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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Migration und Integration

Soziallage und Lebenschancen


Starke tendenzielle Unterschichtung

Tendenzielle UnterschichtungTendenzielle Unterschichtung (© Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands, 7., grundlegend überarbeitete Auflage Wiesbaden 2014, S. 290 (Datenbasis: Mikrozensus 2009; N = 489 349 Haushalte; berechnet von Sonja Weber-Menges).)
Die Lebenschancen der Migrantinnen und Migranten werden wesentlich von der starken tendenziellen Unterschichtung der deutschen Sozialstruktur durch Zuwanderer beeinflusst, das heißt Migranten sind in den unteren Schichten häufiger und in den höheren Schichten seltener platziert als Einheimische. Gut 15 Prozent der Ausländer im Vergleich zu 6 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund gehören der Unterschicht an und bestreiten ihren Lebensunterhalt überwiegend durch staatliche Mindestunterstützung (Sozialgeld, Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe). Weitere 38 Prozent leben in Familien von Un- und Angelernten, bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund sind es 22 Prozent. Die Schichtzugehörigkeit der Deutschen mit Migrationshintergrund ist nicht wesentlich besser als diejenige der Ausländer: 16 Prozent leben von staatlicher Mindestunterstützung und weitere 30 Prozent in Familien von Un- und Angelernten. Besonders stark sind die Migranten aus der Türkei von den Unterschichtungstendenzen betroffen.

Eine Sonderauswertung der Daten aus der Schulleistungsstudie PISA 2006 ermittelt die durchschnittlichen Unterschiede im sozioökonomischen Status zwischen den Familien von Einheimischen und Migranten im europäischen Vergleich (Geißler 2010). Dabei wird deutlich, dass die "Statuskluft" in Deutschland besonders stark ausgeprägt ist: Unter den 15 wichtigsten Einwanderungsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Deutschland zusammen mit Luxemburg Rang 1. In einigen europäischen Nachbarländern – Vereinigtes Königreich, Frankreich, Schweden und Norwegen – sind die Statusunterschiede zwischen Einheimischen und Migranten nur etwa halb so groß wie in Deutschland, und in klassischen Einwanderungsländern wie Kanada, Australien und Neuseeland fehlen sie völlig. Die starke tendenzielle Unterschichtung ist eine Hypothek, die uns die frühere Gastarbeiterpolitik, das lange Fehlen einer zukunftsorientierten Migrationspolitik und die damit zusammenhängenden Integrationsversäumnisse hinterlassen haben.
Die starke Unterschichtung beeinträchtigt die Lebenschancen der Migrantinnen und Migranten in verschiedenen Bereichen.

Arbeitslosigkeit – Armut – Gesundheit

Ausländische Erwerbstätige verrichten überproportional häufig belastende und gefährliche Arbeiten. Da sie auch überdurchschnittlich in krisenanfälligen Branchen beschäftigt sind (schrumpfendes produzierendes Gewerbe, Stahlindustrie und Bau) und dort zusätzlich noch in den besonders bedrohten Positionen mit niedrigen Qualifikationsanforderungen, ist ihr Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren und in der Folge unter die Armutsgrenze zu geraten, besonders hoch. 2013 betrug ihre Arbeitslosenquote 14,4 Prozent und lag um das 2,3-Fache über der Quote der Deutschen mit 6,2 Prozent. Ihre relativ niedrigen Einkommen – sie entsprechen denjenigen der Deutschen mit ähnlichen Qualifikationen, eine direkte Lohndiskriminierung besteht also nicht – und die hohen Arbeitsplatzrisiken haben zur Folge, dass viele Migranten an oder unter die Armutsgrenze geraten. 2010 lebten 32 Prozent der Ausländer und 26 Prozent aller Menschen mit Migrationshintergrund in relativer Armut (60-Prozent-Mediangrenze), von den einheimischen Deutschen waren es 12 Prozent.

