einwanderung. 2008 gaben 570.000 Migrantinnen und Migranten "politische oder humanitäre Gründe" bzw. "Asyl" an. Etwa zwei Drittel von ihnen (370000) sind Ausländer, ein Drittel (200000) ist inzwischen eingebürgert. Diese Angaben sind allerdings unvollständig, weil die Jüngeren unter 15 Jahren und die in Deutschland geborenen Kinder der Flüchtlingsfamilien fehlen.
Die Flüchtlinge kommen aus vielen Ländern und Kulturen und unterscheiden sich insbesondere auch durch ihren unterschiedlichen Rechtsstatus.
  • Anerkannte Flüchtlinge: Mindestens 360.000 Personen sind anerkannte Flüchtlinge mit unbefristeter Aufenthalts- oder Niederlassungsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Rechten auf soziale Sicherung sowie Ansprüchen auf Eingliederungshilfen. Neben den erwähnten 200.000 eingebürgerten Flüchtlingen lebten Ende 2012 45.000 ausländische Asylberechtigte sowie 71.000 ausländische anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK-Flüchtlinge) in Deutschland. So wurden zum Beispiel 1979 im Rahmen einer internationalen humanitären Hilfsaktion 35.000 Boat-People aus Vietnam aufgenommen. Weitere 51.000 Ausländer sind jüdische Emigranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Sie gehören zu der großen Gruppe von 213.000 jüdischen Zuwanderern insbesondere aus der russischen Föderation und der Ukraine, die vor allem zwischen 1993 und 2004 nach Deutschland kamen, wo ihnen aus historischen Gründen der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde. Sie sind ausgesprochen gut gebildet; zwei Studien ermitteln Akademikeranteile von 51 bzw. 70 Prozent. Da in diesem Fall nur die Zuzüge statistisch erfasst sind, gibt es keine Angaben darüber, wie viele der jüdischen Einwanderer heute noch in Deutschland leben. Durch diese Zuwanderung ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auf 104.000 Mitglieder angewachsen und zur drittgrößten in Europa geworden.
  • Flüchtlinge mit vorläufigem Bleiberecht oder Abschiebungsverbot: Nach den Berechnungen des Nürnberger Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erhielten etwa 51.000 Flüchtlinge in den Jahren 2007 und 2008 ein vorläufiges Bleiberecht. Voraussetzung dafür war, dass sie sich mindestens sechs bis acht Jahre in Deutschland aufgehalten hatten sowie dauerhaft beschäftigt und nicht von staatlicher Unterstützung abhängig waren. Ende 2013 lebten weitere 43.000 Ausländer in Deutschland, denen der "subsidiäre Schutz" gegen eine Abschiebung gewährt wurde, weil ihnen nach der Ausreise eine schwerwiegende Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit droht.
  • Geduldete: Die etwa 160.000 "geduldeten Flüchtlinge" – so die juristische Bezeichnung – befinden sich in einer schwierigen Situation ohne Perspektive: Aufgrund verschiedener rechtlicher Regelungen wird ihre Ausreisepflicht nicht umgehend durchgesetzt. Sie werden kurzfristig "geduldet" – aus dringenden humanitären oder persönlichen Gründen, auch aus politischem Interesse oder weil "die Ausreise nicht durchsetzbar" ist. Ihre Zukunft ist ungewiss.
  • Asylbewerber: Genau 99.999 Asylbewerber, deren Verfahren am 31.1.2014 noch nicht abgeschlossen war, unterliegen strikten Reglementierungen: keine sofortige und unbeschränkte Arbeitserlaubnis sowie seit 1994 Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Diese wurden 2012 angehoben, weil sie in der bisherigen Form nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht dem in Deutschland rechtlich festgelegten menschenwürdigen Existenzminimum entsprachen. Über lange Zeit unterlagen die Asylbewerber der sogenannten Residenzpflicht und durften den Bezirk der zuständigen Ausländerbehörde nicht verlassen. In den letzten Jahren hat die Mehrheit der Bundesländer diese starre Einengung der Bewegungsfreiheit allerdings aufgehoben.
"Illegale"

Als "Illegale" werden Ausländer bezeichnet, die ohne Genehmigung oder mit gefälschten Papieren eingereist sind oder nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung nicht ausgereist oder "untergetaucht" sind. Die Grenze zwischen "legaler" und "illegaler" Migration ist allerdings fließend. Mit der Osterweiterung der EU im Jahr 2004 dürfte die Zahl der Illegalen kleiner geworden sein, weil sich Migrantinnen und Migranten aus den neuen Mitgliedstaaten nunmehr legal in Deutschland aufhalten können. Nach einer Schätzung des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts lebten 2009 zwischen 138.000 und 330.000 Menschen illegal in Deutschland. Ihre Lebensbedingungen sind ausgesprochen prekär und belastend: hohe Ausbeutungsrisiken in illegalen Beschäftigungsverhältnissen, fehlende Krankenversicherung, permanentes Abschiebungsrisiko. 2011 wurde die Meldepflicht von Schulen und anderen Erziehungseinrichtungen abgeschafft, sodass die Gefahr, durch den Schulbesuch der Kinder entdeckt zu werden, weitgehend verschwunden ist.