Migrantinnen und Migranten sind häufiger krank und schätzen ihren Gesundheitszustand schlechter ein als Deutsche. Einige Studien, die dabei auch die Unterschiede im Bildungs- und Berufsstatus kontrollieren, zeigen, dass der höhere Krankenstand ein Unterschichtungseffekt ist und kein Migrationseffekt. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet das hohe Risiko psychosozialer Erkrankungen bei Flüchtlingen und Asylbewerbern, die traumatisierenden Erfahrungen wie politischer Verfolgung, Haft, Folter, Krieg oder gefährlicher Flucht ausgesetzt waren.

Bildung und Ausbildung

Schulabschlüsse von jungen AusländernSchulabschlüsse von jungen Ausländern (© Datenquelle: Institut für Mittelstandsforschung, ifm-Mannheim-Datenpool „Migrantenunternehmen in Deutschland“, eigene Berechnungen. - René Leicht / Marc Langhauser, Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland)
Bildung ist der Schlüssel zur Integration der Nachkommen von Migrantinnen und Migranten. Im allgemeinbildenden Schulwesen konnten die zweite und dritte Generation der Ausländer ihre Bildungsdefizite in den drei letzten Jahrzehnten deutlich vermindern. Aber auch 2012 war ihr Risiko, auf eine Förderschule für Lernbehinderte überwiesen zu werden oder das Schulsystem ohne Hauptschulabschluss zu verlassen, mindestens doppelt so hoch wie bei Deutschen. Ein hoher Anteil von 33 Prozent erwarb immer noch den Hauptschulabschluss im Vergleich zu 17 Prozent der Deutschen. Beim Abitur ist die Situation fast genau umgekehrt: 37 Prozent der Deutschen erreichten diesen Abschluss, aber nur 16 Prozent der Ausländer.
25- bis 34-jährige Migranten ohne beruflichen Abschluss oder Hochschulabschluss25- bis 34-jährige Migranten ohne beruflichen Abschluss oder Hochschulabschluss (© Grafik nach Daten der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hg.): Zweiter Integrationsindikatorenbericht, Paderborn 2011, S. 47)
Zwischen den verschiedenen Nationalitäten bestehen erhebliche Unterschiede beim Besuch der Sekundarstufe: Von den Schülerinnen und Schülern der ehemaligen Anwerbeländer gingen im Schuljahr 2011/2012 die Kroaten, Slowenen und Spanier am häufigsten auf ein Gymnasium. Bosnier, Griechen und Tunesier liegen im Mittelfeld, während Italiener und Türken zusammen mit den Serben, Mazedoniern und Marokkanern die Schlusslichter bilden. Aber nicht alle Ausländer sind benachteiligt. So besuchen junge Menschen aus einigen Flüchtlings- bzw. Aussiedlerländern – wie Vietnam, dem Iran sowie Russland und der Ukraine (bei den letzten beiden machen jüdische Einwanderer einen großen Anteil aus) – fast so häufig ein Gymnasium wie Deutsche oder sogar häufiger.

Die Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen beim Schulbesuch sind nachweislich auf entsprechende Unterschiede in den Schulleistungen zurückzuführen, aber die Leistungsunterschiede sind wiederum zu großen Teilen Unterschichtungseffekte. So schneiden zum Beispiel 15-jährige Einheimische beim Lesen um 96 PISA-Punkte und in Mathematik um 93 Punkte besser ab als die in Deutschland geborene zweite Generation aus zugewanderten Familien. Dies entspricht immerhin dem Lernfortschritt von mehr als zwei Jahren. Vergleicht man dann junge Einheimische und Angehörige der zweiten Generation mit gleichem sozioökonomischem Status, dann halbiert sich die Kluft auf 48 bzw. 45 Punkte, also auf gut ein Jahr Lernfortschritt.

Beschäftigungsbeitrag von MigrantenunternehmenBeschäftigungsbeitrag von Migrantenunternehmen (© Datenquelle: Institut für Mittelstandsforschung, ifm-Mannheim-Datenpool „Migrantenunternehmen in Deutschland“, eigene Berechnungen. - René Leicht / Marc Langhauser, Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland, hg.)
Die tendenzielle Unterschichtung ist in Deutschland nicht nur besonders stark, sondern ihre Folgen sind hier auch besonders verhängnisvoll, denn Deutschland gehört zu denjenigen Gesellschaften der OECD, in denen die Schulleistungsunterschiede der Jugendlichen aus verschiedenen Schichten besonders weit auseinanderklaffen.
Alarmierend sind die Probleme der jungen Migrantinnen und Migranten in der beruflichen Ausbildung. 2010 standen immer noch 38 Prozent der ausländischen 25- bis 34-Jährigen sowie ein Drittel der ersten Generation, die mit ihren Eltern eingewandert ist, ohne beruflichen Abschluss da. Bei der in Deutschland geborenen zweiten Generation sind die Defizite nicht ganz so dramatisch, aber auch hier ist der Anteil ohne abgeschlossene Berufsausbildung mit 25 Prozent fast dreimal so hoch wie unter den Einheimischen (9 Prozent). Für viele junge Migrantinnen und Migranten ist damit der Weg in die Arbeitslosigkeit und Randständigkeit, für einige auch in die Kriminalität vorprogrammiert. Die Situation, die Heinz Kühn bereits vor über 30 Jahren diagnostizierte und kritisierte, hat sich bis heute nicht entscheidend verändert.

Wichtige Ursachen für die berufliche Bildungsmisere der Migrantinnen und Migranten sind ihre niedrigen Schulabschlüsse und ihre schlechten Schulnoten. Aber auch bei gleichen schulischen Voraussetzungen und trotz intensiverer Bewerbungsbemühungen werden sie seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und anschließend eingestellt. Die ethnische Herkunft als solche spielt also bei der Auswahl mancher Betriebe eine Rolle. Besondere Schwierigkeiten hatten junge Menschen mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund.

Kulturelle Integration

Die Sinus-Migranten-Milieus in DeutschlandDie Sinus-Migranten-Milieus in Deutschland (© SINUS-INSTITUT 2011)
Zu den wichtigen Erkenntnissen der internationalen Identitätsforschung gehört, dass ein großer Teil der Einwanderer bikulturelle "hybride Persönlichkeiten" ausbildet: Nach einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2009 versuchen 74 Prozent der deutschen Migrantinnen und Migranten, die Werte und Traditionen ihres Herkunftslandes mit den deutschen zu verbinden. In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Ergebnis der internationalen Forschung wichtig: Bikulturalität, also die Verbindung von Elementen zweier verschiedener Kulturen, ist kein Hindernis für die Integration, sondern begünstigt diese sogar. So fördert eine Studie zu jugendlichen Einwanderern in zwölf Ländern – darunter auch Deutschland – Folgendes zutage: Bikulturell orientierte Jugendliche sind am besten integriert, und zwar erheblich besser als herkunftsorientierte, aber auch besser als assimilierte Jugendliche, deren Einstellungen sich der Gesellschaft, in der sie leben, angepasst haben (Berry u. a. 2006).

Das Sinus-Institut hat die Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2008 erstmals mit seinem subkulturellen Milieukonzept untersucht und acht Migrantenmilieus identifiziert, die sich nach ihren "Wertvorstellungen, Lebensstilen und ästhetischen Vorlieben" unterscheiden. Die Mehrheit von ihnen ähnelt inhaltlich den Milieus der Einheimischen, und sie machen die große kulturelle Vielfalt innerhalb der Gruppe der Migrantinnen und Migranten deutlich. Ein Ergebnis der Studie ist besonders bedeutsam: Die Herkunftskultur der Migranten bestimmt nicht ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu. Alle Milieus sind – so wie auch die räumlichen Migrantenviertel – multikulturell durchmischt. Das gilt selbst für das religiös verwurzelte Milieu, in dem man Einwanderer aus der Türkei oder islamischen Ländern vermuten könnte. Zwar sind sowohl Türkeistämmige (47 Prozent) als auch Muslime aus islamischen Ländern (54 Prozent) überproportional vertreten, aber fast die Hälfte der religiös Verwurzelten sind Christen und Angehörige anderer Religionen.